AuslandseinsatzHolocaust-EducationStudienfahrtenVereinLinks
Augabe 2/98


2016
2015
2014
2013
2012
2011
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
2000
1999
1998

Auschwitz war nicht die Hölle, sondern ein deutsches Konzentrationslager (Martin Walser)

Bericht von der Studienfahrt nach Auschwitz im Februar 1998.

 

Der deutsche Ortsname Au­schwitz der polnischen Stadt Os-wiecim ist nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer Metapher für die Verbrechen des nationalso­zialistischen Regimes geworden. Die Metamorphose dieses Na­mens zu einem Begriff hatte mehrere Folgen: Zum einen rük-kte die Stadt, die an der Schnell­zugstrecke Wien-Warschau in der Nähe von Krakau liegt, im Be­wußtsein mehr und mehr in den sogenannten Osten. Zum ande­ren wurde die (be-)greifbare Wirklichkeit eines Konzentrations- und Vernichtungslagers zum Unvorstellbaren, Unaus­sprechbaren, Unauslöschlichen, zu einem „Planeten" außerhalb der Welt, was viel mehr über den Umgang mit den Überlebenden aussagt als über das Lager selbst. Auschwitz wurde auch zur ersten Sehenswürdigkeit Polens, wie mir ein polnischer Mathematiker ver­sicherte.

Meine Ankunft war von einem vorhersehbaren Eindruck geprägt: In einem Zug den Bahnhof Auschwitz in der Nacht zu erreichen erweckte Assoziatio­nen, deren Lächerlichkeit mir, als Tourist auf dem Weg vom Bahn­hof zum Hotel, durch den Kopf geisterte. Erst das Innere des Ho­tels, das man eigentlich Jugend-begnungsstätte nennt, begann meine Aufmerksamkeit auf die Arbeit und die Vorstellungen der deutschen Organisation Aktion Sühnezeichen, die dieses Haus gründete, zu lenken.

Die Jugendbegegnungsstätte ist als Ort geplant, an dem sich Jugendliche aus Deutschland und Polen mit der Geschichte der problematischen Beziehung der beiden Länder auseinandersetzen. Warum sie in Oswiencim errich­tet wurde, konnte ich nicht voll­ständig verstehen.

Bemerkenswert wurde die Auseinandersetzung mit dem Lager und seinen Museen durch die Möglichkeit, langsam mit den Orten vertraut zu werden, was den Organisatoren der Fahrt zu verdanken ist. Die spezifischen ': Bedingungen der Lager von Au­schwitz, die mir größtenteils aus Literatur und Filmen bekannt sind, blieben natürlich abstrakt, auch während des Besuches. Ter­ror, Folter, Hunger und Durst, Ausbeutung und Vernichtung durch Arbeit, medizinische Ex­perimente an Menschen und in­dustrielle Vernichtung in den Gaskammern und Krematorien kennzeichneten den Alltag von Auschwitz von 1941 bis 1945: Es kann gelingen, die Abläufe nach-zuvollziehen, die Enge der Steh­zellen ist spürbar, die Füße werden kalt in Birkenau, aber heute zerfallen die berühmten Beton­pfähle der Stacheldrahtum­zäunung durch die Witterung, Barackenöfen kippen um und werden wieder aufgestellt, Sou­venirs, Bücher und Filme werden neben den berühmten Eingangs­toren verkauft. Der Kampf gegen den Zerfall als Kampf für die Erinnerung?

 

 

Langsam Vertrautwerden mit der Geschichte dieses Ortes

 

Die Bedingungen in den La­gern werden nicht nur an den berühmten Orten der Gedenk­stätte konkret, neben der emotio­nalen Monstrosität der Berge von Koffern, Brillen, Schuhen und Haaren blieben mir kleine Details sehr genau in Erinnerung: So war jede der Holzbaracken in Au-schwitz-Birkenau, die nach dem Vorbild von Pferdeställen gebaut wurden, mit zwei gemauerten Öfen ausgestattet. Ihre Kamine, die heute das Erscheinungsbild von Birkenau prägen, waren durch eine am Boden verlaufen­de gemauerte Röhre verbunden, womit - angeblich durch strö­menden warmen Rauch - die ge­samte Baracke geheizt werden sollte. Das Prinzip, daß warmer Rauch aufsteigt und nicht ab­sinkt, war vielleicht ebenso le­bensbedrohlich wie unumstöß­lich für die Menschen in Birken­au, wie das Prinzip, daß sie zur Vernichtung bestimmt sind.

 

Sepp Teichmann