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Ausgabe 4/98


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„Um ihre Jugend betrogen"

Ukrainische Zwangsarbeiterinnen in Vorarlberg 1942-45

 

 

Im Oktober 1993 kam ich während einer Bahnfahrt nach Innsbruck mit einer älteren Dame aus der Ukraine ins Gespräch. Sie erzählte mir, daß sie während des Zweiten Weltkrieges als Zwangsarbeiterin in Vorarlberg gearbeitet habe. Ihr Schicksal bewegte mich so sehr, daß ich beschloß, mir dieses Kapitel der Zeitgeschichte mit der Methode der Oral history zu erschließen, also vor allem Betroffene selbst zu Wort kommen zu lassen. Dazu befragte ich drei Personengruppen: ukrainische Zwangsarbeiter, die in die Heimat zurückgekehrt waren, Ukrainer und Ukrainerinnen, die in Vorarlberg geblieben sind und ehemalige Arbeitskollegen und Arbeitgeber. Nach zwei Reisen in die Ukraine konnte ich 1996 meine Forschungsergebnisse im Buch „Um ihre Jugend betrogen".

Ukrainische ZwangsarbeiterInnen in Vorarlberg 1942-45 veröffentlichen.

Frau Ala Jireschko aus der Ukraine schrieb mir, ihre Mutter sei letztes Jahr gestorben. Als sie deren Nachlaß durchsuchte, fand sie Dokumente, aus denen hervorging, daß ihr Vater Österreicher war und sie selbst 1943 in Apetlon im Burgenland geboren war. Sie bat mich um Hilfe bei der Suche nach Angehöri­gen. Ihre Mutter habe zeitlebens in Angst gelebt, sie habe ihr nie etwas über jene Zeit, über ihre Herkunft gesagt. Frau Jireschkos Mutter war „Ostarbeiterin" gewesen.

 

Unrechtssystem Zwangsarbeit

 

 

Mit dem Begriff „Ostarbeiter" wurden zivile sowjetische Arbeitskräfte bezeichnet, vorwiegend Jugendliche zwischen 14 und 20 Jahren, die während der NS-Zeit Zwangsarbeit im Deutschen Reich leisten mußten. „Ostarbeiter", von denen die meisten aus der Ukraine stammten, und Polen stellten den Großteil der Zivilarbeiter im Deutschen Reich. In Österreich dürften, nach Angaben des Ukrainischen National­fonds für Freundschaft und Versöhnung, damals etwa 40.000 zivile ukrainische Arbeitskräfte gearbeitet haben. Obwohl diese „Ostarbeiter" als Arbeitskräfte dringend benötigt wurden, sahen die Behörden in ihnen aus rasse- und sicherheitspolitischen Gründen eine Bedrohung. Deshalb konstituierte der NS-Staat ein System von Sonder­rechten, das nahezu den gesamten Bereich des täglichen Lebens dieser Arbeitskräfte reglementierte und sie von der deutschen Bevölkerung fernhielt.

 

Reglementierung aller Bereiche

 

 

„Ostarbeiter" mußten ein Abzeichen „Ost" auf ihrer Kleidung tragen, durften ohr Lager meist nur zur Arbeit verlassen, weder eine Kirche besuchen noch sich in Gaststätten, Ausflugsorten, Schwimmbädern aufhalten, keine öffentlichen Verkehrsmittel benützen, ja selbst das Radfahren und Telefonieren war ihnen nicht erlaubt. Jeder gesellige Kontakt mit Einheimischen war verbo­ten. Auf sexuelle Kontakte mit einheimischen Frauen stand für Ostarbeiter die Todesstrafe, oder, falls sie als „eindeutschungsfähig" erachtet wurden, die Einweisung in ein Konzentrationslager. Sie erhielten, falls überhaupt, ein Taschengeld als Lohn und die in Lagern Lebenden mußten mit geringeren Lebensmittelrationen als westliche Kriegsgefangene auskommen.

Nicht alle „Ostarbeiter" wurden derart schlecht behandelt, wie es die deutschen Machthaber vorschrieben. Jene, die das Glück hatten, einzeln bei einem Bauern, bei einer Familie zu wohnen, wurden meist als Arbeitskraft geschätzt und auch besser verpflegt. Häufig entwickelte sich sogar eine Art Familienanschluß. Nicht wenige Einheimische setzten sich über die diskriminierenden Verbote hinweg, obwohl sie sich dadurch selbst in Gefahr brachten. Die Kellnerin Margarethe Fehle aus Bludenz wurde wegen der wiederholten Ausgabe von Getränken an Fremdarbeiter verhaftet und ins KZ Ravensbrück deportiert.

Nur ein kleiner Teil der „Ostarbeiter" hatte sich, in der Hoffnung auf eine bessere Existenz, freiwillig gemeldet. Die Mehrheit der Jugendlichen wurde zwangsverpflichtet, in kompletten Jahrgängen in ihren Heimatdörfern erfaßt, unter Drohungen weggeschleppt oder mit falschen Versprechungen ins Deutsche Reich gelockt. Nach tagelangen Zugfahrten mit unbekanntem Ziel landeten sie auf Bahnhöfen und Dorfplätzen, wo sie wie auf Sklaven­märkten zur Schau gestellt und von den zukünftigen Arbeitgebern ausgewählt wurden. Frau Nastasja Z. erinnert sich: „Man hat uns gezwungen, in den Zug einzusteigen und man hat uns behan­delt wie Tiere. Die Zugwaggons waren voll Stroh, man hatte keinen Platz zu liegen und zu schlafen, wir sind die ganze Zeit gesessen. Wir sind sehr lange gefahren und wußten nicht, wohin."

Selbst wenn die Lebensverhältnisse für einzelne „Ostarbeiterinnen" im Rahmen der Möglichkeiten „annehmbar" waren, darf die grundsätzliche Unmenschlichkeit des Zwangsarbeitssystems nicht vergessen werden. Diese Arbeitskräfte waren völlig rechtlos und weil die Gestapo als Teil der Sicherheitspolizei für alle Probleme mit ihnen direkt zuständig war, konnte schon der geringste Verstoß gegen die Arbeitsdisziplin oder sonstige Regeln zur Verhaftung und zur Einweisung in ein Arbeits- oder Konzentrationslager führen. Michail Medwedenko erzählte mir, er sei als fünfzehnjähriger Bub beim Lagereingang mit einem Laib Brot erwischt worden. Man habe ihm nicht geglaubt, daß er diesen Laib von wohlmeinenden Nachbarn erhalten habe und er sei deshalb ins KZ Mauthausen eingeliefert worden.

Unter Zwang hierher verschleppt, wurden diese Jugendlichen großteils auch unter Zwang wieder zurückge­bracht. Einige, vor allem Frauen, sind geblieben. Sie nannten als Gründe für das Hierbleiben, daß sie einen einheimischen Partner kennengelernt hätten und daß sie Angst vor einer Verschickung nach Sibirien gehabt hätten. Nach einer Statistik von Pavel Poljan (Zertvy dvuch diktatur, Moskau 1996), sind 58% der Rückkehr aus dem deutschen Reich gleich nach Hause gekommen, 20% zur Armee eingezogen worden, 15% in Arbeitslagern gelandet und 6% bei der Geheimpolizei. Auch wenn die Rückkehrer nicht unter direkten Repressionen wie Studien- oder Berufsverbot zu leiden hatten, sie alle waren Verdächtige. Deshalb verschwiegen sie jahrelang die Tatsache, daß sie als Zwangsarbeiter im Deutschen Reich gearbeitet hatten. „Dort (in Österreich) sind wir Sklaven und hier sind wir Verräter gewesen", sagte Frau Nadja Z. im Interview. Heute leben diese Frauen und Männer, die damals am Aufbau unseres Landes gegen ihren Willen teilnehmen mußten, vergessen in ihrer Heimat, zum Großteil in bitterer Armut.

Auf der Suche nach Kontakten

Erst seit wenigen Jahren dürfen diese Menschen über die damalige Zeit reden. Nicht alle ehemaligen „Ostarbeiter haben schlechte Erinnerungen an Österreich. Viele wollen jetzt gerne alte Kontakte erneuern und bitten mich, ihnen bei der Suche nach Verwandten, ehemaligen Freundinnen oder Arbeitgebern behilflich zu sein. Auch von Österreich aus versuchen nicht wenige, ihr ehemaliges Kindermädchen, ihre ehemalige Hilfe in der Landwirtschaft wiederzufinden. Dank der Unterstützung der Medien und des Roten Kreuzes ist dies in einigen Fällen gelungen. Es wäre allerdings nötig, eine staatliche Anlaufstelle einzurichten. Oder wäre das nicht eine lohnenswerte Aufgabe für Gedenkdienst?

 

Margarethe Ruft

Historikerin, Hohenems/Vorarlberg