AuslandseinsatzHolocaust-EducationStudienfahrtenVereinLinks
Ausgabe 1/98


2016
2015
2014
2013
2012
2011
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
2000
1999
1998

Nichts ist unmöglich

Josef Ulrich überlebte als Jude den Zweiten Weltkrieg in Wehrmachtsuniform verkleidet und rettete dabei zwölf Menschen das Leben

 

Ein Verein, der sich das Gedenken an den Holocaust zur Aufgabe macht, muß sich die Frage nach dem Sinn dahinter stellen. Wissen als Warnung vor Wiederholung? Wir gaben sie wei­ter an jemanden, der das Unglaubliche selbst erlebt hat: Josef Ulrich, 1922 als Jude in Lemberg geboren, hat den Krieg in Wehrmachts-Uniform überlebt. Die Nazis überlistet, um sein eigenes Leben zu retten -und das von 12 anderen Menschen.

Hier ist seine Geschichte: Josef Ulrich ist 1939 Maturant im damals polnischen Lemberg. Von den russischen Besatzern wird seine Familie zuerst als verhaßte "Bourgeois" verfolgt: "Uns ist es gelungen, davonzukommen, wir haben uns bei den Großeltern von Mutter versteckt. Um in Rußland nicht zum Militärdienst eingezogen zu werden, habe ich ein Studium begonnen: altgriechische Kultur, das mich überhaupt nicht interessiert hat." Als Student brin­gen die Russen diesem Sohn eines Textilindustriellen Respekt entgegen und er entgeht dadurch einer Inhaftierung. Das Studium muß er mit dem Überfall Deutschlands auf die Sowjetunion im Jahr 1941 abbrechen und er wurde zur Zwangsarbeit am örtlichen Bahnhof eingeteilt. Aufgrund der unterschiedlichen Schienen in Ost und West werden die Züge in Lemberg umgeladen, und "ich hatte das Glück, daß man mich für diese Arbeit eingeteilt hat." "Glück", weil sich hier die Gelegenheit zum Diebstahl bot. Einerseits kann er die gestohlenen Sachen verkaufen, Essen mit dem Erlös besorgen und so das Überleben seiner Familie sichern. Andererseits "hatte ich die Möglichkeit, Uniformen von toten Soldaten zu stehlen: Einmal einen Gürtel, einmal ein Jacke, einmal Hosen." Und irgendwann hatte Ulrich mehrere vollständige Wehrmachtsuniformen zusammengetragen.

Das bedeutet viel: Ulrichs eigenes Durchkommen, die Rettung von zwölf anderen Menschen, darunter auch sein Vater, wird möglich. Aus der Lagerdruckerei besorgt sich eine vierköpfige Gruppe von Widerstandskämpfern, die sich um Ulrich formiert, "Blanko-Marschbefehle", mit denen die Ausreise schließlich gelingt - und dies sogar "legal", in der Uniform des Feindes. Das Gefühl dabei? "Eine unglaubliche Macht, besonders gegenü­ber den Ukrainern und Polen, die Juden eher am Akzent erkennen konnten als es Deutsche vermoch­ten. Und auch das Gefühl einer kleinen Chance, vielleicht doch zu überleben. Ich war damals 20 Jahre alt, der Wahnsinn war auch ein Abenteuer für mich. Und: welchen Ausweg hatte ich? So gab es eine fünfprozentige Überlebensmöglichkeit, anderer­seits eine hundertprozentige getötet zu werden."

 

Die Tatsache, daß er zwölf Menschen befreit hat, erwähnt Josef Ulrich fast nebenbei, sehr bescheiden. Er hebt die Erinnerung an einen Mann hervor, an den einzigen, der sich nicht retten (lassen) wollte: "Der Mann war jüdischer Kommandant im Lager von Lemberg und wollte bleiben, eben um andere Leute retten zu können. Er verlegte jene Leute, die er kannte von einer zum Abtransport bereiten Gruppe in eine andere. Er hat gewußt, daß er am Ende auch getötet wird. Ich achte ihn hoch." Ulrich selbst scheint sein Leben dem Zufall zu verdan­ken: Als die Nazis in Josef Ulrich: "Nichts ist im Leben unmöglich,"

der Jacke eines Widerstandskämpfers Blanko-Ausweise finden, kontrollieren sie acht Tage lang alle Leute am Bahnhof von Bukarest. Gerade zu jener Zeit sollte Ulrich dort ankommen. "Es war eine lange Reise, es war Sommer und es gefiel mir in Odessa, wo ich auch ausgestiegen bin. Daher kam ich einige Tage später als geplant nach Bukarest. Einen Tag zuvor hatten die Nazis die Kontrollen beendet." Trotzdem wird es noch gefährlich: Einer seiner Freunde vergißt seine Geldbörse mit den Blanko-Ausweisen in der deutschen Kommandantur. Es passiert das Unerwarteter., nämlich gar nichts: Sie wurde ordent­lich in einer Lade verwahrt und ungeöffnet ausgehän­digt. Doch "die Spannung, die er da miterlebt hat, wünsche ich niemandem, und ich brauche es nieman­dem zu erzählen. Nicht einmal ich kann es verstehen, wo ich wirklich damit zu tun hatte." Denn Ulrich und ein Begleiter warteten vor der Amtsstube mit geladener Pistole, jederzeit bereit, den Freund, wenn nötig, mit Gewalt zu befreien.

In Bukarest verbringt Ulrich die Zeit bis Kriegsende und kommt zu Beginn der fünfziger Jahre, zusammen mit seinem Vater, nach Wien. Erst mit dem Staatsvertrag im Jahr 1955 erhalten sie die österreichische Staatsbürgerschaft. Obwohl es mit der Erinnerung an die Nazi-Zeit schwer ist in Wien zu leben, wird diese doch von Existenzsorgen über-

schattet. Außerdem sind anfangs für Ulrich nur die Deutschen "die Nazis" gewesen. Er kann sich den­noch ''überwinden" und auch von zwei "guten" Deutschen erzählen, die er im Krieg getroffen hat. Er tut dies noch bevor er jene erwähnt, die ein Baby gegen eine Wand geschlagen und auseinandergeris­sen haben. Der eine besetzt zwar sein Haus, rät ihm aber beim allmorgendlichen Treffen im Badezimmer zu flüchten, was Ulrich allerdings ablehnt. "Wir haben den Kontakt verloren, als ich ins Ghetto zie­hen mußte. Doch ich traf ihn in deutscher Uniform gekleidet an der polnisch-russischen Grenze. Er blickte mir in die Augen und mein Herz blieb bei­nahe stehen. Ich habe seine Augen leuchten gesehen, dann hat er sich umge­dreht und ist weggegan­gen. Ich sah ihn nie wie­der." Der andere hat, als Ulrich und seine Familie noch nicht im Ghetto lebten, für alle Juden der Umgebung getanzt, Musik gespielt und sie getröstet.

 

Doch läßt sich wirk­lich eine Sprache mit Worten des Trostes fin­den, die das Leid wieder­zugeben vermag, das die Nazis verursacht haben? Josef Ulrich sagt, er habe mit allem abgeschlossen -Zeit heile die Wunden und vieles verblasse. Nur die Angst vergißt

er nicht, die ihn überwältigte, wenn er während der Besatzung die deutsche Uniform auszog, und die ihn auch bis heute nicht im Traum losläßt. "Man kann mich um zwölf in der Nacht aufwecken, ich weiß auch dann jedes Detail von damals, als ob ich es jetzt noch vor Augen hätte. Trotzdem bin ich mir bewußt, daß unser Leid schwer vorstellbar ist. Daher wundere ich mich nicht, daß es heute Menschen gibt, die daran zweifeln. Es ist einfach unglaublich, daß ein Mann mit jemandem sprechen, ihn sogar beruhigen kann - und wenn er sich umdreht, ihm in den Kopf schießt. Das ist kaum zu glauben. Aber ich habe es gesehen. Jeder mißt mit seinem Maßstab. Man muß ein Verbrecher sein, um einen anderen Verbrecher zu verstehen. Sonst ist es nicht zu begreifen."

Aus diesem Grund ist die Arbeit von Gedenkdienst sehr wichtig. Ulrich ist zwar eher pessimistisch was die Lernfähigkeit der Menschheit betrifft und bezweifelt, daß die Aufklärungsarbeit genügend Leute erreichen wird. Allerdings: "Welche Alternative haben wir sonst, als es zu versuchen?" Zum Schluß hat Ulrich noch eine optimistische Botschaft: "Ich kann allen nur raten: Streicht das Wort unmöglich aus Eurem Vokabular. Ich habe in meinem Leben gelernt, daß nichts unmöglich ist."

 

Raphaela Kitzmantel, Markus Broer