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Ausgabe 3/98


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Bruchstücke

Erlebnisse und Eindrücke einer Schulklasse in Theresienstadt

 

Die 8. Klasse des Bundesrealgymnasiums Reutte besuchte vom 25. bis 28. September 1997 die Begegnungsstätte in Theresienstadt.

Die Gruppe wurde bei den Projekttagen im Rahmen des Religionsunterrichts vom Gedenk-dienstleistenden Andrä Stigger betreut. Andrä sprach mit der Geschichte- und Religionslehrerin Angelika Schmid:

 

Was war Ihre Motivation, diese Gedenkstättenfahrt zu organisieren?

Es war mir ein großes Anliegen, die Thematik „Holocaust" nicht nur im Unterricht zu behandeln, sondern auch einen authentischen Ort zu besuchen. Den Aufenthalt in Theresienstadt werden die Schüler im Gegensatz zu verschiedenen Texten oder Filmen sicher nicht so schnell vergessen.

Ein anderer Punkt, der mich sehr an dieser Gedenkstättenfahrt gereizt hat, war das Kennenlernen, das Sich-Auseinandersetzen mit der Kultur eines anderen Landes. In den Köpfen der Menschen spuken noch sehr oft falsche Bilder von der Tschechischen Republik herum. Es existieren viele Vorurteile in Bezug auf postkommunistische Länder wie z.B. Rückständigkeit, Armut oder Weltfremdheit. Weiters war es für mich immer sehr wichtig, die Eltern der Schüler mit den Kosten einer Exkursion nicht zu überfordern. Die Fahrt nach Theresienstadt bleibt im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten.

 

Wie hoch waren diese Kosten?

Zugfahrt, Eintritte, Übernachtung, Verpflegung . . . alles zusammen 1 960 Schilling pro Person.

 

Sie erwähnten Vorurteile gegenüber der Tschechischen Republik. Gab es von Seiten der Eltern bzw. der Schüler eine gewisse Scheu, in die Tsche­chische Republik zu fahren?

Nein, gar keine. Auch von den Eltern gab es positive Rückmeldungen. Die Schüler sahen darin einen gewissen Reiz.

 

Wie sah die Vorbereitung auf die Gedenkstättenfahrt aus?

Im Rahmen des Religionsunterrichts habe ich versucht, den Schülern die wichtigsten Informationen über Judentum mitzugeben. Mit dem Holocaust ben wir uns vor allem anhand verschiedener Texte beschäftigt.

 

Welche Texte haben sie ausgewählt?

Zum Beispiel das nationalsozialistische Kinderbuch „Der Giftpilz". Bei die­ser Geschichte erklärt eine Mutter ihrem Kind bei einem Spaziergang durch den Wald die verschiedenen Rassen anhand von Pilzen. Der giftige und gefährliche Knollenblätterpilz ist der Jude. Wir haben uns aber auch mit Texten der Wannseekonferenz oder den Tagebuchaufzeichnungen von Rudolf Hess beschäftigt. Mir war bei der Auswahl wichtig, den Schülern eine möglichst große Palette an Texten anbieten zu können. So haben wir uns auch ganz trocken mit verschiedenen Statistiken beschäftigt. Grundsätzlich ging es mir bei der Vorbereitung um Vermittlung von Fakten.

 

Wie war die Reaktion der Schüler auf diese Texte?

Unfaßbarkeit, Betroffenheit, Fragen wie etwa: Warum haben sich die Leute nicht gewehrt?, Warum war das über haupt möglich? Angst, aber auch Neugier. Eine intensivere Diskussion war mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht so wichtig. Ganz im Gegenteil, ich wollte den Schülern einfach Zeit lassen zum Erfassen der Texte, zum Verdauen und auch zum Akzeptieren.

 

Sie sagen, Zeit lassen zum Akzep­tieren. Meinen Sie damit auch das Akzeptieren des Holocausts als Teil der österreichischen Geschichte?

Ich glaube vor Gedenkstättenfahrt sahen sie den Holocaust eher als deutsches Phänomen. Auch in der Vorbereitungsphase war die österreichische Rolle betreffend Holocaust kein Thema für die Schüler. Als wir Texte von der Reichskristallnacht in Innsbruck und in Ehrwald lasen - erstere war übrigens eine der brutalsten im Deutschen Reich - konnten die Schüler das ganz schwer akzeptieren.

 

Das heißt, die Schüler beschäftigen sich mit dem Holocaust, haben aber Probleme, dieses Kapitel der Geschich­te direkt auf Österreich zu beziehen?

Genau. Sie lassen sich Informationen geben solange diese abstrakt bleiben. Es fällt ihnen irrsinnig schwer zu akzeptieren, daß es mit der eigenen Familiengeschichte zusammenhängen könnte bzw. daß Vernichtung von Menschen so leicht machbar ist in der... ich möchte jetzt absichtlich sagen „Heimat". Manche Schüler wollten es aber genau wissen und haben angefangen, nachzuforschen. Sie haben Ihre Großeltern und Eltern gefragt. Die meisten Antworten lauteten: „Do wisse mir nix". Da stellt sich dann eine Art Beruhigung ein.

Am Anfang ist man sehr aufgewühlt und will Informationen. Diese bekommt man aber nicht. Das Gefühl legt sich also bald wieder. Wenn man das Ganze von der Ferne anschaut, kann man es ertragen, es aber als Orts- bzw. Familiengeschichte zu betrachten, kann weh tun und ist schwer. Man will auch kein Nestbeschmutzer sein. Oft liegt der Fehler aber nicht bei den Jugendlichen. Manche wollen sich mit der Wahrheit konfrontieren aber das wird schwer gemacht.

 

 

Sie beschäftigen sich im Rahmen des Religions- bzw. Geschichte-Unterrichts eigentlich jedes Jahr intensiv mit diesem Thema. Haben Sie niemals das Gefühl, das Ganze abschließen zu wollen?

Doch. Manchmal denke ich mir: „Nicht schon wieder. Ich hält's nicht mehr aus." Aber dieses Gefühl nimmt nie Überhand. Genau das hält das Interesse wach.

 

Wie würden Sie die Zeit mit den Schülern in Theresienstadt beurteilen? Oder gab es für Sie manchmal Zweifel, diese Reise zu unternehmen?

Es war eine angenehme Atmosphäre, großes Interesse der Schüler, ein interessantes Programm und ausgezeichnete Betreuung.

Aber ich habe mich im Vorfeld, vor allem in Theresienstadt gefragt, ob ich Verantwortung übernehmen kann, die Schüler damit zu konfrontieren.

Haben sie die Kraft damit umzugehen? Wir haben in nächtelangen Gesprächen versucht, das Gehörte und Gesehene aufzuarbeiten. aber ich weiß, daß schlussendlich jeder mit sich selbst klarkommen muss. Es ist nicht nur das Leid, mit dem Schüler umgehen müssen. Es kommen dann auch das Umfeld der Schule, die Eltern oder die Gesellschaft dazu. Die Shcüler sind dadurch leichter angreifbar.

 

Wie meinen Sie leichter angreifbar?

Bei dieser Gedenkstättenfahrt erweitern die Schüler ganz spezifisches Wissen. Zuhause gibt es aber dafür keine Anerkennung, dieses Wissen wird abgewertet. Sie bekommen Phrasen wie: "Das kannst du nicht wissen oder beurteilen, du warst ja gar nicht dabei" zu hören. Wenn ich eine Exkursion in die Toskana unternehme und die Schüler kommen zurück und erzählen über Renaissance und die Familie Medici, dann staunt jeder darüber. Wissen über den Holocaust wird oft abgewertet und angefeindet und man wird hingestellt wie jemand, der nicht weiß, wovon er spricht. man wird nicht ernst genommen, und das ist vor allem für Jugendliche schlimm.

 

Die Rückkehr nach Reutte, in die Schule und zu den Eltern war also nicht ganz einfach für die Schüler? 

In der Klasse gab es ein gefühl der Vertrautheit. Wir haben dasselbe erlebt und halten das auch miteinander aus. Ich würde sagen, ein gegenseitiges Tragen war der Fall. Die Schüler hatten Angst vor dem Schulalltag und haben sich deswegen auch für die erste Zeit eine Art Schutz in der Gruppe gegeben. Ein Lächeln oder ein wissendes Schauen ist mir in den ersten Wochen oft entgegengebracht worden.

Dann kam aber der Schulalltag. Man ist selber schockiert, wie schnell das Erlebte an Wertigkeit verliert und nicht mehr Thema Nr.1 ist. Vergessen haben es die Schüler aber nicht. das habe ich gemerkt, als sie  Monate danach mit der Idee an mich herangetreten sind, einen Beitrag zum Gedenktag am 5. Mai leisten zu wollen. Ich glaube, sie haben mit der Gedenkstättenfahrt eine Verpflichtung übernommen und nehmen diese auch wahr.

 

Sie hatten sicher viele Erwartungen an die Gedenkstättenfahrt? Wurden sie erfüllt?

Die Schüler sind sensibler, was Vergangenheit und gegenwärtige Strömungen betrifft. Das aktuelle politische Geschehen, Stammtischgespräche oder ausländerfeindliche Bemerkungen werden nicht mehr so leicht kommentarlos hingenommen. Es gibt für mich keinen größeren Lernerfolg als Wertevermittlung und Herzensbildung. Diese Aufgabe ist eines der Hauptziele, die eine Schule  wahrnehmen sollte, Wissen und Fühlen vermitteln. Und mit dem Besuch der Gedenkstätte Theresienstadt bin ich diesem Zeil einen Stück nähergekommen.