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Ausgabe 4/98


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Verfolgt, ermordet, vergessen

Über die Umkehrung der Geschichte nach 1945

 

 

Wer vom NS-Regime verfolgt wurde, hatte keine Gewißheit, im Österreich der Zweiten Republik als Opfer anerkannt zu werden. Ein Beispiel: Käthe A. wurde 1924 in Wien geboren, die Ehe der Eltern scheiterte, sie wuchs auf eng­stem Raum mit Mutter und Geschwistern auf und begann bei einer jüdischen Familie als Hausmädchen zu arbeiten. Mit dem Anschluß wurde das „deutsche Mädchen" einer „deutschen Familie" als Kindermädchen zugewiesen, floh, wurde verhaftet und als „schwererziehbar" in ein Erziehungsheim eingewiesen. Sie tätowierte sich „Heil Moskau" auf den Arm, bemalte Hitler-Bilder. Es folgten sechs Monate schweren Kerkers, wieder das Heim, dann das Konzentrationslager Ravens-brück, schließlich das Umerziehungslager Uckermark, wo sie 1944 befreit wurde.

Käthe A. ist Opfer des NS-Regimes. Eine Frau, die adäquate medizinische und psychologische Betreuung auf Grund der KZ_haft benötigt hätte. 1952 wurde ihr zwar vom österreichischen Sozialministerium die Amtsbestätigung ausgestellt, aber die Haftzeiten wurden mit der Begründung, daß sie „asozial" gewesen sei, nicht anerkannt. Erst 1984 wurde die Haftzeit im Umerziehungslager Uckermark mit Hilfe der Ravens-brücker Lagergemeinschaft anerkannt, allerdings nur unter Zuhilfenahme von politischen Gründen, (vgl. Brigitte Bailer, Wiedergutmachung kein Thema. Österreich und die Opfer des Nationalsozialismus, Wien 1993). Das nationalsozialistische Regime kategorisierte die verfolgten Menschen nach NS-ideologischen Gesichtspunkten und stigmatisierte sie in den Lagern mit einem farbigen Dreieck, Winkel genannt. Jede der so geschaffenen Gruppen formte eine wohlunter-scheidbare Schicht im sozialen Zwangs-gefüge eines Konzentrations- oder Vernichtungslagers. So wurde von Lagerinsaßen bei Bekanntwerden eines Transportes an einen anderen Ort häufig die Frage laut, ob es sich um ein rotes oder ein grünes Lager handle, ob die Gruppe der sogenannten Kriminellen mit grünem Winkel oder die der Politischen mit rotem Winkel mehr Macht im Lager besitze. Die so geschaffenen Hierarchien in den Lagern spie­gelten die gesellschaftlichen Vorurteile in den Gebieten des Dritten Reiches differenziert wider, die Vorurteile werden zum Teil bis heute tradiert und lange Zeit mußten ehemalige Häftlinge darum kämpfen, daß die KZ-Haft nicht als „gerechte Strafe" angesehen wurde.

 

Gesellschaftlich geprägtes Gedenken der NS-Zeit

 

 

„Niemals vergessen" war die Devise jener, die nach 1945 das Andenken an die Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wach zu halten versuchten. Natürlich aber war diese Erinnerung von der Gesellschaft, in der sie stattfand, geprägt. Wer Opfer des Nationalsozialismus war, wurde in der Zweiten Republik sehr großzügig definiert. Nach dem Selbstverständnis der ersten Politikergeneration nach 1945, die meist selbst Opfer von Verfolgungen  mit teils  langjährigen  Internierungen in Konzentrationslagern waren, war die gesamte österreichische  Be­völkerung   des   Jahres 1938 „erstes Opfer" der nationalsozialistischen Gewalt. Gerne übernahm man den diesbezüglichen Passus der Moskauer Deklaration der alliierten Mächte von 1943. Daß diese Erklärung für  die  tatsächliche Rolle, die die Österreicherinnen in der Kriegs- und Vernichtungsmaschinerie des  Dritten Reiches spielten,  ausgesprochen schmeichelhaft war,  war vielen  Exil­politikern damals bewußt. Es war auch nicht Intention der Alliierten, den Österreicherinnen einen  Freibrief zu geben,  sondern  die  Bevölkerung  im Krieg zu ermutigen, sich verstärkt gegen den Nationalsozialismus zu stellen. Ernst Kolb, ÖVP-Handelsminister der Ersten Nachkriegsregierung, brachte es auf den Punkt: „Österreich hat aber nichts gutzumachen, weil es nichts ver­brochen hat." Folgerichtig gab es faktisch keine Entschädigung für NS-Opfer. Folgerichtig verlangte Österreich 1947 von Deutschland Wiedergutmachungszahlungen. Und folgerichtig drehte sich die Entschädigungsdiskussion in der Nachkriegszeit um eine „Wiedergutmachung" an den von Volksgerichten nach 1945 verurteilten Kriegsverbrecherinnen, und das mit Erfolg. 1955 verabschiedete der Nationalrat ein Gesetz, das den Großteil der über 13.000 verurteilten NS-Verbrecherlnnen nicht nur begnadigte, sondern ihnen auch noch ihre Haft als Dienstzeit anrechnete! Kriegsdienstzeiten von SS-Männern wurden zur Gänze für ihre Pensionszeiten angerechnet.

 

Wenn es keine Täter gibt, kann es keine Opfer geben

 

 

Mit dem Verschwinden des Bewußtseins, daß es in Österreich Täterinnen gab, verschwand auch das Bewußtsein, bezüglich der Opfer. Kein Wunder, daß niemand außer dem Wiener Kulturstadtrat Viktor Matejka auf die Idee kam, die 120.000 Österreicherinnen, die nach 1938 ins Exil getrieben wurden, wieder einzuladen. Sie waren ja keine Opfer mehr, im Gegenteil, ihnen wurde auch noch der Stempel des Vaterlandsverrats aufgedrückt, da sie ja die Heimat in schwerer Zeit im Stich gelassen hatten! Kein Wunder, daß man sich bei einem Faschingsumzug in Mallnitz 1963 über die jüdische Bevölkerung lustig machte, indem in Stürmermanier verkleidete Personen auf einem Schlitten mit der Aufschrift „Wegen Armut von Eichmann verschont gebliebene Juden" durch den Ort gezogen wurden (vgl. Helga Embacher, Neubeginn ohne Illusionen, Wien 1995). Daß bis heute die genaue Zahl der ermordeten österreichischen Juden und Jüdinnen nicht bekannt ist, paßt genauso in dieses Bild. Das Schicksal von ethnischen und gesellschaftlichen Minderheiten ebenso wie das von religiös Andersdenkenden in der NS-Zeit ist immer noch kaum bekannt. Rückkehrende Wehrmachtssoldaten hinge­gen wurden mit Parlamentsreden wie „Hier kommt uns nur eines zu, in Ehrfurcht und Würde unser Haupt zu neigen" empfangen, während das Schicksal von Kriegsgefangenenen und Zwangsarbeiterinnen in Österreich keine Erwähnung fand.

Der offizielle Opferbegriff wurde durch das Opferfürsorgegesetz (OFG) 1945 geprägt, in dem es heißt, daß „als Opfer des Kampfes um ein freies, de- mokratisches Österreich jene Personen anzusehen sind, die um ein unabhängiges (...) Österreich, insbesondere gegen Ideen und Ziele des Nationalsozialis­mus, (...) gekärnpft oder sich rückhaltlos in Wort und Tat eingesetzt haben." Dieses Gesetz hatte den Charakter einer Absichtserklärung, abgelöst wurde es vom OFG 1947, das im wesentlichen bis heute gültig blieb. Es ist trotz vieler Novellen, in denen der Opferbegriff ausgeweitet wurde, wie sein Name sagt, ein Gesetz auf Fürsorgebasis.

Überlebenden der Euthanasieprojek­te, Homosexuellen, Roma und Sinti u. a. legte man nahe, politische Gründe für die erlittene Verfolgung anzugeben. Es kam vor, daß das Sozialministerium eine Rente auf dem „Gnadenweg" (1988) in Aussicht stellte, jedoch ohne Rechtsanspruch. Ehemalige Zwangsarbeiterinnen haben kein Recht auf Renten oder Entschädigungszahlungen.

Roma und Sinti, Homosexuelle und sprachliche Minderheiten hatten noch zusätzlich mit sich hartnäckig haltenden gesellschaftlichen Vorurteilen zu kämpfen. Ein Rom, ehemaliger Häftling im Lager Lackenbach, wurde in einem Schreiben des Sozialministeriums be­lehrt, daß er wohl die Organsiations-struktur dieses Lagers nicht ganz verstanden habe. Schließlich habe ja „das Lager vielmehr der Wiener Kriminal-polizeileitstelle unterstanden" und nicht, wie im Ansuchen angegeben, der Gestapo. „In diesem Lager seien hauptsächlich arbeitslos herumziehende Zigeuner, die eine Gefahr für das Eigentum dritter Personen darstellten, zusammengefaßt worden, um sie einer geregelten Arbeit zuführen zu können." Damit übte sich das Sozialministerium 1954 in einer ähnlichen Diktion wie der ehemalige Gauleiter Tobias Portschy, als er 1938 auf die Beweggründe für die Errichtung eines Lagers für Roma und Sinti zu sprechen kam!

 

Die weiten Maschen des Opferfürsorgegesetzes

 

 

Noch komplexer stellt sich die Lage für Homosexuelle dar. Als Manfred Srb, Abgeordneter der Grünen 1988 eine parlamentarische Anfrage zur Behandlung von Homosexualität nach dem Opferfürsorgegesetz an den Minister für Arbeit und Soziales richtete, hieß es in der Beantwortung, daß nur aus politischen Gründen sowie aus Gründen der Abstammung, Religion oder Nationalität verfolgte Menschen vom OFG berück­sichtigt werden können, nicht aber auf­grund ihres Sexualverhaltens Verfolgte. „Deren Freiheitsbeschränkung (erfolgte) aufgrund einer Tat, die nach österreichischen Gesetzen zum Zeitpunkt des Be-gehens strafbar war oder strafbar gewe­sen wäre, wenn sie im Inland gesetzt worden wäre." Im weiteren Verlauf wird hingewiesen, daß Berufs-und Schwerverbrecher ja auch nicht als Opfer akzeptiert seien, auch wenn sie in einem Lager interniert waren. Homosexuelle Männer wurden daher ausnahmslos von den Opferfürsorgebehörden abgewiesen, lesbische Frauen, von den Nationalsozialisten unter „asozial" subsumiert, ebenso. Erst 1986 keimte im Zuge der Diskussion um den Präsidentschaftskandidaten Waldheim und die Opferrolle Österreichs auch die Diskussion um die österreichischen Täterinnen und die Verantwortung der heutigen Gesellschaft neu auf. Die 50 Jahre lang einge­übten Antwortmuster wurden im In- und Ausland nicht mehr akzeptiert. Der Mythos der demokratischen, opferrei­chen Wiederaufbauzeit begann zu bröckeln, da mehr und mehr davon die Rede ist, wie weit Staat, Wirtschaft und Bevölkerung aufgrund der Entrechtung, Enteignung und Ermordung von Teilen der Bevölkerung profitierten. Dazu kam das Bewußtsein um die Opfer und die verschiedenen Opfergruppen des Nationalsozialismus langsam in die öffentliche Diskussion. Die kollektive Verantwortungslosigkeit, über Jahrzehnte nicht gegen die Kontinuitäten der nationalsozialistischen Ideologie aufgetreten zu sein, unter denen bis heute viele Menschen leiden, wurde manifest. Das Nachfragen, warum in Österreich Menschen vertrieben, beraubt und ermordet wurden und warum das nur so wenige interessierte, eröffnet einen neuen kritischen Zugang zu unserer Gesellschaft und beinhaltet die Möglichkeit, Ansätze zur Veränderung zu finden.

 

 

Christian Klösch, Historiker

Josef Teichmann, Mathematiker