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Ausgabe 3/98


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Gedenkdienst - Tagung

„Jüdischer Widerstand oder Widerstand von Juden"

 

Die Tagung „Jüdischer Widerstand oder Widerstand von Juden" begann mit einem Vortrag des Buchautors Arno Lustiger über die Bedingungen des bewaffneten Widerstandes von jüdischen Frauen gegen das Regime, Deportation und Vernichtung. Widerstand, ein Begriff der zur Identifikation einlädt und auch zur Romantisierung verleitet, wurde in diesem Einleitungsvortrag als bewußte Entscheidung dargestellt, über Jahre in eine Doppelrolle zu schlüpfen oder gar unterzutauchen, unter Hunger und Kälte körperlich zu leiden, vor allem aber mit dem Wissen, daß Freundinnen und Familien deportiert und ermordet werden. Frauen litten in der männerdomi­nierten Welt des Krieges zusätzlich unter sexueller Ausbeutung und Erniedrigung durch ihre eigenen Kampfgefährten. Gleichzeitig gab es auch einige Widerstandsgruppen, in denen Frauen gleichberechtigt am Kampf teilnehmen konnten. Diesem eindrucksvollen Vortrag aus einem Teilgebiet der Problematik, mit der sich Arno Lustiger in seinem Werk „Zum Kampf auf Leben und Tod. Vom Widerstand der Juden 1933-1945" auseinandersetzte, folgte eine detaillierte Schilderung des Inhaltes des Buches. Ebenfalls erwähnt wurde die Kontroverse um den Begriff „jüdischer Widerstand“, die zum Teil sehr emotionell geführt wurde. Die jüdische Bevölkerung wurde in diesen Zusammenhängen vor allem unter politischer Perspektive betrachtet, was bei den vielen Äußerungen zu sogenannter jüdischer Kultur ein wichtiger Kontrapunkt ist.

Das politische Motiv in Relation zum Judentum wurde in einer Podiumsdiskussion mit Harry Spiegel, Arno Lustiger und Doron Rabinovici diskutiert. Zur Sprache kam etwa der Stolz in der spe­zifischen Situation eines jüdischen Jugendlichen der 30er Jahre in Österreich, bewußt eine eigene Haltung gewählt zu haben: anders formuliert, Harry Spiegel wählte damals seine kommunistische Gesinnung und trat nicht etwa wohl oder übel der einzigen Partei bei, die Jüdinnen undJuden noch offiziell aufnahm. Bedrückend die zum Teil heftigen Reaktionen in der Diskussion, die darauf deuteten, daß Fragen der Art des Widerstandes und der persönliche Zugang zum Widerstand ein heißer Kern des vielschichtigen Themas unter Widerstandskämpferinnen ist.

Jüdischer Widerstand wurde lange Zeit mit dem Zusatz der Marginalität kolportiert, die Rolle der Judenräte lange Zeit mit dem Ausdruck der Kooperation beschrieben: In beiden Fällen handelt es sich zum Teil um ein antisemitisches Vorurteil, das Jüdinnen und Juden die Unfähigkeit zur Verteidigung und den Hang zur Anpassung attestiert. Doron Rabinovici erläuterte in seinem Referat die Geschichte des Judenrates in Wien, die Rolle der Ältesten, vor allem aber die Bedingungen der Gründung und des Bestehens dieser Institution, die das Ziel hatte, sich schließlich selbst zu deportieren.

Höhepunkt und Abschluß der Tagung war eine Podiumsdiskussion von vier ehemaligen Widerstandskämpferinnen geleitet von Wolfgang Quatember. Abwechselnd, aber aufeinander bezugnehmend erzählten sie ihre Geschichte während und nach dem Zweiten Weltkrieg, zwischen spanischem Bürgerkrieg, Buchenwald, der FTP-MOI in Frankreich, der Innitzer-Garde und Auschwitz, vom erhofften Aufbruch, der langsamen Ernüchterung in der Zweiten Republik und der eindringlichen Botschaft aller, über diese Zeit zu sprechen.

 

JT