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Kommentar und Editorial

Kommentar

Gedenken mit Büffet

 

Ich hatte am Jahrestag des Atombombenabwurfes über Hi­roshima Gelegenheit, an einer of­fiziellen Gedenkveranstaltung in Deutschland teilzunehmen. Nach mehreren bedenklichen Worten führte ich freundliche und zum Teil auch interessante Gespräche bei einem sehr guten Büffet.

 

Dieses Erlebnis war vielleicht dazu angetan meine Nähe zur ja­panischen Küche zu fördern, mein Interesse für Gedenktage hat es sicherlich nicht gefördert. Insofern verfolgte ich die wenige Jahre später beginnende Debatte um die Einführung eines Tages zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus mit lediglich mäßigem Interesse. Immer wenn ich mit dieser Diskussion kon­frontiert wurde, sah ich mich selbst an einem Büffet stehend, die Leibspeisen der Betrauerten bei einem belanglosen Gespräch verzehrend.

Der Nationalrat hat natürlich kein Büffet im Sinn sondern viel­mehr eine zu fördernde „Sensi­bilität gegenüber den verschiede­nen Formen der Gewalt". Sicher­lich ein hohes, man möchte fast schon schreiben, ein hehres Ziel, nur hinterläßt es einen etwas schalen Nachgeschmack, wenn man bedenkt wie vage, wie allge­mein hier alles formuliert ist. Mit dieser Grundmotivation hätte dieser Tag auch als „Tag gegen alles Schlechte" begangen werden können.

Schlechtes widerfährt in Österreich aber leider immer noch in gehäufter Form jenen Menschen die bereits vor Beginn der Zweiten Republik verfolgt wurden. Zahlreiche Menschen sind bis heute nicht rehabilitiert, Gestohlenes wurde nicht zurückgegeben. Vor allem die kleineren Opfergruppen haben bis heute unter diskrimminierenden Ge­setzen zu leiden. So zum Beispiel die Zeugen Jehovas, deren Kirche bis heute nicht anerkannt wird oder die Homosexuellen, denen auf gesetzlicher Ebene im­mer noch keine Gleichbehand­lung mit Heterosexuellen zuge­standen wird. Auch jene Men­schen, die aufgrund sogenannter Behinderungen verfolgt wurden, haben noch einen langen Weg zu Akzeptanz und Gleichbehand­lung vor sich.

Wenn die Regierenden dieses Landes den 5. Mai zum Beispiel damit verbringen würden, über jene Gesetze zu diskutieren, die die Opfergruppen von damals auch heute noch als Opfergrup­pen erscheinen lassen, so wäre dies meiner Meinung nach ein sinnvoller Beitrag. Aber auch außerhalb der Regierungsgebäude bleibt viel zu tun. Zunächst sollte aus dem einen Gedenktag eine große Menge an Gedenktagen werden, sodaß das ganze Jahr mit ihnen gefüllt wird. Initiativen, so­fern sie etwas bewirken sollen, können nicht auf einen Tag be­schränkt sein, sie müssen dauer­haft sein, Fixpunkte unserer Kultur darstellen. Erst dann ließe sich vielleicht etwas gegen „Ras­sismus und Gewalt" tun, wie dies im Konzept des Gedenktages ge­fordert wird.

In jedem Fall laden all jene, die davon sprechen, eine „Sensi-bilisierung gegenüber den ver­schiedenen Formen der Gewalt zu wecken und verstärken" zu wollen und sich dabei tatenlos hinter gut bewachten Türen an diversen Büffets gütlich tun, Schuld auf sich.  

  

Niko Wahl

 

Editorial

Liebe Leserin!

Lieber Leser!

 

Am 5. Mai 1998 wird in Osterreich zum ersten Mal der Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus (NS-Opfer-Gedenktag) begangen. Wir haben dies zum Anlaß genommen, in GEDENKDIENST aktuell über die Entstehungsgeschichte dieses Tages und über Formen des Gedenkens zu berichten.

Am 5. Mai selbst wird GEDENKDIENST gemeinsam mit der Öster­reichischen Hochschülerinnenschaft an verschiedenen Universitäten Österreichs Vorträge zum Thema „Gedenken an den Holocaust" an­bieten.

Die Briefmarke auf der Titelseite mit dem Aufdruck „Österreich" war kurz nach Kriegsende für einige Monate in Österreich im Um­lauf. Sie ist heute Symbol für den Bruch mit den Strukturen des Nazi-Regimes, aber auch Symbol für die Kontinuität von Mentalitäten und Geisteshaltungen, die im Österreich der Zweiten Republik zum Teil bis heute nachwirken.

Kurz vor Redaktionsschluß hat uns ein Schreiben des Bundes­ministeriums für Inneres erreicht, in dem neben den bestehenden Einsatzstellen die Genehmigung für drei weitere erteilt wurde: Die „Fundacion Memoria del Holocausto" in Buenos Aires, die „Inter­nationale Jugendbegegnungsstätte" in Auschwitz und das „Holocaust Zentrum" in Moskau. In den nächsten Ausgaben von GEDENKDIENST aktuell werden wir ausführlich darüber berichten.

Diese Anerkennung setzt aber auch dem Verwirrspiel um den ehemaligen Obmann Andreas Maislinger, der sich in den letzten Monaten wiederholt öffentlich als Leiter des Vereins Gedenkdienst ausgegeben hatte, ein Ende.

Die Entscheidung des Innenministeriums beschließt nun die schwierige Übergangsphase, die ohne die unermüdlichen Mitarbeit­erinnen und Mitarbeiter von GEDENKDIENST und den großzügigen privaten Unterstützerinnen und Unterstützern wahrscheinlich gescheitert wäre.

 

Herzlichen Dank Ihr

Sascha Kellner