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Ausgabe 4/98


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Allgemeine Übereinkunft des Schweigens

Wissenschaftliche Forschung an Leichen von NS-Opfern nach 1945

 

Auf eine relativ kurze Phase des antifaschistischen Eifers in der Verfolgung der NS-Verbrechen unmittelbar nach Kriegsende folgte die „kalte Amnestie", d. h. die Reintegration der Täterinnen in eine Gesellschaft, in der es für einen wirklichen Bruch mit der NS-Zeit keine Basis gab.

 

Die wissenschaftliche Forschung an Leichen von NS-Opfern nach 1945 ist ein Beispiel für die Kontinuitäten, die durch eine allgemeine Übereinkunft des Stillschweigens im Bereich der Medizin ermöglicht wurde . Wie aus dem kürzlich vorgelegten Forschungsbericht „Unter­suchungen zur anatomischen Wissen­schaft in Wien 1938-1945" hervorgeht, hat das anatomische Institut der Universität Wien mindestens 1.377 Leichen von im Wiener Landesgericht Hingerichteten erhalten und für Sezierkurse, Forschungen oder als Vorlagen für den umstrittenen Anatomie-Atlas von Eduard Pernkopf verwendet. Die entsprechenden Schaupräparate befanden sich zum Teil noch im Juli d. J. in Verwendung. Darüber hinaus wurden weit über 100 Präparate von Opfern der NS-Justiz am histologischen Institut, auf der Gerichtsmedizin und am Institut für Medizingeschichte gefunden.

Der bemerkenswerteste Fall ist wohl der des Wiener Psychiaters Dr. Heinrich Gross, der während des Krieges an der Ermordung von über 800 Kindern und Jugendlichen in einem Wiener Spital beteiligt war. Auf deren konservierten Gehirnen baute er nach dem Krieg seine wissenschaftliche Karriere auf.

 

Gross' Karriere ohne Brüche

 

 

Heinrich Gross, geb. 1915, war ab November 1940 an der seit Juli gleichen Jahres auf dem Gelände der Anstalt „Am Steinhof' bestehenden Städtischen Jugendfürsorgeanstalt „Am Spiegel­grund" beschäftigt. Er leitete dort den Pavillon XV, der intern auch „Reichs­ausschußabteilung" hieß, da er zur Aufnahme der Fälle des „Reichsaus­schusses zur wissenschaftlichen Erfassung erb- und anlagebedingter schwerer Leiden" (der Tarnorganisation der NS-"Kindereuthanasie") diente. Die eingewiesenen Kinder wurden unter­sucht und nach Berlin gemeldet, wo Gutachter über ihr weiteres Schicksal entschieden. Sobald in Wien die Order zum Mord einlangte, wurden die Kinder mit hohen Dosen Luminal vergiftet, so daß sich nach einigen Tagen das gewünschte Ergebnis, meist eine tödli­che Lungenentzündung, einstellte. Allein bis zum 22. März 1943, als Gross zur Wehrmacht einberufen wurde, star­ben an dieser Abteilung 336 Kinder.

Die für NS-Täter gefährlichste Phase der unmittelbaren Nachkriegszeit ver­brachte Gross in sowjetischer Kriegsgefangenschaft, aus der er im Dezember 1947 zurückkehrte. Er hielt sich zunächst verborgen, wurde aber am 1. April 1948 verhaftet und wegen seiner Beteiligung an den Euthanasiemorden (die als Totschläge qualifiziert wurden, da sich inzwischen die Rechtsmeinung durchgesetzt hatte, daß gegenüber Geisteskranken und Behinderten grundsätzlich keine Heimtücke möglich sei) und wegen sei­ner illegalen Tätigkeit für die Nazis vor 1938 angeklagt. Im März 1950 wurde er wegen Beihilfe zum Totschlag zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt, die bereits durch seine Untersuchungshaft verbüßt waren. Gross hatte keine Schwierig­keiten, an den Ort seiner früheren Tätigkeit zurückzukehren und eine Karriere als Psychiater zu beginnen.

Bereits 1952 erschien der erste einer ganzen Reihe von neuropathologischen Beiträgen über ehemalige Patienten des "Spiegelgrundes". Gross stellt darin einen Fall vor, den er bereits am 23. 11. 1942 in der Wiener biologischen Gesellschaft vorgetragen hatte. Es han­delt sich dabei um Günther Pernegger, geboren am 16. 11. 1941. Im Alter von 6 Wochen wurde er unter der Aufnahme­zahl 267/41 in die „Kinderfachabteilung" eingewiesen, da er Mißbildungen an Kopf und Händen hatte. Nach sieben Wochen Aufenthalt bei „sehr schlechter Nahrungsaufnahme" erkrankte er an einer Lungenentzündung, an der er am 25. 1. 1942 starb. Gross zitiert ausführ­lich aus der Krankengeschichte, ohne Hinweise auf die näheren Umstände des Todes des Kindes zu geben. „Angeborene und frühzeitig erworbene hochgradige Schwachsinnszustände" blieben ein wissenschaftliches Schwer­punktgebiet von Gross. Zu diesem Themenkomplex liegen weitere 33 Veröffentlichungen aus den Jahren 1954 bis 1978 vor, an denen auch ande­re Autorinnen beteiligt waren.

 

 

Systematische Auswertung

 

 

Eine Gruppe von Veröffentlichungen umfaßt elf statistische Untersuchungen, die jeweils auf der Auswertung einer großen Zahl von Krankengeschichten und Gehirnpräparaten beruhen. Sie ermöglichen den Schluß, daß Heinrich Gross nicht nur einzelne Fälle für seine Forschungen herausgegriffen hat, son­dern daß er vielmehr alle Opfer der Wiener „Kinderfachabteilung", derer er nach dem Krieg habhaft werden konnte, systematisch wissenschaftlich verwertet hat. Die dazu notwendigen Forschun­gen führte Gross seit Anfang 1955 im Neurohistologischen Laboratorium auf

der Baumgartner Höhe durch, dessen Leitung er 1957 übernahm.

Im Jahr 1968 erhielt Heinrich Gross darüber hinaus die Leitung des neuge­gründeten Ludwig Boltzmann-lnstituts zur Erforschung der Mißbildungen des Nervensystems, das in den Räumlich­keiten des Neurohistologischen Labo­ratoriums untergebracht wurde und mit diesem eine Einheit bildete. Über die Tätigkeit des neuen Instituts ist aus dem Geschäftsbericht der Ludwig Boltz-mann- Gesellschaft folgendes zu erfah­ren: „Die Prosektur des Psychiatrischen Krankenhauses der Stadt Wien verfügt, soweit dies an Hand der Weltliteratur abgeschätzt werden kann, über das größte Material an Gehirnen mit ange­borenen Entwicklungsstörungen und frühzeitig erworbenen Schäden."

Ab dem Jahr 1979 wird Heinrich Gross die Gespenster seiner Vergangenheit nicht mehr los. Von dem Wiener Arzt Dr. Werner Vogt öffentlich der Mitschuld an den Euthanasiemorden beschuldigt, muß er in dem von ihm angestrengten Ehrenbeleidigungs-prozeß schließlich 1981 in zweiter Instanz eine verheerende Niederlage einstecken. Obwohl das Gericht seine Schuld als erwiesen betrachtet, gibt es bis 1997 keine weiteren juristischen Konsequenzen. Er wird zwar aus der SPÖ ausgeschlossen und muß sich for­mal aus dem Ludwig-Boltzmann-lnstitut zurückziehen, doch übt er weiter seine Tätigkeit als einer der meistbeschäftig­ten Gerichtsgutachter Österreichs aus.

400 in Gläsern konservierte Gehirne werden in einem Kellerraum der Prosektur auf der Baumgartner Höhe gelagert, der in den späten 80er-Jahren in einen „Gedenkraum" umgewandelt wird. Von den tausenden histologischen Präparaten im Ludwig-Boltzmann-Institut will niemand etwas wissen.

 

Erzwungener Lernprozeß

 

 

Erst der wachsende internationale Druck im Zusammenhang mit der Entstehungsgeschichte des bereits erwähnten Pernkopf-Atlas' und das geänderte allgemeine Klima seit den achtziger Jahren machten es möglich, im Rahmen des von einer Historiker­kommission der Universität Wien erar­beiteten Forschungsberichts auch einen Beitrag über Heinrich Gross und das Ludwig Boltzmann-lnstitut zur Erfor­schung der Mißbildungen des Nerven­systems aufzunehmen und dadurch die Verantwortlichen zu zwingen, ihre bisher verfolgte Strategie des Herunterspielens und Verdrängens zumindest teilweise aufzugeben und die Bestattung der noch vorhandenen Präparate zu ermög­lichen.

Das ändert aber nichts an der Tat­sache, daß immer noch etliche Bereiche im Dunkeln liegen, so zum Beispiel die Beteiligung anderer Institute (wie das neurologische Institut der Universität Wien, das Leichenmaterial von Heinrich Gross zu Forschungszwecken erhalten hat) oder auch die Situation in Städten wie Graz oder Innsbruck, wo ebenfalls Euthanasieabteilungen bestanden haben, über die wenig bekannt ist.

 

Herwig Czech

studiert Geschichte in Wien