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Ausgabe 1/98


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Nur hinsehen macht frei

Die Wehrmachtsausstellung in Graz

 

Vom 2. Dezember 1997 bis 11. Jänner 1998 wurde in Graz, wie schon in anderen Städten Deutschlands und Österreichs, die Ausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung "Vernichtungskrieg Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944" gezeigt

 

In vielen Städten, man erinnere sich nur an München, gab es im Vorfeld der Ausstellung teilwei­se heftige öffentliche Diskussionen, doch in Graz heizte die Terminkollision mit den Gemeinderatswahlen 1998 die Diskussion noch zusätzlich an. Viele Politiker sahen sich daher aus "wahltaktischen" Überlegungen dazu gezwungen, sich negativ zur geplanten Wehrmachtsausstellung zu äußern. Die Angst vor einer Instrumentalisierung der Wehrmachtsgeneration aus wahltaktischen Über­legungen saß tief und wirkte lähmend. In der Steiermark entstand so ein Klima, das es den Organisatoren fast unmöglich machte, einen Platz für die Ausstellung zu finden. "Drei Monate haben wir nach geeigneten Räumlichkeiten gesucht", erzählt uns Martin Hochegger, einer der Organisatoren der Ausstellung in Graz, "mit 80 ver­schiedenen Hausbesitzern, Großgrundbesitzern, Adelsfamilien und Konzernen haben wir verhandelt, um einen geeigneten Ort für die Ausstellung zu fin­den. Alle haben jedoch aus verschiedensten Gründen abgelehnt, einmal war es politisch nicht opportun, dann geschäftsschädigend, es war eine unglaubliche Belastung; noch dazu waren wir gleichzeitig den Attacken der Öffentlichkeit ausgesetzt."

Auf Grund internationalen Drucks, verursacht durch Zeitungsartikel aus dem europäischen Ausland, stellte letztendlich die Universität Graz das Meerscheinschlößel zur Verfügung. Doch damit war die öffentliche Diskussion noch lange nicht beendet. Nachdem sich der sozialdemokratische Bürgermeister Alfred Stingl nach anfänglichem Zögern dazu entschloß, den Ehrenschutz für die Ausstellung zu übernehmen, versuchte die FPÖ und insbesondere die Kronen Zeitung erneut die Wehrmachtsausstellung zu bekämpfen. Bürgermeister Stingl bekam hunderte Schmähbriefe, ebenso der Rektor der Universität. Die Adresse des Ausstellungsbüros mußte aus Angst vor Anschlägen geheim gehalten wer­den. Martin Hochegger selbst bekam mehrere telefoni­sche Morddrohungen, sodaß er und seine Familie eine gewisse Zeit unter dem Schutz der Staatspolizei leben mußten.

Martin Hochegger, von Beruf Religionspädagoge und Psychoanalytiker und in der Freizeit Obmann des Vereins ZEBRA (Zentrum zur sozialmedizini­schen und kulturellen Betreuung von Ausländerinnen in Österreich), erzählt über die Motivation, die Wehrmachstausstellung nach Graz zu holen: "ZEBRA hat sich in den letzten Jahren vor allem mit Kriegsflüchtlingen aus Bosnien und Folteropfern aus anderen Teilen der Welt beschäftigt. Durch diese Beschäftigung haben wir festgestellt, daß unsere Gesellschaft noch unglaublich traumatisiert ist von den Ereignissen vor 50 Jahren. So haben wir begonnen, uns mit unserer Geschichte zu beschäfti­gen. Besonders haben uns die Auswirkungen auf die unterbewußten, kollektiven Ebenen interessiert, die sich heute in unsere Gesellschaft über Gesetze, über Haltungen so manifestieren, daß es zu Ausländerfeindlichkeiten kommt."

 

"Graz war und ist eine der Hochburgen des Nationalsozialismus in den vergangenen Jahren gewesen. Es gibt Netzwerke m Graz, die nach wie vor dem Gedankengut jener Zeit nachhängen, die bis ins Bürgertum hineingehen und höchste Kreise der Politik beeinflussen", meint Martin Hochegger. Vor diesem Hintergrund scheint eine intensive Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nationalsozialismus in der Steiermark um so wichtiger. "Für uns war die Wehrmachtsausstellung aber immer nur ein punktuelles Ereignis, sagt Martin Hochegger, "allein um dem Vorwurf der Pauschalisierung zu entkommen, aber nicht um zu relativieren, sondern um zu differenzieren, haben wir von Anfang an klar gesagt, wir wollen eine gesell­schaftlich breite Diskussion in der Steiermark über das Dritte Reich und die Wehrmacht führen". In der mittlerweile ent­standenen Plattform Nur hinsehen macht frei haben sich über 40 Organisationen zusammengefun­den. Vertreten sind von der Katholischen Jugend, über die Sozialistische Jugend auch das Schauspielhaus Graz, der Öster­reichische Gewerkschaftsbund und beispielsweise die "Arge gegen Gewalt, Rechtsextremismus und Ausländerinnenfeindlich­keit."

 

Das Rahmenprogramm zur Ausstellung umfaßte über 200 Veranstaltungen      in      der Steiermark. Damit ist es, so berichtet uns Martin Hochegger nicht ohne Stolz, das umfangreichste Rahmen­programm  zu  einer Wehr­machtsausstellung überhaupt. Neben Veranstaltungen an der Universität    Graz    gab    es Gedenkveranstaltungen zum 9. November und zum Tag der Menschenrechte     am     10. Dezember. Einen Schwerpunkt bildete die Veranstaltungsreihe "Dialog der Generationen", in der        Jugendliche         mit Historikern und Wehrmachtsteilnehmern über die Zeit des Nationalsozialismus diskutieren konnten. Ein Schwerpunkt bildete die "Spurensuche" von Widerstand, Verfolgung und Nationalsozialismus in vielen Orten der Steiermark sowie die Beschäftigung mit den verschieden Opfergruppen des Holocaust,

den Juden, den Roma und Sinti, den Homosexuellen oder behinderten Menschen. Theateraufführungen, Konzerte verbotener Musik und eine Sammelaktion alter Wehrmachtshelme, die dann zu einem Monument der "nachträglichen Abrüstung" zusammengeschweißt wer­den sollen, rundeten das Programm in Graz ab.

"Das Ganze hat in den letzten Monaten eine unge­heure Eigendynamik entwickelt." Die Wehrmachtsaus­stellung wirkt als Katalysator für eine breitangelegte Diskussion im privaten, aber auch im öffentlichen Raum." Opfergruppen, wie etwa behinderte Zeitzeugen, wurden zum erstenmal überhaupt in einen Bildungsprozeß eingebunden: "In der Volkshochschule gab es eine Veranstaltung zum Nürnberger Ärzteprozeß, der in Gebärdensprache übersetzt wurde. Zum erstenmal hatten Gehörlose so die Gelegenheit, über ihre Erfahrungen während der Zeit des Nationalsozialismus zu sprechen. Die Folge davon ist, das nun die Volkshochschule verstärkt Bildungsarbeit von und für Gehörlose machen wird."

Schwieriger gestaltete sich aber der Dialog mit ehemaligen Kriegsteilnehmern."Im Erinnerungsprozeß ist nicht nur der Opfer würde­voll zu gedenken, sondern auch die Würde jener zu respektieren, die egal, aus welchen Gründen, in das Regime verstrickt waren. Diese Absicht zu ent­wickeln ist eine spannende Geschichte", meint Martin Hochegger. Und in der Tat ist es den Veranstaltern zumindest in Ansätzen gelungen, mit Vertretern des Kameradschaftbundes abseits des stark emotionalisierten, öffentlichen Raumes Bereitschaft zum Dialog zu erzeugen.

"Zumindest akzeptiert und anerkennt der Kameradschaftsbund unsere Bemühungen zu diffe­renzieren. Aus diesem Wahrnehmen der Differenzie­rung resultierte auch die Bereitschaft, daß sich viele Wehrmachtsangehörige als Zeitzeugen zur Verfügung stellen." Persönlich besonders berührt hatte Hochegger die Reaktion des Kameradschaftsbun-dobmannes Heidinger auf die Arbeit von ZEBRA mit Kriegsflüchtlingen und Kriegstraumatisierten in Ex-Jugoslawien: "So etwas hätten wir nach dem Krieg auch gebraucht. Wir wollen der österreichischen Öffentlichkeit klar machen, daß es nicht um Verurteilen geht, sondern daß wir uns alle klar wer­den, welche Facetten und Strategien damals einge­setzt wurden, um eine ganze Generation ms Unglück zu treiben."

 

Niko Wahl/Christian Klösch