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Jüdischer Widerstand oder Widerstand von Juden?

Zur Geschichte und Rezeption von Widerstand

 

Ahnliche Ziele im Widerstand bedeuteten weder gemeinsames Vorgehen noch gegenseitige Unterstützung.

 

Für viele von uns ist Widerstand ein positiver Begriff, Widerstand gegen rechtsextreme Gruppierungen, Widerstand gegen Rassismus und Fremden­feindlichkeit sind bekannte Schlagworte der letzten Jahre. Identifikationen liegen nahe, Widerstandsaktivität ist Teil einer , harmonischen Selbstwahrnehmung, obwohl sie nur in seltenen Fällen von einer breiten Bevölkerungsmehrheit aktiv getragen worden ist. Beschäftigung mit Widerstand ist insofern auch ein selbstbezügliches Thema.

Gegen Nationalsozialismus gab es weltanschaulich sehr un­terschiedliche W'iderstandsgruppen, von konservativen Gruppen in der Wehrmacht, die jahrelang den Erfolg des Systems mitgetragen hatten über Partisanen­gruppen in besetzten Gebieten bis zu kommunistischen Wider­standskämpfern vom ersten Tag der Machtübernahme an. Ähnli­che Ziele bedeuteten nicht unbe­dingt gemeinsames Vorgehen, wie das Verhalten der polnischen Untergrundarmee während des Warschauer Ghettoaufstandes auf sehr bittere Art belegt: „Wenn Sie an meinem Herz lecken könnten, würden Sie sich vergiften", sagte Jitzchak Zuk-kermann, einer der Ghetto­kämpfer in Warschau, zu Claude Lanzmann über das Fehlschlagen seines Versuches, Waffen für den Ghettoaufstand von der pol­nischen Untergrundarmee zu or­ganisieren.

Von der Verweigerung der Einhaltung von Gesetzen bis zum aktiven bewaffneten Wider­stand gegen Repräsentanten des nationalsozialistischen Staates gab es Aktivitäten, durch die Männer wie Frauen die eigene Situation, die Situation anderer oder den eigenen Tod men­schenwürdiger zu gestalten ver­suchten. Den Widerstandsak­tivitäten standen Gestapo, Gen­darmerie und Polizei, Einsatz­gruppen und schließlich die Wehrmacht, alle schwer bewaff­net, als offensichtliche Gegner gegenüber. Schwerer einzuschät­zen war die Bevölkerung des Dritten Reiches und der besetz­ten Gebiete, die eine ebenso große Gefahrenquelle für Men­schen im Widerstand waren, da sie mit Denunziationen oder zu­mindest Lethargie rechnen muß­ten. Die Bedingungen des Wider­stands wurden durch die deut­sche Strategie der kollektiven Verantwortlichkeit der betroffe­nen Gruppe erschwert, außer­dem wurden die zur Vernichtung bestimmten Menschen isoliert, durch falsche Informationen ge­täuscht und mit absolutem Terror eingeschüchtert. So sprach sich zum Beispiel der Wilnaer Vorsitzende des Judenrates ge­gen offene Widerstandsaktivität­en aus, um das Ghetto durch Arbeitseinsätze, auf die - wie er glaubte - die Nationalsozialisten angewiesen waren, zu retten. Im Ghetto von Bialystok, wo es während der Liquidation einen Aufstand von Widerstandsgrup­pen gab, wurden Rufe laut, nicht alle ins Unglück zu stürzen, da die Nationalsozialisten ja nur „Teile des Ghettos zum Arbeits­einsatz verlegten".

Ideologische Bewertung von Widerstand.

Der Umgang mit Widerstand nach dem Zweiten Weltkrieg stand größtenteils im Zeichen der Grundhaltungen der neuen Regierungen. Die Diskussionen um kommunistischen Wider­stand in der BRD, um konserva­tiven Widerstand in der DDR, das Gedenken an konservativen Widerstand in der BRD und an kommunistischen Widerstand in der DDR stehen exemplarisch für den Umgang mit Widerstand, ebenso das hartnäckige Ver­gessen von Frauen im (bewaffne­ten) Widerstand. In Österreich wurden - bedingt durch den Opfermythos - einige Menschen im nachhinein zu Widerstän­digen gemacht.

Bei der Tagung möchten wir versuchen, Widerstandsaktivität­en von Jüdinnen darzustellen und die Diskussionen, politische wie wissenschaftliche, um diesen Widerstand zu skizzieren. In einer Publikation des Holocaust Memorial Museum Washington wird geschätzt, daß zwischen 20.000 und 30.000 Jüdinnen in Widerstandsgruppen in Europa gegen das NS-Regime gekämpft haben. Dieser „Widerstand von Juden" sollte allerdings unter­schieden werden von „jüdischem Widerstand", da die Motivatio­nen, warum als Juden verfolgte Menschen in Europa im Wider­stand waren, sehr unterschiedlich waren. Es macht also wenig Sinn, dafür einen Begriff zu ver­wenden.

 

 

Differenzierte Verwendung der Begriffe

 

Unter „jüdischem Wider­stand" versteht man den Kampf von Angehörigen der jüdischen Zwangsgemeinschaft gegen die eigentliche Vernichtungspolitik. Trotzdem bleibt der Begriff „jü­discher Widerstand" aus mehre­ren Gründen problematisch. Antisemitismus hatte z. B. in Polen andere Formen erlebt als in Deutschland, Juden in Polen erlebten den nationalsozialisti­schen Terror anders als assimi­lierte Juden in Wien oder Berlin, die sich etabliert hatten und si­cher fühlten. Zum anderen wur­de der Begriff jüdischer Wider­stand häufig dann verwendet, wenn analysiert wurde, warum sich die jüdische Zwangsgemein­schaft kaum gewehrt hat - diese These wird u. a. von Raoul Hilberg vertreten. Er charakteri­siert die Reaktion der jüdischen Bevölkerung mit dem nahezu vollständigen Fehlen von Wider­stand. Eine Reihe von Vorur­teilen findet man in den ver­meintlichen Begründungen: Es wird von der Anpassung als Strategie des Umgangs mit Verfolgung gesprochen oder von Ausweichen durch Selbstmord, Untertauchen oder Flucht. Er schreibt in „Täter, Opfer, Zu­schauer": „Der in den Jahrhun­derten eingeübte Rhythmus an-passlerischen Verhaltens wurde auch angesichts der Grube nicht durchbrochen". Interessant ist außerdem, daß diese Position, das Fehlen von Widerstand zu betonen, zum einen die Mög­lichkeit von Widerstand voraus­setzt (wobei Raoul Hilberg hier sehr genau die Bedingungen er­läutert!), zum anderen diejenigen, die sich nicht wehren, an ihrem Schicksal mitschuldig werden läßt. Der Haltung, daß der Knecht an der Knechtschaft mit­schuldig sein könnte, wird unter anderem bei Hegel im Kapitel „Der Kampf auf Leben und Tod" Ausdruck verliehen. „Zum ersten Mal auch stürzten sich die jüdischen Opfer - gefan­gen in der Zwangsjacke ihrer Geschichte - physisch und psychisch in die Katastrophe", schreibt Raoul Hilberg in diesem Sinn. Primo Levi formuliert im Hinblick auf die Gerechtigkeit der Welt, in der er nur mit Mühe überleben konnte: „Also kann ich wohl nicht umhin, als gerecht anzusehen, was danach kam.“

 

 

Die Betonung des Fehlens von Widerstand setzt ober die Möglichkeit dazu voraus.

 

Ein drittes Problem ist schließlich, daß versucht wurde und wird, jeden als Juden ver­folgten Menschen, der im Wi­derstand tätig war, als jüdischen Widerstandskämpfer zu verste­hen, wobei es sich zum Teil um eine Vereinnahmung für politi­sche Ziele handelt, was von man­chen Betroffenen abgelehnt wird, die zum Beispiel in ihrem Selbstverständnis Kommunisten im Kampf gegen den Faschismus waren. Trotz dieser Einwände ist es meiner Ansicht nach sinnvoll, den Begriff „jüdischer Widerstand" zu verwenden, da das Belegen von Widerstand gegen die Vernichtung die richtige Ant­wort ist auf gleichnishafte Phra­sen im Stile von „...wie die Scha­fe zur Schlachtbank". In jedem Fall ist es aber wesentlich festzu­halten, daß allein die fordernde Frage nach Widerstand etwas Unerhörtes in sich birgt.

Arno Lustigers Buch „Zum Kampf auf Leben und Tod" ist eine Reaktion auf die immer wieder vorgebrachte These, daß jdischer Widerstand ein Randhänomen war. Er begegnet der These mit einer Reihe von Kurz­biographien von Widerstands­kämpferinnen aus allen ihm be­kannten Gruppen, eine Art Ho­mmage an Personen, die bisher kaum Erwähnung fanden. Er schreibt von den Bedingungen des Widerstandes, von Konflik­ten der Beteiligten, ihren Erfolg­en und ihrem Scheitern, Aus die­sem Grund wird die Tagung im Zeichen von Widerstandsakti­vitäten von Juden und Jüdinnen und der wissenschaftlichen und politischen Diskussion um die­sen Widerstand stehen. Arbeits­gruppen und Filme runden das Programm ab.

 

Sepp Teichmann,

Mathematiker und Philosoph