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Ausgabe 3/98


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Psychische Folgen der Schoah

Vorträge zur Weiterbildung von Gedenkdienstinteressentinnen

 

Am 14. 2. 1998 war Prim. Dr. David Vyssoki, Psychiater von ESRA - einem psycho-sozialen Ambulatorium für Überlebende des Holocausts - Gastredner auf einem Seminar zur Vorbereitung von Gedenkdienstleistenden im Renner Institut (Wien); am 22. 6. folgten die Ausführungen von Dr. Nathan Durst, klinischer Leiter von AMCHA, Israel.

Gemeinsam ist beiden Vortragenden ihre Hilfstätigkeit für Überlebende, die bis heute an den Folgen leiden. Motiv ihres Wirkens ist die persönliche Betroffenheit über die Geschehnisse im Dritten Reich.

Nathan Durst war 1939 als Siebenjähriger gemeinsam mit seiner Schwester aus Berlin nach Holland geflüchtet - in der kindlichen Meinung, einmal über der Grenze „sei alles wieder gut". Diesen Glauben verliert er spätestens 1940, als die nationalsozialistische Truppen Holland überfallen. In einem Versteck überleben die Geschwister den Krieg, um 1945 vom Tod ihrer gesamten Familie zu erfahren.

Mit dem Frieden hatte das Leid noch kein Ende: Die Überlebenden mußten sich auf die Suche nach einer neuen Heimat machen und hatten dabei wenig Gelegenheit, die Verlorenen zu betrauern. Sie fürchteten auch, durch Trauer die Umgekommenen endgültig zu ver-lieren. Zu dem Versuch der Vergangenheitsbewältigung kamen vielschichtige psychische Probleme. Nicht selten überfielen die Hinterbliebenen Schuldgefühle, überlebt zu haben, während ihre Angehörigen von den Nationalsozialisten ermordet worden waren.

Die Gefahren, die mit der Verdrängung der Shoah verbunden sind, zeigt Vyssokis Beispiel einer heute 65jährigen Dame. Ihr geruhsames Leben wurde plötzlich durch Alpträume getrübt. Durch Gespräche im ESRA-Zentrum fand sie heraus, daß diese durch vergessen geglaubte Erinnerungen hervorgerufen wurden, die eine Dokumentation über das Ghetto Leopoldstadt wieder in ihr Bewußtsein rief. Als Fünfjährige für die Vernichtung selektiert, erkrankte sie so schwer an den Masern, daß sie, paradox genug, nicht nach Auschwitz transportiert werden konnte. Im Haus eines Gauleiters, dem das „germanenhafte" Mädchen gefiel, hat sie überlebt. Doch die Folgen wirken bis heute.

Für Durst besteht die Aufgabe der heute jungen Generation in der Hilfestellung für Betroffene, um ihnen zu zeigen, daß die so lange hinuntergeschluckten Tränen auch aufgefangen werden können.

 

RK