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Ausgabe 4/98


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Diskriminierung und Verfolgung Homosexueller

Oktober 1929: Der Strafrechtsaus­schuß des Deutschen Reichstages plä­diert mit zwei Stimmen Mehrheit für die Entkriminalisierung der Homosexualität unter erwachsenen Männern. Die NSDAP: „Glauben sie ja nicht, daß wir Deutsche  solch Gesetze auch nur einen Tag gelten lassen.“

 

April 1932: Sozialdemokratische Zeitungen outen SA-Chef Röhm und andere NS-Größen als Homosexuelle. Vor allem ausländische Medien sehen die NSDAP als Schwulenpartei.

 

Jänner 1933: Hitler ist Reichskanz­ler. Im Februar beginnt die Schließung schwuler bzw. lesbischer Lokale, das Verbot einschlägiger Zeitschriften und Vereine. Die Zahl der wegen Homosexualität verurteilten Männer (lesbische Liebe war in Deutschland nicht strafbar) steigt.

 

Juni 1934: Im Zuge NS-interner Machtkämpfe wird u.a. Ernst Röhm liquidiert. Nun wird seine Homosexua­lität propagandistisch ausgewertet. Im Oktober beginnt die Gestapo Listen „sämtlicher Personen, die sich irgend­wie homosexuell betätigt haben" anzu­legen. 1935 werden verstärkt Razzien durchgeführt, Schwule als „Schutzhäft­linge" ins KZ gesteckt. Im Juni 1935 sind reichsweit von 1770 Schutz­häftlingen 413 als Homosexuelle aus­gewiesen. Fast ein Viertel!

 

Juni 1935: Das Strafrecht wird ver­schärft. „Beischlafähnliche Handlun­gen" müssen nicht mehr nachgewiesen werden. Es reicht ein Kuß, eine Umarmung, ein Brief. Bestraft wird, was „nach dem gesunden Volksem­pfinden" Bestrafung verdient. Die Verurteiltenzahlen explodieren.

 

Oktober 1936: Heinrich Himmler errichtet die „Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und der Abtreibung. Bis 1940 werden über 90 000 Schwule erfaßt.

 

März 1938: Anschluß Österreichs an das Deutsche Reich. Hier existiert §129, der u.a. „Unzucht wider die Natur mit Personen desselben Geschlechts" (also auch Frauen!) bestraft. Das öster­reichische Strafrecht bleibt während der NS-Herrschaft in Geltung, allerdings wird auf Druck der SS 1939/40 die Spruchpraxis der Richter der „Ostmark“ an den neuen §175 angepaßt. Während des Krieges kann praktisch für jedes Delikt die Todesstrafe ver­hängt werden, wenn es dem „Bedürfnis nach gerechter Sühne wie auch dem Schutz der Volksgemeinschaft" ent­spricht. Auch Homosexuelle werden mit dieser Begründung verurteilt.

 

Juli 1940: Das Reichssicherheitshauptamt verfügt „Vorbeugungshaft" (KZ) nach der Entlassung aus dem Gefängnis für Schwule, die „mehr als einen Partner verführt haben". Schwule wurden aber bereits ab 1933 in KZs eingewiesen, oft völlig willkürlich. Weiters wird verfügt, daß bei freiwilliger Kastration schwuler Männer von einer Einweisung in ein KZ abgesehen wer­den könne. Ab November 1942 wird die Zwangskastration von schwulen KZ-Insassen legalisiert.

Im Deutschen Reich wurden ca. 50.000 Schwule gerichtlich verurteilt, ca. 5.000 bis 10.000 explizit wegen ihrer Homosexualität in KZs gebracht. Lesbische Frauen wurden meist in die Kategorie „Asoziale" eingereiht. Im KZ bildeten Schwule mit Juden, Zigeunern und Asozialen das Ende der Lagerhierachie. Ihre Todesrate lag weit über der politischer Häftlinge.

 

Nach 1945: In Österreich gilt der §129 aus dem Jahre 1852 weiter, offensichtlich mit der strengen Spruch­praxis aus der NS-Zeit. Nur die DDR hebt die NS-Fassung des §175 als „nazistisch" auf. Die Entkriminali­sierung der Homosexualität unter Erwachsenen erfolgt in der DDR 1968, in der BRD 1969, in Österreich 1971.

In Österreich wurden sämtliche Vorstöße ehemaliger schwuler KZ-Häftlinge nach Wiedergutmachung (z.B. Anrechnung der Haftzeit auf die Pension usw.) abgelehnt, da die Betroffenen wegen einer Straftat in ein KZ kamen, welche vor und nach der NS-Zeit strafbar war. Die Einbeziehung homosexueller KZ-Häftlinge in das Opferfürsorgegesetz ist in Österreich bis zum heutigen Tag gescheitert. Nur der „Nationalfonds" gibt auch homose­xuellen Häftlingen die Möglichkeit, eine einmalige Entschädigung zu erhalten.

1985 errichten die „Homosexuellen Initiativen" Österreichs einen Gedenkstein in der Gedenkstätte des ehemaligen KZ Mauthausen. Das Anbringen des „rosa Winkels" aus Marmor, in Erinnerung an die Kennzeichnung schwuler KZ-Häftlinge, ist nur deshalb möglich, weil die Gedenktafel mit Unterstützung mutiger Beamter einfach aufgehängt wird.

Das NS-Regime wollte die Homosexualität ausmerzen. Den Hintergrund bildete ein rassenhygieni­sches Konzept der Ausschaltung des „ungesunden". Die Maßnahmen reich­ten von Polizei- und Terrormaßnahmen über die Verschärfung der strafrechtli­chen Bestimmungen bis zur Verschleppung in Konzentrationslager; von der zwangsweisen Kastration bis zur versuchte „hormonellen Umpolung". Die Bekämpfung der Homosexualität stand nicht auf der gleichen Stufe wie der Holocaust an Juden und Zigeunern, die allesamt physisch vernichtet werden sollten. Bei Homosexualität wurden noch Umpolungsmöglichkeiten in Betracht gezo­gen. Die Vorstellungen der Nazis über Homosexualität sind nach 1945 nicht verschwunden. Sie haben dazu beige­tragen, daß Schwule und Lesben bis heute zu den vergessenen Opfern des Nationalsozialismus gehören.

 

Hans-Peter Weingand

Historiker, Gründungsmitglied Rosalila Pantherinnen