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Ausgabe 4/98


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Kommentar und Editorial

Über den „Wert menschlichen Lebens"- Hartheim 2001

 

Schloß Hartheim in Oberösterreich, 35 Kilometer von Mauthausen entfernt, war von 1940-44 Euthanasieanstalt und Stätte der Ermordung von nahezu 30.000 Menschen. Die späteren Leiter der Vernichtungslager Belzec, Sobibor und Treblinka lernten ihr „Handwerk" unter fachkundiger Anleitung der Vernichter sogenannt „unwerten Lebens." Über dem Schloß schwebte ständig eine schwarze, bestialisch stinken­de Wolke aus den Rauchfängen des Krematoriums. Jeder aus der näheren Umgebung wußte, daß mit Bussen Menschen in das Schloß gebracht wurden, und daß am näch­sten Tag die Asche der Ermordeten mit Lastkraftwagen zur nahegelegenen Donau gebracht wurde. Manchmal fielen Knochensplitter und Asche von den Lastwägen. Und manch­mal sollen daraus dann von Passanten kleine Pyramiden gebaut worden sein: Damit die drinnen im Schloß sehen, daß die draußen wissen, was da geschieht...

1944 wurde Hartheim von KZ-Häftlingen aus Mauthausen wieder zu dem umgebaut, was es vor 1938 war: eine Heimstätte für Kinder! Die Henker ließen nichts unversucht, ihre Taten zu vertuschen. Und das Österreich nach 1945 machte sich zu ihren Komplizen. Die Mörder von Hartheim, so der Linzer SS-Arzt und Leiter der Euthanasieanstalt Dr. Rudolf Lonauer, wurden 1947 von einem Volksgerichts­hofprozeß freigesprochen. Auch sein Stellvertreter Dr. Georg Renno lebte beinahe unbehelligt als Mediziner in Deutschland bis zu seinem Tod im Jahre 1997. In Schloß Hartheim selbst wurden in den 50er Jahren billige Wohnungen in der ehemaligen Euthanasieanstalt errichtet, die bis heute vermietet werden. Was geschehen war, geriet immer mehr in Vergessenheit.

1988  kam der vielbeachtete  Dokumentarfilm  „T4 -Hartheim 1 - Leben und Sterben im Schloß" von Egon Huemer und Johannes Neuhauser in die Kinos. Anfang der 90er Jahren machten Behindertenbetreuerinnen einen grau­sigen Fund: In einem versperrten Bürokasten, der jahrzehn-

telang nur als Ablagefläche benutzt worden war, fanden sie eine Mappe mit Briefen aus dem Jahr 1941. Briefe von ver­zweifelten Eltern und Angehörigen, die nach dem Verbleib ihrer Kinder fragten. 1992 wurden diese Briefe von Johannes Neuhauser und Michaela Pfaffenwimmer unter dem Titel „Hartheim - wohin unbekannt" veröffentlicht. 1997 erschien von Walter Kohl das Buch „Die Pyramiden von Hartheim".

Doch erst mit der Konstituierung des „Verein Schloß Hartheim" 1995 unter der Leitung von Divisionär Hubertus Trauttenberg, Adjutant des Bundespräsidenten, scheint nun auch das Land Oberösterreich an der Aufarbeitung der Geschichte Hartheims interessiert zu sein. Ziel des Vereins ist, die bereits bestehende kleine Gedenkstätte im Schloß auszubauen und einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Das Land Oberösterreich erklärte sich bereit, 2001 eine Landessonderaustellung in Hartheim unter dem Titel „Wert des Lebens" zu veranstalten. Die noch immer im Schloß lebenden Mieter bekommen Ersatzwohnungen vom Land Oberösterreich. Unter der Leitung von Wolfgang Neugebauer, Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands, und Josef Weidenholzer, Universität Linz, wird nun erstmals auch unter Bereitstellung bisher nur schwer zugänglicher Akten die gesamte Geschichte der Euthansie im Schloß Hartheim aufgearbeitet werden. 2001 wird ein Gedenkbuch mit den Namen all jener erscheinen, die in Hartheim ermordet wurden. Darüberhinaus erhält der Verein über das Jahr 2001 hinaus die Möglichkeit, durch Sonder­ausstellungen das Angebot der neu gegründeten Gedenk­stätte zu erweitern. Damit werden nach beinahe 60 Jahren endlich die Voraussetzungen geschaffen, der Opfer des NS-Rassenwahns in Hartheim in Würde zu gedenken.

 

Christian Klösch

Historiker, ehem. Gedenkdienstleistender am Leo Baeck Institute New York

Editorial

Liebe LeserInnen,

 

Zu Ende gehende Kalenderjahre sind Anlässe, Rückblick zu halten. Sie halten nun schon die vierte Ausgabe unserer Zeitschrift GEDENKDIENST in Ihrer Hand. Wir möchten uns für die vie­len positiven Reaktionen, die wir für die letzten drei Ausgaben bekommen haben, herzlichst bedanken.

In der nun vorliegenden Ausgabe von GEDENKDIENST haben wir uns einer kontroversiellen Thematik ange­nommen. Immer wieder ist von „Vergessenen Opfergruppen" des Nationalsozialismus die Rede. Gemeint sind damit Zeugen Jehovas, Homosexuelle, Roma und Sinti, soge­nannte „Asoziale", Menschen mit Behinderungen und andere.

Noch heute kämpfen viele Opfer des Nationalsozialismus nicht nur gegen tradierte gesellschaftliche Vorurteile, sondern auch um ihre rechtliche Anerkennung als Opfer nationalsoziali­stischer Verfolgung.

Das Gedenken an die Verbrechen des Nationalsozialismus bekommt sei­nen eigentlichen Sinn, wenn aus dem Wissen um das vergangene Unrecht Sensibilität entsteht für Unrecht, das bis in die Gegenwart weiter besteht. GEDENKDIENST versucht durch diese Ausgabe der Zeitschrift einen Beitrag zu leisten, daß Vorurteile gegenüber gesellschaftlichen Randgruppen und Minderheiten abgebaut werden.

Die Mitarbeiterinnen von GEDENK­DIENST, die ehrenamtlichen Vorstands­mitglieder und natürlich die Gedenk-dienstleistenden selbst haben im letzten Jahr viel Engagement und Energie gezeigt. Ihnen und auch den vielen Unterstützerinnen unserer Arbeit die wir im letzten Jahr gewinnen konnten, sei an dieser Stelle herzlichst gedankt! Wir hoffen, daß Sie uns auch im nächsten Jahr unterstützen werden!

 

Herzlichst

Sascha Kellner, Obmann