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Ausgabe 4/98


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Sie weigerten sich, die Fahne zu grüßen

Verfolgung von Zeugen Jehovas im Dritten Reich

 

Ernst Reiter wurde 1915 in Graz geboren. Nach dem Selbstmord seiner Eltern 1926 wuchs er in Obhut seiner Tante und seiner Großmutter auf. Seine Tante war es , über die er Ende der 20er Jahre zu den Zeugen Jehovas kam.

1933 erhielt der damals 18jährige Ernst Reiter seinen ersten Befehl zur Stellung beim Militär. Ein Militärdienst war für ihn jedoch aus Glaubens-

gründen undenkbar. Schließlich gelang es mit Hilfe eines Bekannten, selbst Zeuge Jehovas, daß die Einberufung zurückgestellt wurde.

Mit dem Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich am 12.3.1938 änderte sich die Situation schlagartig. „Ich wollte mit den Nationalsozialisten nichts zu tun haben" sagt Herr Reiter heute. „Ich habe sie nicht bekämpft. Ich wollte nur, daß sie mich in Ruhe lassen". So stand er auch der Volksabstimmung über den Anschluß am 10.4.1938 gleichgültig gegenüber. „Ich stimmte weder dafür

noch dagegen. Das bedeutete meinen ersten Minuspunkt bei den Nazis".

Am 6.9.1938 wurde Ernst Reiter schließlich verhaftet. Mehrere Wochen mußte er in der U-Haft im Polizeige­fängnis am Grazer Paulustor verbrin­gen. Schließlich wurde er vor Gericht gestellt und wegen Wehrdienstverweigerung zu sechs Monaten Gefäng­nis verurteilt.

Gleich nach der Enthaftung wurde er von einem Unteroffizier der Wehrmacht in einen Zug nach Bayern gesetzt. Am Truppenübungsplatz Grafenwöhr sollte er seinen Wehrdienst leisten. Er verwei­gerte erneut: „Als Christ stehe ich auf dem Standpunkt 'Du sollst nicht töten". Ein Kriegsgericht in Regensburg verurteilte ihn zu eineinhalb Jahren Zucht­haus. Zu diesem Zeitpunkt wußte er, was ihn danach erwarten würde.

Im November 1939 wurde Ernst Reiter in das KZ Flossenbürg gebracht. An die erste Begegnung mit dem Hauptsturmführer erinnert er sich noch heute mit Schrecken. Als er auf die Frage „Warum bist Du hier?" entgegne-te „Wegen nichts", traf ihn der erste Faustschlag ins Gesicht. Als er nicht fiel folgte ein zweiter. Der erzürnte Hauptsturmführer bekam nun die Antwort, die er hören wollte: „Wegen Wehrdienstverweigerung". Auch die ersten 25 Stockschläge aufs Hinterteil, die ihm ein SS-Mann als „Willkommens­gruß" versetzte, während Mithäftlinge ihn festhalten mußten, wird Ernst Reiter nie vergessen. Jedes Nichtbefolgen einer Anordnung der SS wurde mit bru­talen Sanktionen geahndet.

Die meisten Häftlinge in Flossenbürg mußten im Steinbruch unter schwierig­sten körperlichen Bedingungen arbei­ten. Immer wieder kam es zu öffentli­chen Hinrichtungen. Ernst Reiter war einer von 25 „Bibelforschern" im Lager. Mehrmals verlangte die SS von ihnen, eine Erklärung zu unterschreiben, in denen sie sich von ihrem Glauben los­sagen und dem Deutschen Staat als einzige Autorität unterordnen sollten. Es hieß, wer unterschreibt, würde freigelas­sen. Ernst Reiter dazu: „Von uns im Lager hat keiner unterschrieben".

Kurz vor Ende des Krieges versuchte man auch das Lager Flossenbürg zu evakuieren. Am 20.April 1945 wurde Herr Reiter in einer Kolonne von 2 000 Häftlingen unter Bewachung der SS auf einen „Todesmarsch" geschickt. Viele von ihnen waren dafür schon zu schwach und starben an Erschöpfung. Andere wurden von ihren Bewachern kurzerhand durch Genickschüsse hin­gerichtet. Ernst Reiter hatte Glück. Am 23.April hörte man Flugzeuge. U.S.­Soldaten waren im Anmarsch. Schnell ergriffen die SS-Leute die Flucht. Für Ernst Reiter war nach fast siebenjähri­ger Haft die Stunde der Befreiung gekommen.

 

Hermine Liska (geb. 1930) wuchs in St.Walburgen (Kärnten) auf. Auch ihre Familie gehörte den „Bibelforschern" an. Der Einmarsch Hitlers 1938 kam für die Familie nicht überraschend. Über Publikationen war man schon lange über die Geschehnisse in Deutschland informiert. Als sie im Alter von elf Jahren die 5.Klasse der Volksschule besuchen sollte, wurde sie vom Lehrer, einem überzeugten Nationalsozialisten, wieder in die I.Klasse zurückgeschickt. „Ein so stures Kind, das den Hitlergruß verweigert, könnte er in seiner Klasse nicht gebrauchen", soll er gesagt haben.

Als Kind von „Bibelforschern" wurde Hermine Liska im Februar 1942 vom Jugendamt gewaltsam ihren Eltern ent­zogen. Man brachte sie in ein national­sozialistisches Erziehungsheim. „Die Trennung von meinen Eltern war für mich das allerschlimmste. Ich habe sehr darunter gelitten", erinnert sie sich.

Zwar war den Eltern der Besuch ihrer Tochter im Erziehungsheim verboten, doch gelang es ihnen immer wieder, sie auf dem Weg vom Heim zur Schule zu treffen. Im September 1941 wurde daher die damals Elfjährige mit der Begründung „Der Einfluß ihrer Eltern ist noch zu groß" nach München in ein katholisches Kloster gebracht. Dort wurde sie von einer Lehrerin gefragt, warum sie den Gruß „Heil Hitler" verwei­gere. Hermine versuchte zu begründen und erwähnte dabei auch den Namen „Jehova". Darauf sagte sie: „Aber Du bist doch eine Germanin, die Kärntner sind ja alles Germanen, blaue Augen, blonde Haare. Das sind ja keine Juden. Jehova ist ja ein Judengott".

Mit der beginnenden Bombardierung Münchens 1943 wurden die Mädchen evakuiert und aufs Land gebracht. Dort absolvierte Hermine Liska bis März 1944 ihr letztes Schuljahr. Für die Dauer eines Monats kehrte sie nach München zurück. Diese Tage waren gekennzeich­net durch Bombenalarm und Luftschutzkeller. Im April 1944 durfte sie die Heimreise nach Kärnten antreten und konnte schließlich wieder auf den elterlichen Hof zurückkehren.

 

Yvonne Opferkuch, Patrick Sax u. Hermann Zwanzger

Regionalgruppe Graz