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Ausgabe 3/98


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Ehemalige Orte des Terrors werden zu Lernorten

Chancen der Jugendbegegnungsstätten in Auschwitz-Birkenau und Theresienstadt

 

Über fünfzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs stellt sich immer öfter die Frage, wie die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus erhalten und vor allem einer jungen Generation vermittelt werden kann. Während persönliche Erfahrungsberichte und Gespräche mit Überlebenden immer weniger werden, macht sich mancherorts Ratlosigkeit breit, wie man heutzutage jungen Menschen Themen wie „Holocaust" oder „Rassenverfolgung" vermitteln kann.

 

 

Jugendarbeit im ehemaligen KZ

 

Vor mehr als zehn Jahren wurde auf gemeinsame Initiative der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste sowie der Bundesrepublik Deutschland die Internationale Jugendbegegnungsstätte Auschwitz erbaut. Im Jahre 1997 folgte dann ein Begegnungszentrum in Theresienstadt. Beide Einrichtungen haben zwei große Ziele: zum einen Jugendlichen die Einmaligkeit des Holocaust, des größten Verbrechens von Menschen an Menschen vor Augen zu führen und zum anderen, Jugendliche aus ganz Europa an diesen Orten zusammenzuführen.

 

 

Erinnern braucht Zeit

 

Das Hauptaugenmerk gilt dem erlebten Geschichtsunterricht vor Ort: Führungen durch die Gedenkstätten, Fachvorträge von Historikerinnen und Überlebenden, Dokumenteneinsicht und Filmvorführungen. Aus einer Vielzahl von Lehrangeboten kann ausgewählt und das Programm an gruppenspezifische Wünsche adaptiert werden.

Die empfohlene, und von den meisten Gruppen wahrgenommene Aufenthaltsdauer in Theresienstadt und Auschwitz-Birkenau, beträgt vier bis fünf Tage: Zeit, um zunächst in Führungen durch die Lager die Dimension dieser Orte zu begreifen; Zeit, um von ehemaligen Häftlingen die fast unwahrscheinlichen Berichte ihres Überlebens zu hören; Zeit, um in Archiven anhand von Originaldokumenten der SS die Perfidie des nationalsozialistischen Terrors zu veranschaulichen; und nicht zuletzt Zeit, um diese (Un-)Orte auf sich wirken zu lassen.

 

 

Diskussion und Reflexion

 

Auschwitz-Birkenau und Theresienstadt fordern zu einer ernsthaften Betrachtung des Problems von Verständigung zwischen einzelnen Menschen und ganzen Gesellschaften heraus. Diskussionen über Themen wie Rassismus, Chauvinismus, Nationalismus und Toleranz werden an diesen Orten nicht von Pädagoginnen aufgezwungen, sondern gehen von den Jugendlichen selbst aus. Es sind Orte, die existentielle Fragen aufwerfen: Fragen an sich selbst, an die Gesellschaft, an die Nächsten.

 

 

Gedenkdienst als Partner

 

Seit Eröffnung der beiden Jugendbegegnungsstätten haben vorwiegend Gruppen aus Deutschland das Angebot genutzt. Besucherinnen aus Österreich waren bisher in verschwindend geringer Zahl dort vertreten. Die Hauptursache liegt wohl darin, daß der Bekanntheitsgrad dieser Seminarmöglichkeit bisher sehr gering war. Diesen Umstand zu beseitigen, dazu will Gedenkdienst beitragen. Seit Jahren werden interne Mitarbeiterinnenseminare in Auschwitz veranstaltet, mit dem Ziel, zukünftige Gedenkdienstleistende auf ihre Arbeit vorzubereiten. Sowohl in der Jugendbegegnungsstätte Auschwitz als auch in Theresienstadt, die Gruppen bis zu 40 Personen beherbergen können, arbei­ten österreichische Gedenkdienstleistende, die Seminare vor Ort betreuen und an der Konzeption von Besuchsprogrammen mitarbeiten.

Gedenkdienst sieht sich dabei einerseits als Vermittler zwischen interessierten Jugendgruppen in Österreich und den Gedenkstätten andererseits.

Es ist das erklärte Ziel von Gedenkdienst, Fahrten zu den Gedenkstätten Auschwitz-Birkenau und Theresienstadt als integrativen Bestandteil der politischen Bildung in Österreich zu verankern. Die Erstellung von Programmen, die Vorbereitung und Begleitung der Jugendgruppen sowie die Auswertung dieser Exkursionen werden in enger Kooperation mit Lehrerinnen und Verantwortlichen gemeinsam durchgeführt. Das allgemeine Programmangebot wie Führungen, Museumsbesuche, Filme und Vorträge kann um Exkursionen zu den nahegelegenen Städten Krakau bzw. Prag erweitert werden. Nach dem Bausteinprinzip kann somit für jede Besucherinnengruppe ein ihren Interessen entsprechendes Programm erstellt werden.

 

 

Multiplikatorinnenseminar 1999

 

Ein Besuch der Gedenkstätten Theresienstadt und Auschwitz-Birkenau stellt nicht nur für die Jugendlichen eine Herausforderung dar, sondern bedarf auch bei den Betreuerinnen einer intensiven Vorbereitung. Aus diesem Grund bietet die internationale Begegnungsstätte Auschwitz gemeinsam mit Gedenkdienst Anfang 1999 eine Fortbildungsveranstaltung für Lehrerinnen mit dem Titel „Möglichkeiten und Grenzen einer Studienreise nach Auschwitz" an. Ziel dieses Seminars ist eine Erkundung der Möglichkeiten pädagogischer Arbeit in der Gedenkstätte sowie der Jugendbegegnungsstätte. Der Austausch mit Mitarbeiterinnen dieser Institutionen, methodische Vorschläge zur Erkundung des Ortes und Möglichkeiten der Vor- und Nachbereitung einer Gedenkstättenfahrt bilden die Schwerpunkte dieses Seminars.

Detaillierte Informationen zu diesem Seminar können beim Verein Gedenkdienst unter nebenstehender Adresse angefordert werden.

 

Sascha Kellner, Obmann des Vereins Gedenkdienst,

derzeit Zivildienstleistender bei ESRA/lsraelitische Kultusgemeinde Wien