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Ausgabe 4/98


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„Es fehlte halt bei dem Zigeuner an allem, was - sagen wir — einen normalen Österreicher ausmacht"

Zur gesellschaftspolitischen Situation der Burgenland-Roma nach 1945

 

 

Seit ca. 500 Jahren sind die Burgenlandroma mit einer ihnen feind­lich gesinnten Mentalität der Mehrheits­bevölkerung konfrontiert. Der National­sozialismus stellte den traurigen Höhepunkt einer Entwicklung dar, die nach den religiös motivierten und als human verstandenen Zwangsassimi-lierungsbestrebungen des 19. Jh.s in immer größerem Maße von Pogromen, Ressentiments und restriktiven Maßnahmen geprägt war. Dem NS-Regime gelang es, verschiedene, zu unterschiedlichen Zeiten wirksam gewordene Momente des Hasses zu konzentrieren, zu vervielfachen. Das Zusammenspiel dieses Rassismus mit Bürokratie, Technik und legitimierter Ge­walt führte zum Völkermord an den europäischen Roma, Sinti und Gitanos: 300.000 bis 500.000 fanden in dieser Vernichtungsmaschinerie den Tod. Von den ca. 7.000 bis 8.000 Burgenland­roma der Zwischenkriegszeit überlebten nur wenige den Genozid, die kulturtra­dierende Großelterngeneration wurde nahezu vollständig ermordet. Das Zerbrechen traditioneller Zusammen­hänge, Identitätsverluste, Armut und die kaum zu bewältigende Erinnerung an die traumatischen Erlebnisse waren die Folge. Die Roma standen auch materiell vor dem Nichts. Hinzu kam, daß sich kein Schuldbewußtsein in der Mehr­heitsbevölkerung herausbildete. Vorur­teile und Stereotypen prägten weiterhin das Alltagsleben der Burgenlandroma.

Die Kindheitserinnerungen eines heute 55jährigen Rom veranschauli­chen die damaligen Lebensumstände: „In der Schule wurden mir sowieso benachteiligt bei den Lehrern. Der lebt noch immer, unser Direktor, der Alte. Da hat es geheißen ,Zigeiner ihr werd's ver­gast, der Hitler soll wieder kommen'. Er war auch damals dabei, wie sie die Zigeuner geholt haben. (...) In Unterwart waren zu diesen Zeiten drei Viertel der Ortschaft Nazis, und man hat sich durchsetzen müssen, und wenn du das nicht getan hast, warst du tot (...) wir waren so an die 17 Kinder, ein Jahr älter oder jünger wie ich, und die haben oft Schlag bekommen beim Schulheimgehen. Aber nicht von den anderen Nichtromakindern, sondern von den Erwachsenen. Sie haben dich aufgelauert beim Heimgehen und dann durchgehaut. Sie dachten wahrschein­lich, es ist noch immer Hitlerzeit."

Meine Gewährsperson verweist auch darauf, daß man nur dann gesellschaftlich anerkannt war, wenn man noch lei­stungsbereiter als die Nichtroma war. Trotz ihrer sozialen Isolation befanden sich Roma im Vergleich zur Mehrheits­bevölkerung in einem wesentlich größeren Maße im Blickfeld gesell­schaftlicher Normvorstellungen. „Wenn man sich durchsetzten wollte, hat man mehr machen müssen. Wenn einer 12 Schritte getan hat, hast du müssen 14 machen, daß du es ihnen zeigst, daß du besser bist. (...) Wenn man einen Fehler gemacht hat, war der gesellschaftliche Druck da, und du bist nicht mehr von dem weggekommen."

 

Fortsetzung des Unrechts

 

 

Abgesehen davon, dass das Ende des 2. Weltkriegs keinen Kontmuitats-bruch markierte, nützten die Behörden diese Situation konsequent aus und übten, was die sog. Opferentschädi­gungszahlungen betrifft, eine vielfach zu beobachtende Form der strukturellen Gewalt aus. Die Einweisung von Roma und Sinti in Konzentrationslager wurde z. B. auch nach der 1949 erfolgten Miteinbeziehung rassisch Verfolgter in die Opferfürsorgenovelle als kriminal­präventive Maßnahme gewertet. Erst mit der sogenannten „großen Wiedergutmachung" 1961 kam es in dieser Hinsicht zu einer leichten Verbesserung. Aber nur eine Minderheit der Betroffenen konnte die KZ- und Opferrenten in Anspruch nehmen.

Das Hauptproblem bestand darin, daß der österreichische Staat nicht gewillt war, für eine Situation zu sorgen, die es den Burgenland-Roma ermög­licht hätte, sich für ihre Rechte einzuset­zen. Diese hätte darin bestehen müs­sen, für Aufklärung zu sorgen, die Roma als Volksgruppe anzuerkennen und die Schuld Österreichs öffentlich einzuge­stehen, wodurch der Genozid in das Bewußtsein der Öffentlichkeit gerückt wäre. Es kam jedoch vielmehr zu einer kontinuierlichen Verdrängung. Ein öffentlich ausgeübter Druck durch Medien oder Historikerinnen, der diese Entwicklung hätte verhindern können, fand ebensowenig statt. Die Ängste der Roma waren aus diesen Gründen zu groß, ihrerseits Aufmerksamkeit zu erre­gen. Man wollte unbemerkt bleiben, um nicht neuerlich Haß hervorzurufen, und die Mehrheitsbevölkerung willigte bereit­willig ein.

 

Michael Teichmann

studiert Völkerkunde in Graz