AuslandseinsatzHolocaust-EducationStudienfahrtenVereinLinks
Ausgabe 3/98


2016
2015
2014
2013
2012
2011
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
2000
1999
1998

Schülerinnen im ehemaligen KZ

Pädagogische Erfahrungen an der Gedenkstätte Ebensee

 

„Gedenken - Informieren - Lernen" sind im Normalfall die Zielsetzungen aller Gedenkstätten der Opfer des Nationalsozialismus. Ein Vergleich von Gedenkstätten hinsichtlich der pädago­gischen Konzeption ist jedoch schon aufgrund unterschiedlicher Dimen­sionen in Größe, finanzieller Aus­stattung und folgerichtig auch personeller Besetzung nicht möglich.

Darüber hinaus hängt die Arbeit mit Besucherinnen sehr wesentlich davon ab, inwieweit authentische bauliche Zeugnisse des ursprünglichen Lagers erhalten sind bzw. inwieweit die Geschichte das ursprüngliche Gelände überlagert hat.

Während etwa in der Gedenkstätte Mauthausen der festungsartige Komplex des ehemaligen Konzentrationslagers durch seine Monumentalität beeindruckt, befindet sich am ehemaligen Ebenseer Lagerlände heute eine schmucke Wohnsiedlung. Jegliche Spur der Lagergeschichte ist dort verschwunden. Lernen und Verstehen hat aber viel mit Sehen und Angreifen zu tun.

 

Wolfgang Quatember

 

Pädagogische Betreuung an Gedenkstätten

Erfahrungen an der KZ-Gedenkstätte Ebensee

 

So bedingt das „Nichts-Sehen-Können", daß die Vorstellungskraft insbesondere von Jugendlichen geweckt werden muß. Die Notwendigkeit zu erklären, wo sich das Lager befunden, wie es ausgesehen hat und weswegen heute nichts mehr zu sehen ist, bestimmt in vielen Fällen die Arbeit.

Ein nicht unwesentlicher Faktor ist die Besucherinnenfrequenz. Kleinere Gedenkstätten mit überschaubarer Besucherinnenzahl sind in der Lage, Gruppen oder Einzelpersonen relativ viel Zeit zu widmen. Bei einer Frequenz von 150.000 und mehr Menschen pro Jahr ist eine alternative Form der Betreuung zu wählen, die eine eigenständige  Informationsaneignung gewährleistet. Gedenkstättenleitungen wissen aus Erfahrung um ihre Defizite. Tatsache ist aber auch, daß der Ist-Zustand aus verschiedenen Gründen weit von den heute anerkannten pädagogischen und didaktischen Möglichkeiten entfernt ist. Am Beispiel der Gedenkstätte Ebensee seien im folgenden Erfahrungen im Rahmen der Besucherinnenbetreuung beschrieben.

 

Äußeres Erscheinungsbild einer Gedenkstätte

 

Die Infrastruktur von Gedenkstätten entspricht in der Mehrzahl folgenden Gegebenheiten:

1.Authentischer Ort mit mehr oder weniger umfangreichen Fragmenten der ursprünglichen Bausubstanz

2. Orte, die der Erinnerung und dem Gedenken gewidmet sind: Denkmäler, Gräber, Friedhöfe, Kapellen . . .

3. Orte der Dokumentation und des Lernens: Ausstellungen, Archive, Seminarräume, Kinos . . .

4. Orte, die den Bedarf an individuel­ler  Entspannung, Konsumation etc. decken: Restaurant, Buchverkauf...

5. Verwaltung, Eintrittskartenverkauf, Anmeldung, Information ...

 

In der Realität sind die erwähnten Bereiche räumlich nicht strikt voneinander getrennt. Auch in ihrer Funktionalität sind die Ebenen oft aus pragmatischen Gründen vermischt. In Ebensee etwa wird der authentische Ort einer ehemaligen unterirdischen Industrieanlage für die NS-Raketenrüstung zugleich als Ausstellungsraum genutzt. Für Überlebende ist dies ein Ort des Erinnerns und des Gedenkens an tote Kameraden, für Schülerinnen ein Ort des Lernens.

Wir müssen davon ausgehen, daß die Besucherinnen - Überlebende, Angehörige von Opfern, Schülerinnen, zufällig vorbeikommende Touristinnen -unterschiedliche Erwartungshaltungen und keinen einheitlichen Wissensstand mitbringen. Bei Schulgruppen ist es sinnvoll, im Vorfeld des Besuches mit den Lehrerinnen die Angebote der Gedenkstätte zu erörtern. Je nach Alter, Wissensstand, Schwerpunktsetzungen im Unterricht, geplanter Dauer des Aufenthaltes sind Varianten möglich. Unangemeldete Besucherinnen werden vor einer Führung durch die Gedenkstätte nach den Motiven ihres Besuches befragt. Beispielsweise trafen wir in Ebensee auf Besucherinnen, die in erster Linie an architektonischen und technischen Belangen der unterirdischen Anlagen für die Raketenrüstung interessiert waren. Die Infrastruktur des ehemaligen KZ-Lagers wurde zwischen Juni 1945 und Jänner 1946 als Anhaltelager genutzt. Heute sind in zunehmendem Maße ehemalige SS-und Wehrmachtsangehörige unter den Besucherinnen der Gedenkstätte.

 

Ablauf eines Gedenkstättenbesuchs mit SchülerInnen

 

Schulgruppen werden vorab mit Arbeitsunterlagen versorgt.

Der Gedenkstättenbesuch beginnt beim ehemaligen Lagertor mit einer Begehung des Geländes, um Topographie und Ausmaße des Lagers erfassen zu können. Die Schülerinnen sollen eine Vorstellung von dem Raum erhalten, auf dem sich das  Lagerleben ereignet hat. Dies vor allem deswegen, weil in Ebensee das Gelände des ehemaligen Lagers nicht mehr ohne weite­res als solches erkennbar ist. Arbeitsblätter, die durch authentische Fotos einen Vergleich der Situation im Jahr 1945 mit der heutigen Situation zulassen, sollen motivieren, die Veränderungen seit 1945 festzustellen. Wenn die Gruppe mit der Bahn anreist, beginnt der Besuch mit einem Fußmarsch vom Bahnhof zum Lager. Wenn 1999 die Revitalisierung des „Löwenganges" realisiert sein wird, sind wir in der Lage, den Besucherinnen auch den täglichen Weg tausender Häftlinge zur und von der Zwangsarbeit zu zeigen.

Namen anstelle einer Masse anonymer OpferAls Einstieg beschreiben wir die Umstände, unter denen ein 14jähriger Italiener nach Ebensee deportiert wurde. Die Schülerinnen, die etwa der selben Altersstufe angehören, können das Schicksal des Jugendlichen mit ihrer Lebenswelt in Verbindung bringen. Durch Personalisierung der Opfer wird versucht, die Umstände im Lager faßbarer zu machen. Namen machen aus anonymen Opfern Menschen mit persönlichen Schicksalen. In den nächsten Jahren soll in Ebensee das Projekt „Opfern die Namen wiedergeben" realisiert werden. An den Massengräbern am Gedenkfriedhof könnten Tafeln mit den Namen der rund 7.500 namentlich bekannten Opfer angebracht werden.Am Gedenkfriedhof bzw. vor dem Eingang bieten wir Informationsblöcke an. Der erste dient dem Grundwissen über das Konzentrationslager Ebensee. Der zweite beinhaltet die Schilderung eines Überlebenden des Lagers. Erzählungen von Augenzeuginnen werden als authentisch akzeptiert und sind nicht durch Ausstellungen ersetzbar. Die Schilderungen der Zeitzeuginnen erwecken in fast allen Fällen Emotionen, Mitgefühl und Anteilnahme.Anschließend haben die Schülerinnen Gelegenheit, die Dauerausstellung in einer der authentischen unterirdischen Anlagen zu besichtigen. Sinnvoll ist es, Schülerinnen unterstützt durch Arbeitsunterlagen die Ausstellung selbst erkunden zu lassen. Authentische Texte und Dokumente, Häftlingskarten, Arbeitsanforderungslisten für den Arbeitseinsatz der Häftlinge u. a. stehen für eigenständiges Erarbeiten zur Verfügung.

Ziel eines Gedenkstättenbesuches soll sein, daß Schülerinnen in der Lage sind; das Gesehene, Gehörte und selbst Erarbeitete mit aktuellen politischen, aber auch ethischen Problemlagen in Verbindung zu bringen. Die Fähigkeit, Kritik zu üben, sich aufzulehnen gegen ungerechte Behandlung oder den Wert der Demokratie zu schätzen, Toleranz u. a. sind Verhaltensweisen, die aus Erfahrungen mit dem politischen System des Nationalsozialismus gelernt werden können.

 

Öffnung der Gedenkstätte für kulturelle Aktivitäten

 

Wir sind der Überzeugung, daß Teilbereiche der Gedenkstätten - nicht alle - durchaus nicht sakrosankte Orte sein müssen, die ausschließlich dem Gedenken gewidmet sind. In den letzten Jahren sind in der unterirdischen Anlage in Ebensee, die nunmehr die Ausstellung beherbergt, mehrere sehr gut besuchte kulturelle Veranstaltungen durchgeführt worden. Die Aufführung des Requiems von W. A. Mozart im Jahre 1995, das „Fest der Demokratie" im selben Jahr, klassische Konzerte, aber auch eine Tanzperformance u. a. sind geeignet, sofern sie einen gewis­sen inhaltlichen Bezug zum Ort nach­weisen. Auch die Großveranstaltung anläßlich des Jahrestages der Errichtung des Konzentrationslagers Mauthausen mit Joe Zawinul, Gerhard Roth und Frank Hoffmann zeigte, daß Menschen, die bei „Normalbetrieb" für historische Inhalte kaum empfänglich sind, zu kulturellen Veranstaltungen in die Gedenkstätte kommen. In Ebensee ist für 1999 gemeinsam mit dem Verein „Mauthausen Aktiv Österreich" die Aufführung der Oper „Der Kaiser von Atlantis oder die Todverweigerung" von Viktor Ullmann geplant.

 

Wolfgang Quatamber, Historiker, Leiter der Gedenkstätte Ebensee