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Ausgabe 3/98


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Kommentar und Editorial

Kommentar

Wer nach Auschwitz schaut, ist geneigt, gleich wieder wegzuschauen" (Walser)

 

Es genügt nicht, jeden Jugendlichen einmal in ein ehemaliges KZ zu bringen. Lerneffekte treten an diesen Orten nicht automatisch ein.

 

Eine pädagogische Auseinandersetzung mit dem Thema Holocaust kann auf unterschiedliche Art und Weise beginnen. Viele junge Menschen finden über „Das Tagebuch der Anne Frank" oder den Film „Schindlers Liste" Zugang zu dieser komplexen Thematik.

Andere sind an authentischen Orten, an denen sich heute Gedenkstätten befinden, erstmalig mit dem Holocaust konfrontiert. Schülerinnen und Jugendlichen durch authentische Stätten einen thematischen Einstieg zu verschaffen, stellt insofern einen schwierigen Zugang dar, als man sich einem „Erklärungsversuch" des systematischen Massenmordes - wenn überhaupt - nur durch das Aufzeigen der den Konzentrations- und Todeslagern vorangegangenen Entwicklungen annähern kann. Es ist von immenser Wichtigkeit, „die Auseinandersetzung nicht mit Auschwitz zu beginnen, sondern mit dem Weg, der dorthin führte", so der Historiker und Erziehungswissenschafter Matthias Heyl.

Neben der Kenntnis der Prozesse, die der fabriksmäßigen Massenvernichtung vorausgingen, ist es wichtig darauf hinzuweisen, daß die nationalsozialistischen Lager nicht vonein­ander isolierte Stätten des Grauens, sondern Teile eines weitverzweigten Systems mit genau definierten Funktionen waren, die der Aufrechterhaltung des NS-Regimes dienten.

Wenn einem jungen Menschen beispielsweise die Machtergreifung Hitlers erklärt wird und dieser gleichzeitig eine Gaskammer zu Gesicht bekommt, wird die visuelle Information mit Sicherheit die verbale überlagern bzw. verdrängen. Der starke emotionale Eindruck, den eine authentische Stätte vermittelt, verhindert eine parallele Informations­aufnahme. Daher werden Schülerinnen auf jeden Fall überfordert sein, wenn sie ohne adäquate Vorbereitung zu einer Gedenkstätte gebracht wurden. Anstelle eines erhofften

Lerneffekts kann Gegenteiliges eintreten, nämlich ein sich Verschließen vor der Thematik.

Jene, die sich hingegen intensiv mit Nationalsozialismus im allgemeinen und mit der Funktion von Konzentrations- und anderen Lagern im speziellen auseinandergesetzt haben, werden mit der Flut an Informationen und Emotionen, die von einer Gedenkstätte ausgehen, leichter umgehen können, werden andere Fragen stellen und können schließlich zu einem historischen Verantwortungsbewußtsein finden.

Die Auseinandersetzung mit der Shoah mit einer Exkursion in ein ehemaliges Konzentrations- oder Vernichtungslager zu beginnen, kommt meines Erachtens einem „reversiblen Geschichtsunterricht" gleich, will heißen: man erklärt die Ereignisse der letzten Jahrzehnte zuerst und arbeitet sich dann bis zur Ur- und Frühgeschichte zurück.

Daher erfolgt an dieser Stelle der Appell an alle Lehrerinnen, durch eine allgemeine inhaltliche Einführung in die Geschichte des Holocaust sowie eine spezifische schwerpunktmäßige Charakterisierung des betreffenden ehemaligen Lagers den Schülerinnen vor einer Exkursion zum Aufbau eines kognitiven Bezugsrahmens, in dem die an der Gedenkstätte gelernten Informationen eingeordnet werden können, zu verhelfen. Nur so kann das von Martin Waiser angesprochene „gleich wieder wegschauen" verhindert werden.

 

Helmut Prochart, ehem. Gedenkdienstleistender im US Holocaust Memorial Museum, arbeitet an seiner Dissertation in Politikwissenschaft

Editorial

Der Schwerpunkt der dritten Ausgabe dieses Jahres ist dem Thema „Holocaust und Unterricht" gewidmet. Chancen, aber auch Schwierigkeiten bei der Vermittlung dieses Themas kommen aus der Sicht von LehrerInnen, GedenkstättenleiterInnen und Gedenkdienstleistenden zur Sprache.

Erstmals veranstaltet Gedenkdienst im Herbst 1998 eine Studienfahrt in das ehemalige Konzentrationslager Theresienstadt, zu der wir alle Inter­essentinnen herzlich einladen. Andrä Stigger, ehem. Gedenkdienstleistender in Theresienstadt, führte für diese Ausgabe ein Interview mit der Religionspädagogin Mag. Angelika Schmid, die vergangenes Jahr mit einer Schulklasse Theresienstadt besucht hatte. Sowohl ihre eigenen positiven Erfahrungen als auch die der Schülerinnen im Umgang mit diesem Thema sollen Ansporn für möglichst viele Lehrerinnen sein!

Ergänzend dazu bieten wir in Zusammenarbeit mit der Jugendbegegnungsstätte Auschwitz ein Seminar für Lehrerinnen an, um vor Ort pädagogische und didaktische Konzepte kennenlernen zu können.

Wir haben diese Ausgabe zum Anlaß genommen, das Erscheinungsbild der Zeitung nochmals umfassend zu über­arbeiten. Erstmals haben wir auch Reaktionen unserer Leserinnen zusammengefaßt: Ihre kritischen aber auch zustimmenden Anmerkungen sind für uns ein wichtiger Gradmesser für das Gelingen unserer Zeitung. An dieser Stelle möchte ich mich auch bei den vielen großzügigen Unterstützerinnen bedanken, die unsere Vereinsarbeit und nicht zuletzt das Erscheinen dieser Publikation ermöglichen.

 

Herzlichst,

Sascha Kellner, Obmann