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Ausgabe 1/98


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Gedanken

»...Ihre Aufgabe war es gewesen, in Auschwitz die Zäune weiß zu streichen. Ja, das ist möglich. Zivildienst als Wiedergutmachung. Ob das sinnvoll sei, fragte ich zweifelnd.«

(Ruth Klüger, weiter leben, Eine Jugend)

 

Ruth Klüger bezeichnet in ihrem Buch zwei junge deutsche Studenten, die ihren Zivildienst als Aktion-Sühnezeichen-Freiwillige in Auschwitz absolvierten, als ihre "Zaunanstreicher". Was bewegt junge Menschen an Orte Klügers Kindheit, Theresienstadt und Auschwitz, zu gehen, um dort mit der Vergangenheit "fertig zu werden"? Friedrich Nietzsche vergleicht den Zustand des Sich-Erinnerns mit "einem Grad von Schlaflosigkeit, von Wiederkäuen, von historischem Sinne, bei dem das Lebendige zu Schaden kommt,...". In Österreich wurden nach dem Zweiten Weltkrieg einfache Antworten auf Fragen nach der Bedeutung des Vergangenen gegeben. Unrechtsbewußtsein im Hinblick auf Diskriminierung, Deportation und Ermordung entstand kaum, statt dessen wurde der Opfermythos geprägt, um einer Identität den Weg zu ebnen, beziehungsweise um ein Leben nach den Kriegsjahren zu ermöglichen. Auch im Hintergrund wurden Versuche, begangenes Unrecht zu lindern, zumindest materiell, auf eine Farce reduziert. Ein Großteil der Politik war eindeutig, aber nicht im Sinne von Nietzsche. An die Vergangenheit wurde erinnert - der Staat als Opfer und Einzelpersonen als Opfer - die Vergangenheit war also bedeutungsvoll.

In diesem Sinne hatte Erinnerung eine einfache Funktion, die Zeit des Krieges zügig zu erläutern und abzuschließen, um die Dämonen der Vergangenheit zu bannen.

An dem so geprägten Diskurs begann erst der Zahn der Zeit zu nagen. Schon vor der Affaire Waldheim war es gelungen, auf merkwürdigen Wegen diesen Betrachtungen der jüngeren Geschichte einen Sinn zu geben. So prägte Bruno Kreisky, der noch im Wahlkampf 1970 mit antisemitischen Angriffen konfrontiert war, nach den Vorkommnissen um Friedrich Peter und seiner Verurteilung im Prozeß gegen Simon Wiesenthal, den Satz vom "Verzeihen". Er bezog sich auf die im Dritten Reich diskriminierten Gruppen, denen Unrecht zugefügt worden war: Sie sollten verzeihen! Doch erst im Rahmen der Diskussion um Kurt Waldheim vollzog sich der entscheidende Bruch. Die von der SPÖ initiierte Kampagne, in deren Zentrum die Vergangenheit Kurt Waldheims stand, verfehlte erstens ihr Ziel und wurde zweitens - zusammen mit den Diskussionen um sie- zum Symbol einer verdrehten Betrachtung der Vergangenheit. Man könnte nun versucht sein, diese Entwicklungen auf Österreich zu begrenzen, was sie aber aus ihrem Kontext reißen würde. Unter anderen Vorzeichen wurden auch in Deutschland, Frankreich und anderen Ländern seit dem Beginn der neunziger Jahre Geschichtsbilder neu aufgerollt (man denke nur an die saubere Wehrmacht oder den Resistance-Mythos).

Diese Ereignisse sind noch in meiner Erinnerung lebendig: Die Worte Michael Graffs vom Nachweis der "fünf eigenhändig ermordeten Juden" in einer Tageszeitung und die Reaktionen der Kärntner SPÖ-Politiker, die zwischen Ulrichsbergreden und Waldheim-Angriffen pendelten. Auch das desillusionierende Element ist mir noch in Erinnerung, einige Fassaden begannen durchsichtig zu werden, "Heldinnen meiner Kindheit" erschienen in einem völlig anderem Licht, die zum Teil hörbaren Österreichvorurteile im Ausland wirkten trotz ihrer oberflächlichen Pauschalität nachhaltiger, die Ergründung dieses anderen Lichtes begann notwendiger zu werden.

Erinnerung wird also zu einem Konzept, auf die Welt zuzugehen, zum einen dadurch, daß Menschen über die Geschichte ihres Lebens erzählen, auch darüber, wie die Erfahrung zur Geschichte wurde. Zum anderen, daß diese Geschichten in Summe einen differenzierten Ausgangspunkt darstellen, also Beschäftigung mit der Vergangenheit als Desillusionierung und Aufforderung.

 

Josef Teichmann