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Ausgabe 3/98


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Himmel und Heimweh im türkischen Exil

Otto Salomon im Portrait

 

Otto Salamon, 1938 in die Türkei geflüchtet, will nach 1945 wieder in seine frühere Heimat zurück. An der Ausführung des Planes hindert ihn lange bloß das geringe Interesse, das man ihm in Österreich entgegenbringt. Seit 1964 lebt er wieder hier.

1906 wird Otto als ältester von drei Brüdern geboren. Seine Kindheit verbringt er in einem mährischen Dorf bei Iglau. Er besucht hier eine einklassige Volksschule der israelitischen Kultusgemeinde, in der sein Vater unterrichtet. Der Ort wird mehrheitlich von Tschechen bewohnt. Deutsch sprechen nur die Juden. Ab 1916 durchläuft Otto die Mittelschule in Iglau. Nachdem 1918 das Habsburgerreich zusammengebrochen ist, werden die Salamons auf einmal Ausländer in ihrer Heimat. Der Vater lehnt es ab, die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft anzunehmen. Sein Staat war die Donaumonarchie, sein Volk die Deutsch-Österreicher. In der deutschen Kultur fühlt sich die Familie heimisch. Ja, es gibt unter den Deutschen Antisemitismus, aber das ist eben so, ein Naturgesetz. Das würde doch nie etwas daran ändern, daß man dazugehört. Als Otto später gerne die Oper besucht, gefällt ihm Wagner am besten. Haben ihm die Nazis dieses Vergnügen vergällt? „Nein, das ist mir nicht verdorben worden. Die Musik ist die Musik. Aber es ist schon irgendwie ein biß'l eine Verrücktheit dabei."

 

 

Jugend in der Republik

 

Nach der Matura zieht Otto nach Wien, um an der Technischen Hochschule zu studieren. Im Gymnasium war Otto Klässenprimus, und sein Studium absolviert er ebenso erfolgreich. Gerne denkt er an seine Zeit auf der Hochschule zurück, obwohl diese eine Bastion der Deutschtümelei und des Antisemitismus war. Ab und zu hat man die jüdischen Studierenden aus den Hörsälen geprügelt. Die Professoren tun in diesen Fällen, als ob sie das Treiben nichts anginge, und die Polizisten, die vor der Technik stehen, sehen ebenfalls keinen Grund zum Einschreiten. Auch solche Erlebnisse gehören für Otto zum Alltag.

Nachdem er seinen Abschluß gemacht hat, findet er eine Anstellung bei der Simmeringer Waggonfabrik. Jedoch macht die Wirtschaftskrise dem Unternehmen schwer zu schaffen, und so erhält Otto nach drei Jahren den „blauen Brief". Nach 18-monatiger Arbeitslosigkeit ist er froh, in einem Stahlhandelsgeschäft einen Posten zu finden. Die Besetzung Österreichs im März 1938 überrascht ihn nicht, die Brutalität des NS-Regimes indes sehr wohl. Otto hat sich schon zuvor - allerdings ergebnislos - nach Möglichkeiten der Auswanderung umgesehen. Er weiß, daß es für ihn, den Maschinenbauer, im Großdeutschen Reich keine berufliche Zukunft gibt. „Aber niemand dachte, daß es so schlimm wird, daß man uns zum Schluß vernichten wird." Es erscheint Otto damals zwar angeraten zu emigrieren, denn man würde im NS-Staat nur schlecht leben; doch zumindest leben, so glaubt er, würde man selbst als Jude noch irgendwie können.

 

 

Exil in der Türkei

 

Bald nach dem Einmarsch entdeckt Otto in einer technischen Fachzeitschrift eine kleine Anzeige des türkischen Staates, der einen Spezialisten für Seilbahnbau sucht. Über diese Qualifikation verfügt Otto zwar nicht, doch er schreibt trotzdem eine Bewerbung - mit Erfolg. Bald darauf erhält er den Vertrag. Im Exil hat er endlich wieder eine Arbeit, die sei­ner Ausbildung entspricht. Von den neuen Kollegen wird er außerdem sehr freundlich aufgenommen, und so fühlt sich Otto in der Türkei recht wohl.  Er  habe also nie Heimweh empfunden? Immer, antwortet er. Wenn er den Himmel angeschaut habe - jeden Tag blauer Himmel; selbst die Wolken vermißt er in einem Land, dessen Klima und Mentalität sich von jener in Österreich drastisch unterscheiden. Die Türkei ist eben doch nicht das Zuhause. Die meisten Angehörigen verliert Otto in der NS-Zeit. Von seinen engsten Verwandten überlebt nur einer seiner zwei Brüder. Mit dem Vater steht Otto nach seiner Emigration noch brieflich in Verbindung. Eines Tages schickt man ihm aber eine Korrespondenzkarte zurück – darauf ein Stempel: „Verzogen unbekannten Aufenthalts“ Was mit seinem Vater geschehen ist, hat Otto nie erfahren.

Als 1945 der Krieg zu Ende ist, verstärken sich Ottos Hoffnungen auf eine baldige Rückkehr nach Österreich. Da er seit 1924 Mitglied der sozialdemokratischen Partei ist, abonniert er sofort wieder die Arbeiterzeitung und entdeckt hier den Namen eines alten Studienkollegen und guten Freundes:

Karl Waldbrunner. Mit diesem beginnt er zu korrespondieren. Er schreibt ihm, daß er wieder zurück möchte. Waldbrunner ist zweifellos die richtige Adresse. In der Nachkriegszeit untersteht ihm als einem der mächtigsten österreichischen Minister die verstaatlichte Industrie, das „Königreich Waldbrunner". Doch der „König" kann seinem Freund, einem erfahrenen Maschinenbauingenieur, in der Wiederaufbauzeit keinen Posten verschaffen. Für das Verhalten der Sozialdemokratie gegenüber vielen ihrer emigrierten Parteigenossen ist wohl auch eine zufällige Begegnung mit Oskar Helmer bezeichnend, den Otto von früher her kennt. Der Innenminister sagt ihm: „Sei froh, daß du draußen bist." Den Menschen in Österreich gehe es ohnehin nicht gut. Daß auch die sozialdemokratische Partei die Rückkehrvon Emigranten bewußt hintertrieben hat, erfährt Otto erst später. Ob ihn das enttäuscht habe? Er habe sich sagen müssen, daß der Antisemitismus nun schon überall hingekommen sei, lautet die Antwort. Trotzdem hat er nie überlegt, aus der Partei auszutreten. Ihn interessiere eben die Idee, nicht die Verfehlungen von einzelnen.

 

 

Wieder in Österreich

 

Den Wunsch auf Rückkehr gibt Otto nicht auf, zumal sich die Bindung an sein Heimatland noch intensiviert, nachdem er Mitte der fünfziger Jahre eine Österreicherin geheiratet hat, die damals an der Botschaft in Ankara arbeitet. Als er schon auf die 60 zugeht, gelingt es ihm, bei der VOEST eine Stelle zu erhalten. Die Anfangszeit in Linz hält aber dem Vergleich mit dem Empfang in der Türkei nicht stand. Die Kollegen zeigen wenig Engagement, um dem Neuankömmling, der in der Stadt niemanden kennt, die Integration zu erleichtern.

Kaum in Österreich, vermißt Otto nun die Türkei und vor allem die dort übliche Gastfreundschaft. Am liebsten wäre er zu Fuß wieder zurückgelaufen, erzählt er. Letztlich gewöhnt er sich aber doch in Linz ein. Da er an der Volkshochschule Türkisch unterrichtet, verfügt er bald über einen großen Bekanntenkreis. Er fühlt sich in Österreich wieder zu Hause - manche Orte meidet er allerdings aus einer tiefsitzenden Furcht vor Antisemitismus. So hat er als gerichtlich beeideter Dolmetscher für Türkisch auch in der Provinz zu tun. Ein Gasthaus sucht er hier nie auf, weil er glaubt: Da sitzen bestimmt Leute drinnen, die keine Achtung vor einem Juden haben. Jedoch erweist sich selbst die engste Umgebung in dieser Beziehung als nicht gänzlich sicher. Beim alljährlichen Weihnachtsumtrunk der Bewohner seiner Straße erlebt er, wie ein junger Mann, seines Zeichens doctor juris, über das jüdische Gesindel wettert. Als Otto ihn daraufhin fragt, ob er schon einmal gehört habe, daß man auch über die Radfahrer schimpft, reagiert der Angesprochene verwundert: Warum über die Radfahrer? Und warum über die Juden?

 

Oliver Kühschelm, Geschichtestudent