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Ausgabe 4/98


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Gewaltloser Widerstand

Gedenkstättenpolitik konzentrierte sich bis vor wenigen Jahren auf den unfaßbaren Massenmord an den europäischen Juden und Jüdinnen und auf das Schicksal der politisch Verfolgten. Kaum jemand erinnerte sich der Leiden der Zwangsar­beiterinnen, der Roma und eben der Zeugen Jehovas.

Wenig bekannt ist, daß auch der österreichische Ständestaat wenig zimperlich mit den Zeugen Jehovas umging. Das mindeste war, daß sie aus dem öffentlichen Dienst aus­scheiden mußten. Bibelforscher wur­den während des klerikalfaschisti­schen Regimes unter Dollfuß und Schuschnigg verhaftet und ange­klagt und gehörten nach dem Einmarsch Hitlers in Österreich zu den ersten, die in Konzentrations­lager abtransportiert wurden.

Die Gründe dafür: Sie verweiger­ten konsequent den Hitlergruß, weil sie Heil nur von Jesus Christus erwarten. Ihre Auffassung von christ­licher Nächstenliebe veranlaßte Männer, den Wehrdienst zu verwei­gern. Konsequenterweise war auch kein Zeuge Jehovas bereit, für die Kriegsindustrie tätig zu sein. Damit wurden auch Frauen zum besonde­ren Angriffsziel der Nazis. Die Zeu­gen Jehovas verweigerten sich dem Nationalsozialismus und seinem totalitären Staat, kompromißlos und friedlich - eine wohl bemerkenswerte Form des geistigen Widerstandes aus christlicher Überzeugung. In Österreich gab es im März 1938  540 Angehörige der Religionsgemeinschaft. Insgesamt waren davon 445 unterschiedlich lang in Haft. 48 Zeugen wurden hingerichtet. 13 wur­den entweder erschlagen, vergast oder starben als Folge perverser medizinischer Versuche. Mindestens 81 weitere starben in Gefängnissen und Konzentrationslagern infolge von Krankheit und Erschöpfung. In Deutschland wurde von den damals 25.000 Zeugen Jehovas ungefähr jeder dritte inhaftiert. Insgesamt star­ben 635 in der Haft. 253 wurden zu Tode verurteilt, 203 hingerichtet.

Bei alledem ist anzumerken, daß Jehovas Zeugen von allen Verfolgten am leichtesten der Verfolgung hätten entgegehen können, wenn sie ihre Unterschrift unter die sogenannte „Verpflichtungserklärung" gesetzt und damit bezeugt hätten, sich nicht mehr als Bibelforscher betätigen zu wollen. Nur ganz wenige taten dies.

Bis vor wenigen Jahren gehörten Jehovas Zeugen eindeutig zu den vergessenen Opfern. 1994 gab es ein internationales Seminar „Die Ver­folgung der Zeugen Jehovas unter dem NS-Regime" im Holocaus Memorial Museum in Washington. 1996 wurde die Videodokumentation „Standhaft trotz Verfolgung Jehovas Zeugen unter dem NS-Regime" veröffentlicht. Seit 1997 gibt es in Österreich eine Wander­ausstellung „Die vergessenen Opfer der NS-Zeit", die bereits von mehr als 100.000 Besucherinnen gesehen wurde.

 

Hanns Eckart Ehm

Informationsdienst Zeugen Jehovas, Tirol