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Ausgabe 1/98


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Wilna - Das Jerusalem Litauens

Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten etwa 100.000 Juden im litauischen Wilna und die jüdische Kultur im Land galt als eine der lebendigsten in Europa

 

Als Gedenkdienstleistender aus Österreich ist man nur noch auf den Spuren unterwegs. Trotzdem ist die große jüdische Kultur Wilnas, ihre 600-jährige Vergangenheit allgegenwärtig in Litauens Hauptstadt. Die besondere Situation des mittelalterlichen Europas, bestimmt durch Kreuzzüge, politische Wirren und die an Zahl zuneh­menden Pogrome gegen die jüdische Bevölkerung, schuf für die Juden Westeuropas ein oftmals existenz­bedrohendes Klima, das viele zur Flucht in den Osten bewog. Das damalige Litauen nahm die ankommenden Familien gerne auf, galt es doch, eine eigene neue Gesellschaft aufzubauen. Schon 1388 unter Fürst Vytautas dem Großen gab es für die ankommenden Siedler erste Privilegien und weitrei­chende Bürgerrechte. Grundstücke durften erworben werden und knapp 200 Jahre später entstand die Große Synagoge in Vilnius, der "Schulhoif". Da Litauen als letztes Land Europas christianisiert wurde, kein christlicher Antisemitismus verwurzelt war und aufgrund der Aufbausituation eine gewisse Toleranz herrschte, konnte sich das litauische Judentum sehr stark eigenständig entwickeln. Noch heute nennen sich die wahren litauischen Juden stolz "Litvaks".

Elijah Ben-Salomon Zalman war einer ihrer her-ausragendsten Vertreter. Der Gaon von Wilna, wie er nach seinem Ehrentitel genannt wurde, hat sein ganzes Leben dem Studium der Tora, des Talmuds und der hebräischen Grammatik verschrieben. Er lehnte die mystische, auf das Volk bezogene Chassidische Bewegung aus der Ukraine ab und meinte, daß das Studium der Tora die Garantie für jüdische Kontinuität sei. Zalman lebte und lehrte in Wilna, dem Zentrum des osteuropäischen Judentums, er zog Schüler aus ganz Europa an und strahlte ein Licht aus, das die kleine jüdische Gemeinde Litauens heute noch weiterzutragen ver­sucht. So wurde im September dieses Jahres eine internationale wissenschaftliche Konferenz zum 200. Todestag des Gaon organisiert, die von hunderten Besuchern aufgesucht wurde.

Ein "Besucher" im Jahre 1812 war von dieser Stadt vollkommen begeistert. Besser gesagt war er gerade auf dem Feldzug gegen Rußland, wobei er Wilna eroberte. Napoleon Bonaparte, oberster Feldherr und Kaiser von Frankreich. Er besuchte die Große Synagoge und verglich sie von ihrer Schönheit mit Notre Dame in Paris. Als er durch das jüdische Viertel spazierte und sah, wie ausgeprägt die jüdische Kultur sich präsentierte, erwähnte er, daß ihn dies an Jerusalem erinnere.

Einer Legende nach, ist so der Name für Wilna - Jerusalem Litauens - entstanden. Aber auch große Gelehrte wie etwa Matthias Strashun, der Rabbiner Grodzensky, Schriftsteller und Philosophen wie Levinsohn, Steinberg, Finn und Gordon wirkten in dieser Stadt. Vilnius wurde zu einem Zentrum der Haskala, der jüdischen Aufklärung. Zu Beginn unseres Jahrhunderts war die Stadt Sammelpunkt der Zionisten wie Wolffsohn, Nachfolger Theodor Herzls, Ben-Zvi und Schasar, die beide nach dem Zweiten Weltkrieg Präsidenten Israels wurden. Andererseits war auch die revolutionäre Sozialdemokratie in Wilna stark vertreten. "Der Bund", eine jüdi­sche sozialistische Partei, wurde 1897 dort gegründet. Rund 100.000 Juden lebten in der Hauptstadt Litauens vor dem Ersten Weltkrieg, während des Krieges und der Zwischenkriegszei t reduzierte sich die Zahl durch Emigration drastisch. Trotzdem erblühte Wilna wieder. In Schulen wurde Jiddisch und Hebräisch unter­richtet, die Druckerei "Gebridder Romm" war das größte jüdische Verlagshaus weltweit, es gab sechs verschie­dene Tageszeitungen in Jiddisch und Hebräisch, Makkabi Sportclubs, die religiösen Yeshivot Schulen und natürlich das YlVO-Institut, das seinen Hauptsitz in Wilna hatte. Gegründet wurde es von Max Weinrech 1925 in Berlin. Persönlichkeiten wie Albert Einstein, Marc Chagall und Siegmund Freud waren im Vereinsvorstand vertreten, dessen Hauptanliegen die Erforschung der jiddischen Sprache war. In den frühen 20er und 30er Jahren war die Vorstellung eines zweiten großen Krieges oder gar eine drohende Vernichtung der europäischen Juden unrealistisch beziehungsweise nicht präsent.

 

Nach dem Hitler-Stalin-Pakt marschierten 1939 die Sowjets in Litauen ein, was das kleinere Übel für die jüdische Bevölkerung war. Dennoch wurden jüdi­sche Organisationen aufgelöst, Eigentum eingezogen und unter den 35.000 litauischen Bürgern, die nach Sibirien deportiert wurden, waren 7.000 Juden (7% der jüdischen Gesamtbevölkerung). Doch es sollte noch schlimmer kommen: Am 22. Juni 1941 begann das Unternehmen "Barbarossa" - der Sturm auf die UdSSR. Zwei Tage später eroberte die Deutsche Wehrmacht Vilnius, es folgten die Einsatzbataillone, Sicherheitsdienst, Gestapo und SS. In der lokalen Bevölkerung fanden sie oftmals freiwillige Helfer. Noch vor dem deutschen Einmarsch gab es Pogrome gegen hunderte Juden, von Litauern verübt. Nachbarn erschlugen Nachbarn, nur weil diese Juden waren. Dieses schwarze Kapitel der Geschichte ist heute noch ein schwieriges Thema in Litauen.

Faktum ist, daß 95% der litauischen Juden ermordet wurden, einer der höchsten Prozentsätze in ganz Europa, und nicht nur litauische Juden, sondern auch Deportierte aus Rußland, Deutschland, Frankreich und Österreich fan­den ihren Tod auf litauischem Boden. Ein Ort ist in die­sem Zusammenhang besonders zu erwähnen: Der Wald von Ponar, 10 km außerhalb von Vilnius. Dort wurden von den Nazis und deren Handlangern Massenexekutionen durchgeführt. In 12 Gruben erschos­sen die Exekutionskommandos etwa 100.000 Menschen, darunter rund 60.00 bis 70.000 Juden. Am Beispiel Ponars, auf litauisch Paneriai, erkennt man auch,  wie  mit  der  Geschichte während der Sowjetherrschaft umge­gangen wurde. Fünfzig Jahre lang stand auf dem Mahnmal zu lesen, daß an diesem Ort mehr als 100.000 Sowjetbürger von den Faschisten ermor­det wurden. Kein Wort von den Tätern und von der jüdischen Opfergruppe - erst­mals war 1991 auf einem Gedenkstein die Inschrift zu lesen, daß in Ponar etwa 70.000 Juden ermordet wurden.

Den Umgang der Sowjets mit dem Holocaust beschrieb Efraim Zuroff, Leiter des Simon Wiesenthal Centers in Jerusalem kurz und prägnant: "Was wichtig gewesen wäre, wäre die Erinnerung an Mord, was tatsächlich passierte, war der Mord an der Erinnerung." Die Geschehnisse wurden nie wirklich aufgearbeitet, jüdisches Leben ignoriert und späte­stens ab 1949 im Zuge der antizionistischen Politik unterdrückt. Nach dem sowjetischen Sieg gegen die deutschen Faschisten fanden einige wenige Kriegsverbrecherprozesse statt. Heute: Aleksandras Lileikis, ein litauischer Kollaborateur, der nach dem Zweiten Weltkrieg in die USA floh, vor einigen Monaten als Kriegsverbrecher entlarvt und nach Litauen abgewiesen wurde. Doch es geschieht am

Baltikum diesbezüglich nichts. Er wurde weder ange­klagt, noch gibt es eine moralische Verurteilung sei­ner Verbrechen. Erste Diskussionen m den Zeitungen ja, aber nicht mehr. Dieser Zustand prägt natürlich auch das Verhältnis der litauisch-jüdischen zur restli­chen Bevölkerung. Nachdem die Grenzen im unab­hängigen Litauen sowieso offen für die Emigration sind, die wirtschaftliche Lage sich nicht vielverspre­chend darstellt und heute noch Vorurteile gegenüber Juden existieren, beziehungsweise Antisemitismus gesellschaftsfähig ist, trägt ein solches Vorgehen von offizieller Seite nicht dazu bei, bestehende Spannungen abzubauen.

Heute leben noch 5.500 Juden in Litauen, der größte Teil davon ist aus Rufsland zugewandert. Mit der Unabhängigkeit Litauens begann auch die Wiedergeburt der jüdischen Kultur. Ein Museum wurde gegründet, Gottesdienste werden in der einzigen erhaltenen Synagoge abgehalten, die jüdische Gemeinde ist ein stark frequentierter Ort, die chassidische Chabad Bewegung schickte einen Rabbiner aus New York, eine Armenküche versorgt täglich Notleidende, die jüdische Studenten haben eine eigene Vertretung, Makkabi Sportklubs und jüdische Kulturvereinigungen sind sehr aktiv.

Es gibt eine staatliche Scholem Aleichem Schule und zahlreiche andere Aktivitäten und Einrichtungen. Man könnte diese Liste noch lange fortsetzen, doch muß man sich bewußt sein, daß der Anteil der jüdischen Bevölkerung m Litauen wieder stark abnimmt.

Frau Jevegenia Biber, eine Überlebende des Holocaust und heute Mitarbeiterin im jüdischen Museum von Wilna, hat schon vieles in ihrem Leben durchgemacht. Erst kürzlich wurde sie gefragt: „Weshalb gehen Sie nicht nach Israel, in Litauen gibt es doch keine Zukunft?" Ruhig antwortete sie: „Ich habe mir diese Frage schon oft selber gestellt. Doch wenn ich sehe, wie diese jüdische Kultur entstanden ist, ausgehend von nur ein paar Familien, so habe ich noch genug Hoffnung. Es wird sicherlich nie wieder ein Jerusalem Litauens geben, doch müssen wir an das Gewesene vorort erinnern."

 

Markus Ebenhoch(20), arbeitete zwischen August 1996 und September 1997

als Gedenkdienstleistender im Jüdischen Museum in Wilna