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Ausgabe 3/98


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Das Thema „Holocaust" im Unterricht

„Holocaust-education" in Österreich von 1945 bis heute

 

Die „direkte" Erziehung durch die Lehrerinnen bzw. das Elternhaus wird oft von während des ganzen Lebens unbewußt wirkenden Sozialisations-effekten der Gesellschaft überlagert. Eltern und Pädagoginnen müssen sich heute eingestehen, daß Meinungsbildung durch Massenmedien weitgehend Erziehung durch Elternhaus und Schule ersetzt.

Österreichische Studien über „Holocaust-education", die im letzten Jahrzehnt von Meinungsforschungsinstituten oder im Rahmen von Diplomarbeiten durchgeführt wurden, müssen deshalb auch unter diesem Aspekt betrachtet werden. Die diesem Artikel als Grundlage dienenden Arbeiten konzentrieren sich hauptsächlich auf die Aufklärung über Holocaust und Nationalsozialismus in Elternhaus und Schule. Was teilweise fehlt, ist eine eingehende Untersuchung, wie mit dieser Thematik in den Medien der Zweiten Republik umgegangen wurde und wird.

 

 

Tabuthema Nationalsozialismus

 

Eva Müllhofer-Gurion kommt in ihrer 1996 fertiggestellten Diplomarbeit zur Thematisierung des Nationalsozialismus im Elternhaus zu dem wenig überraschenden Schluß, daß in der familiären Erziehung der österreichischen Nachkriegsgeneration von 1945 bis 1990 Geschichtsbilder vermittelt wurden die den Nationalsozialismus überwiegend verharmlosen. Selbst 1990 wurden in etwa der Hälfte der Familien die Geschehnisse des Nationalsozialismus entweder totgeschwiegen oder gerechtfertigt. Die Zahl jener Eltern, die mit ihren Kindern offen über die NS-Zeit reden, hätte sich aber seit 1980 merklich erhöht, resümiert Eva Müllhofer-Gurion. Dennoch erfahren Jugendliche immer noch mehr über die NS-Zeit aus Fernsehen und Rundfunk als von ihren Großeltern und Eltern.

Wie eine Ende der 80er Jahre durchgeführte Untersuchung des Meinungsforschungsinstitutes Fessel ergeben hat, haben selbst die Diskussion in Folge der Waldheim-Affäre nicht viel daran geändert. Die Causa Waldheim wurde in österreichischen Familien kaum zum Anlaß genommen, Hinter­gründe der NS-Zeit zu diskutieren. In vielen Fällen beschränkte man sich auf die Kommentierung des Wahlkampfes oder der „Watchlist'-Entscheidung der US-amerikanischen Regierung. Eltern scheuten sich vor Auseinandersetzungen in der Familie oder glaubten, daß die NS-Zeit kein Thema für Jugendliche sei.

Daraus ist jedoch nicht unbedingt der Schluß zu ziehen, daß Jugendliche zu Hause mit NS-verharmlosenden Ge­dankengut indoktriniert würden. Vielmehr ist zu berücksichtigen, was eine Untersuchung des Fessel-Instituts aus dem Jahr 1993 feststellt: Jugend­liche übernehmen zu einem immer geringeren Teil politische Einstellung der Eltern- und Großelterngeneration unre-flektiert. Die Zahl jener, die in politischen Fragen mit ihren Eltern bzw. Großeltern übereinstimmen, hat sich in der Zeit von 1986 bis 1992 halbiert. Bei den Jugendlichen der 90er Jahre handelt es sich um eine größtenteils politisch und weltanschaulich ungebunde Generation, die auch nur zu einem geringen Teil offen rechtsextremistisch ist. So schätzt man den harten Kern von Rechts­extremen unter Jugendlichen auf zirka 2 %. Allerdings sind etwa 20 % in der einen oder anderen Form im weitesten Sinne für rechtsextremes Gedankengut anfällig.

Den Lehrplänen und Lehrenden an den Schulen in der Zeit von 1945 bis in die 70er Jahre ist ein sehr schlechtes Zeugnis bezüglich Aufklärung über die NS-Zeit auszustellen. Dies hängt mit der mangelnden Entnazifizierung des Lehr­körpers nach 1945 ebenso zusammen wie mit der allgemeinen gesellschaftlichen Situation im Österreich der Nachkriegszeit.

 

 

Lehrpläne der Nachkriegszeit

 

Die Lehrpläne der unmittelbaren Nachkriegsjahre knüpften an jene der Zwischenkriegszeit vollinhaltlich an und hatten das Ziel, „die Jugend zu treuen und tüchtigen Bürgern der Republik zu erziehen". Erst seit den 70er Jahren verfolgt man das Ziel, Schülerinnen zu mündigen Staatsbürgerinnen zu erziehen und ihre Fähigkeiten, sich eine eigenständige Meinung zu bilden, zu fördern. Der Geschichteunterricht endete meist mit dem 1. Weltkrieg. Themen wie Nationalsozialismus wurden im Unterricht kaum behandelt. Über Zeitgeschichte glaubten viele Lehrerinnen ihren Schülerinnen nichts sagen zu müssen, „da die jüngere Geschichte noch zu wenig weit zurückliege, um darüber Aussagen treffen zu können".

Dr. Hermann Lein, Überlebender der Konzentrationslager Dachau und Mauthausen und Gymnasiallehrer in den 50er Jahren ist hier eine der wenigen Ausnahmen. Er versuchte  ohne von seinem persönlichen Schicksal zu erzählen - die Schülerinnen intensiv über den Nationalsozialismus aufzuklären. Die Gefahr, daß sein Unterricht als unglaubwürdig betrachtet werden würde, erschien ihm zu groß.

Viele Lehrerinnen wurden während ihrer Ausbildung weder didaktisch noch inhaltlich in Zeitgeschichte ausgebildet. Erst in den 60er Jahren veränderte sich dies langsam, als an den Universitäten Zeitgeschichteinstitute eingerichtet und die jüngste Vergangenheit Gegenstand der wissenschaftlichen Forschung wurde. Weitere wichtige Impulse waren die Gründung der „Wissenschaftlichen Kommission zur Erforschung der Zeit­geschichte der Republik Österreich" (1972) und der Erlaß des Bundesministeriums für Unterricht (1978), der Politische Bildung zu einem integrativen Bestandteil im Schulunterricht machte.

Damit waren die Voraussetzungen für die Reform der Lehrinhalte auch im Geschichteunterricht geschaffen. Heute werden zumindest 90% der SchülerInnen über die NS-Zeit unterrichtet. Damit ist die Schule für Jugendliche die mit Abstand wichtigste Informations-

quelle über Nationalsozialismus und Holocaust. Vor allem die Lehrpläne des Geschichteunterrichts der 4. Klasse Hauptschule/Gymnasium und der 8. Klasse Gymnasium sehen dies vor. Darüber hinaus wird das Thema vielfach im Deutsch- und Religionsunterricht behandelt. 80% der Schülerinnen besuchen heute das ehemalige Konzentrationslager Mauthausen. Die Abteilung für Politische Bildung im Unterrichtsministerium bietet ständig aktualisierte Unterrichtsmaterialien an, die Institute für Zeitgeschichte vermitteln ZeitzeugInnen. Und das Interesse ist groß. Im Vergleich zum Schulklima der 50er Jahre ist es gerade umgekehrt: ZeitzeugInnen sind gefragt, weil sie die Nazi-Greuel aus ihrem persönlichen Erleben bezeugen können. In den letzten Jahren wurden an Schulen teilweise sehr beachtliche Projekte zum Thema Zeitgeschichte durchgeführt.

 

 

„Heimlicher" Lehrplan

 

Was jedoch bleibt, ist die sehr unterschiedliche Qualität des Unterrichts. Es hängt weitgehend (noch immer) vom persönlichen Engagement der LehrerInnen ab, ob und wie das Thema behandelt wird. Manchmal sind Lehrende mit der Thematik selbst überfordert. Noch immer geschieht es, daß Schülerinnen ohne jegliche Vor- und Nachbereitung Gedenkstätten besuchen. Und leider sind einzelne ältere Lehrende nicht bereit, neue Inhalte in ihren Unterricht zu integrieren. Zu oft noch scheint der „heimliche" Lehrplan den offiziellen außer Kraft zu setzen. Dies können die besten Lehrpläne, die besten Fort-bildungskurse, die besten Unterrichtsmaterialien nicht ändern. LehrerInnen sind Teil der Gesellschaft und auch sie repräsentieren das gesamte Spektrum an politischen Einstellungen, das in einer Gesellschaft vorhanden ist.

 

Christian Klösch, Historiker, ehem. Gedenkdienstleistender am Leo Baeck Institute New York

 

 

Weiterführende Literatur:

Andrea Wolf, Der lange Weg. 20 Jahre „Poli­tische Bildung in den Schulen", 1998.

Eva Mühlhofer-Gurion, Morbus Austriacus. Die NS-Zeit in Österreich betreffende Verdrängungs­instrumente und -mechanismen in der geschicht­lichen Bildung und in der vorwiegend mütterli­chen Erziehung der Nachkriegsgeneration ab 1945, Dipl. 1996.

Herbert Molzbichler, Der erzieherische Stellen­wert einer kritischen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit für die Gegenwarts- und Zukunfts-bewältigung, 1993.

Zeitgeschichtlicher Unterricht und Vergangen­heitsbewältigung in Schulen, ed. Österr. Institut f. Berufsbildungsforschung, 1989. Rechtsradikale Tendenzen bei Jugendlichen. Fessel & GFK, 1992.

BM für Unterricht und kulturelle Angelegenheiten Minoritenpiaz 5, 1014 Wien politische. bildung@bmuk.gv.at www. bmuvie.gv. at/amedia/index. htm Materialien der Abt. Politische Bildung: Martha Blend, Ich kam als Kind. Erinnerungen, 1998.

Peter Malina/Gustav Spann, 1938/1988. Vom Umgang mit unserer Vergangenheit, 1988. Konzentrationslager Ebensee, ed. Verein Widerstandsmuseum Ebensee,1997. Florian Freund, KZ Ebensee. Ein Außenlager des KZ Mauthausen, ed. DÖW, 1990. Bertrand Perz, KZ Melk, 1992. Bertrand Perz, Kinder und Jugendliche im Konzentrationslager Mauthausen und seinen Außenlagern. In: Dachauer Hefte 9/94, 71-90. Annäherung an Mauthausen, ed. Pädagogisches Institut Land OÖ 1997. Gehorsam bis zum Mord? Der verschwiegene Krieg der deutschen Wehrmacht. Fakten. Ana­lysen. Debatten (Sonderdruck Die Zeit 1995. Österreicher und der Zweite Weltkrieg, ed. BMUKS und DÖW, 1989. Brigitte Bailer-Galanda u. a., Wahrheit und ,Auschwitzlüge". Zur Bekämpfung „revisionisti­scher Propaganda", 1995.