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„Papier schlägt Stein"

Projekt der namentlichen Erfassung der österreichischen Holocaustopfer

 

„...ein notwendiger Akt des Gedenkens, der die Opfer vor dem Versinken In Anonymität und Vergessen bewahrt"

 

Als Simon Wiesenthal das Mahnmal zur Erinnerung an die dem Naziregime zum Opfer ge­fallenen Österreichischen Juden initiierte, dachte er an einen Ge­denkstein, in welchem alle Namen der Toten eingraviert sein würden. Dieser Wunsch Wiesen­thals scheiterte jedoch an der peinlichen Tatsache, daß - mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Anschluß - das Schicksal der aus Österreich deportierten Ju­den noch immer nicht zur Gänze erforscht ist. Man kennt weder alle Namen, noch die genaue An­zahl der österreichischen Opfer des Holocaust.

Bereits seit längerer Zeit ar­beitet das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstan­des (DÖW) daran, diesem un­tragbaren Zustand ein Ende zu bereiten. Im Rahmen des Pro­jekts „Namentliche Erfassung der österreichischen Holocaust­opfer" erfolgt eine aufwendige und zum Teil sehr schwierige Spurensuche, um Licht auf das Schicksal jener zu werfen, die zwischen 1938 und 1945 der na­tionalsozialistischen Gewalt zum Opfer fielen.

Daß eine erfolgreiche Durch­führung dieses Vorhabens nur durch Kooperationen auf inter­nationaler Ebene möglich sein würde, war von Anfang an klar. Ausgangspunkt bildeten die im Archiv von Yad Vashem, Israels nationaler Holocaust-Gedenk­stätte, aufbewahrten Deport­ationslisten, welche für die Groß­transporte aus Wien (ca. 48.000 Menschen) und aus Frankreich (ca. 2.000 bis 2.500 Menschen) erstellt wurden. Im vergangenen Jahr wurde eine Partnerschaft mit dem US Holocaust Memorial Museum eingegangen. Eine eige­ne Abteilung beschäftigt sich in Amerikas nationalem Holocaust- Museum mit einem ähnlichen Projekt der Namenserfassung von Verfolgten des Nazi-Re­gimes, jedoch konzentriert man sich in der US-Hauptstadt auf die Registrierung der Überlebenden. Diese Kooperation ermöglicht unter anderem den Zugriff auf 33.700 Datensätze, die aus Listen hervorgehen, welche in der in New York angesiedelten, deutschsprachigen „Emigranten­zeitung" Der Aufbau in den Jah­ren 1945/46 veröffentlicht wur­den. Auf großes Interesse - vor allem unter der Gemeinde der ehemaligen Österreicher - stieß vergangenen Sommer der vom Research Institute des Washing­toner Holocaust Memorial Mu­seums organisierte Gastvortrag, in dessen Rahmen die Historiker Hans Safrian und Florian Freund das Projekt sowie die von ihnen verfaßte Begleitpublikation Ver­treibung und Ermordung - Zum Schicksal der österreichischen Ju­den 1938-1945 präsentierten.

 

 

Zusammenarbeit zwischen DÖW und Theresienstädter Initiative

 

Auch mit der Theresien­städter Initiative wird eine enge Zusammenarbeit angestrebt, um das Schicksal der aus Österreich nach Böhmen und Mähren ge­flüchteten Juden, die 1938/39 in den deutschen Machtbereich ka­men und nach Theresienstadt oder in andere Lager verschleppt wurden, zu erforschen. Hierbei tritt „Gedenkdienst quasi als Bin­deglied" zwischen dem DÖW und der in Prag angesiedelten Stiftung auf, erklärt der ehemalige Gedenkdienstleistende in Tschechien, Dominik Walch. Die zukünftigen Gedenkdienstleist-enden an der Theresienstädter Initiative werden nämlich mit der Sichtung und Sammlung von Hinweisen und Dokumenten in den einschlägigen Archiven Tschechiens beschäftigt sein. Die so zusammengetragenen Quellen werden systematisch nach archi­varischen Kriterien elektronisch erfaßt und den Autoren einer geplanten Publikation zur Verfügung gestellt, welche das tschechische Exil 1938 - 1940/41, die Deportation nach Theresienstadt und die Ermordung der österreichischen Juden zum Inhalt haben wird.

Parallel zur Sammlung der weltweit verstreuten Quellen er­folgte die Auswertung österreichischer Datenbestände. Bei­   spielsweise wurden 120.000 Ak-    ten der Wiener Opferfürsorge ge-

sichtet und relevante Informationen in die Datenbank aufgenommen. Kleinere Bestände hat man von Initiativen wie „Projekt Kündigung jüdischer Mieter aus Wiener Gemeindebauten" oder „Projekt Juden in Tirol und Vor­arlberg" übernommen. Insgesamt wurden im Rahmen der namen­tlichen Erfassung der österreichi­schen Holocaustopfer bisher 235.000 Datensätze erstellt, die in 35 miteinander verknüpfbaren Datenbanken gespeichert sind.Somit sind Namen, Geburtsdaten und - soweit eruierbar- Todesdatum und -ort von etwa 58.000 Opfern aufgezeichnet. Innerhalb der nächsten drei Jahre soll der Großteil der noch ausstehenden Geburts- und Sterbedaten der schätzungsweise 65.000 ermorde­ten Österreichischen Juden ermit­telt werden.

Für DÖW-Mitarbeiter Dr. Florian Freund soll das Projekt belegen und nachvollziehbar ma­chen, daß es sich bei den öster­reichischen Juden um „keine rein statistische Zahl von Opfern", sondern um „zehntausende Ein­zelschicksale von konkreten Männern, Frauen und Kindern" handelte. Durch das Erfassen der Namen und die Rekonstruktion der Einzelschicksale soll „indivi­duelle Erinnerung ermöglicht werden". Ähnlich argumentiert der wissenschaftliche Leiter des DÖW, Dr. Wolfgang Neuge-bauer, der das Projekt als „einen notwendigen Akt des Geden­kens, der die Opfer vor dem Ver­sinken in der Anonymität und vor dem Vergessen bewahrt", sieht.

 

 

Die Opfer wurden nicht nur al­ler materiellen Güter beraubt, sondern auch ihrer Identität

 

Bevor Juden massenweise in den Todeslagern ermordet wur­den, fand ein Prozeß der Ent­menschlichung statt. Die soge­nannten „Untermenschen" wur­den auf brutalste Art und W7eise aus ihrem sozialen Umfeld ge­drängt, zusammengerottet und in Viehwaggons in Ghettos und Konzentrationslager gebracht. Wohl kein anderer Vorgang ver­deutlichte die nationalsozialisti­sche Strategie der „De-Humani-sierung" eingehender, als die Tätowierung zur Identifikation der Häftlinge. Dadurch wurden Menschen endgültig zu Num­mern herabgesetzt. Die Opfer waren somit nicht nur aller mate­riellen Güter beraubt, sondern auch ihrer Identität.

Durch das Projekt „Nament­liche Erfassung der österreichischen Holocaustopfer" soll den Verfolgten ihre Identität, ihr An­spruch auf menschliche Würde „zurückgegeben" werden.

Ein Buch mit den Namen aller Opfer wäre wichtiger als eine Bibliothek aus Beton. Dies ist ein Beitrag, den der Betonklotz - eine nach innen ge­stülpte Bibliothek repräsentieren­de -, welcher schließlich in einem Künstlerwettbewerb zum Sieger­beitrag für das eingangs erwähnte Mahnmal gekürt wurde und nun doch definitiv am Judenplatz auf­gestellt werden wird, nicht wirk­lich leisten kann. Um den Zweck des Mahnmals für den Betrachter zu verdeutlichen, soll der Stein mit folgender Inschrift versehen werden: „Zum Gedenken an die mehr als 65 000 österreichischen Juden, die in der Zeit von 1938 bis 1945 von den Nationalsozia­listen ermordet wurden". Aus diesen Worten läßt sich schlie­ßen, daß das Denkmal kollektiv an eine anonyme Masse von Opfern, deren Zahl nicht genau festgemacht werden kann, erin­nert. Die ehemalige Wienerin Elizabeth Koenig, die als Jugend­liche auf abenteuerliche Weise den Nazi-Schergen entkommen konnte, bringt es auf den Punkt: „Ein einzelnes Gedenkbuch mit allen Namen der österreichischen Holocaustopfer ist meines Erach-tens von größerer Bedeutung, als eine ganze Bibliothek aus Beton."

PS: Mittlerweile haben die Mahnmal-Erbauer die Bedeutung der Namenserfassung freilich er­kannt. Eine Einbindung des DÖW-Projekts - ein in der Mahnmalumgebung plaziertes Computer-Terminal soll für die Abrufbarkeit der gesamten Datenbank sorgen - ist geplant.

 

Helmut Prochart