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Ausgabe 3/98


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Telegramm

Lena Gitter und Gedenkdienst

 

Alle, die in irgendeiner Form mit Gedenkdienst am US Holocaust Memorial Museum in Berührung gekommen sind, kennen sie: Lena Lieba Gitter-Rosenblatt, die große Montessori-Pädagogin und ehemalige Bürgerrechtskämpferin, die als „Schutzpatronin" der jeweiligen Gedenk-dienstleistenden fungiert. Da es Lena Gitter immer ein Anliegen war, Brücken in ihre alte Heimat zu schlagen, verwundert es nun ganz und gar nicht, daß sie den Großteil ihrer Bücher, Zeitschriften, Unterrichtsmaterialien, Videos, Fotos usw., die sie im Rahmen ihrer internationalen Montessori-Tätigkeit gesammelt hat, der Pädagogischen Akademie des Bundes in Wien überläßt. Ein derartiges Vorhaben läuft in der Regel nicht ohne Beteiligung von Gedenkdienst ab. Bereits seit einiger Zeit hilft Thomas Huber, Gedenkdienstleistender am USHMM, beim Sortieren, Katalogisieren und Versenden der umfangreichen Materialiensammlung tatkräftig mit. Und dies in seiner Freizeit, wohlgemerkt! Da Lena Gitter auch immer wie­der gerne die Bekanntheit von Gedenkdienst fördert, hat sie Thomas Huber dazu bewogen, als Herausgeber einer Schrift zu fungieren, die ihre freundschaftliche und sehr fruchtbringende Beziehung zu den einzelnen Gedenkdienstvertretern in Washington dokumentieren soll, „nur damit wäre ihre Sammlung vollständig".

 

 

„Pionierarbeit" in Rußland

 

Das Fundament einer wichtigen Brücke nach Rußland wurde durch die erstmalige Endsendung eines Gedenkdienstleistenden an das Wissenschaftliche Zentrum „Holocaust" gelegt: Kurt Scharr leistet an der in Moskau angesiedelten Institution seit Anfang August seinen Zivilersatzdienst. Die intensive Vorbereitung kommt den mehrjährigen Gedenkdienstmitarbeiter nun zugute, da er von Beginn an mit sehr herausfordernden Aufgaben betraut wurde. So zählt die Koordination der Konferenz „Teaching about the Holocaust in the 21 st Century", die von 7. bis 9, Oktober d. J. in Moskau stattfindet, zu Kurt Scharrs Agenden. Die Hauptaufgabe des Gedenkdienstleistenden in Rußland wird jedoch die Aufarbeitung jener periodischen Veröffentlichungen sein, die sowohl in Deutschland für die Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter­innen als auch in dem von den Nationalsozialisten okkupierten sowjetischen Territorium veröffentlicht wurden. Dabei soll herausgefunden werden, ob es sich bei der antijüdischen Propaganda in diesen Zeitungen um „authentische sowjetische Beiträge" oder um von NS-Medien übernommene Artikel handelt.

 

 

... und Argentinien

 

Archivarbeit stellt auch einen wichtigen Bestandteil der Tätigkeit von Markus Broer und Jordi Kuhs an der neuen Gedenkdienststelle in Argentinien dar. Broer und Kuhs, die bereits seit Mitte April 1998 Gedenkdienst an der Fundaciön Memoria del Holocausto in Buenos Aires leisten, archivieren jedoch keine historischen Dokumente der Zeit des Nationalssozialismus, sondern Beiträge aus aktuellen argentinischen Tageszeitungen und Zeitschriften, die Antisemitismus, Diskriminierung und Rassismus thematisieren. Darüber hinausgehend unterstützen die Gedenkdienstleistenden das Projekt „Del Numero al Nombre". Zielsetzung dieses Projektes ist es, eine möglichst große Anzahl von Überlebenden des Holocaust, die nach Argentinien geflüchtet sind, zu registrieren.

 

 

Anne Frank in Mostar

 

Ein Erlebnis der besonderen Art widerfuhr Norbert Hinterleitner gleich zu Beginn seiner Gedenkdienstzeit in der Anne Frank Stichting. Er erlebte und gestaltete schon in seiner Einarbeitungszeit eine Eröffnung im großen Stil mit. Die Ausstellung „Anne Frank -eine Geschichte für heute" wurde am 3. September 1998 in Mostar feierlich eröffnet. In diesem Rahmen erfolgte neben einer Pressekonferenz mit dem UN-Botschafter der Republik Bosnien und Herzegovina und eines teacher-trainings auch die Aufführung des Theaterstücks „Dreams ofAnne Frank". Besonders bewegt zeigte sich Norbert Hinterleitner von den Hauptakteurlnnen des Stücks, neun Kindern aus Sarajevo, die auf der Bühne quasi ihr eigenes Leben darstellten: „versteckt hinter ihren Rollen konnten sie sich ihre eigenen Ängste, ihre eigenen Erlebnisse, ihre eigenen Träume von Frieden und Freiheit von der Seele spielen"

 

 

Volcker-Komitee in Israel

 

Die intensive Diskussion um die Rolle von Banken, Versicherungen und Betrieben spiegelt sich zur Zeit in den Schlagzeilen heimischer Medien wieder. Zu dieser Debatte wäre es wohl ohne die bereits 1996 begonnene Auseinandersetzung um die Kollaboration der Schweizer Banken mit dem NS-Regime nicht gekommen. Im Rahmen eines sog. Globalvergleichs zahlen die Großbanken unseres Nachbarlandes 1,25 Mrd. US-Dollar zur Entschädigung der Holocaustopfer. Die Verteilung dieser Gelder wird vom „Independent Committee of Eminent Persons", einer Kooperation der Schweizerischen Bankiervereinigung mit dem World Jewish Congress, der World Jewish Restitution Organization und anderen jüdischen Organisationen, abgewickelt. Dieses Komitee hat unter dem Vorsitz von Paul Volcker im Zuge seiner Arbeit an Yad Vashem den Auftrag erteilt, alle im Archiv vorhandenen Namen — es handelt sich um etwa 30 Millionen -elektronisch zu erfassen. Die Digitalisierung der Daten der Opfer soll ein sog. Matching mit den von den Banken in der fraglichen Zeit eröffneten Konten ermöglichen. An der Bearbeitung des deutschsprachigen Materials ist der seit Juli d. J. in Yad Vashem tätige Gedenkdienstleistende Florian Wenninger beteiligt.