AuslandseinsatzHolocaust-EducationStudienfahrtenVereinLinks
Ausgabe 4/98


2016
2015
2014
2013
2012
2011
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
2000
1999
1998

„Politische" in Theresienstadt

Primo Levi nennt in seinem Buch „Die Untergegangenen und die Geretteten" drei Ziele des Systems der Konzentrationslager: „Sklavenarbeit, Vernichtung der sogenannten minder­wertigen Rassen und Beseitigung der politischen Gegner." Letzteres dieser Ziele war das erste, das von den Nazis nach ihrer Machtergreifung in Deutschland in Angriff genommen wurde. Es waren die Vertreterinnen und Funktionärinnen der demokrati­schen Parteien,und vor allem auch der Kommunistinnen, die aus der national­sozialistischen Gesellschaft eliminiert wurden und, falls nicht gleich umge­bracht, nach Dachau geschafft wurden.

Ähnlich rasch und vorrangig verlief diese „Säuberung" von politischen Gegnerinnen in allen von den Deut­schen okkupierten Gebieten. Für die annektierte Tschechoslowakei (Protektorat Böhmen und Mähren) war der Ort, wo politische Gegner des NS-Regimes in Haft genommen wurden, die Kleine

Festung in Theresienstadt. Mit dem 15. März war die gesamte Tschechoslowakei von Nazideutschland besetzt. Bereits im März 1940 wurde an Reinhard Heydrich das Gesuch ge­stellt, in Theresienstadt ein neues Gefängnis zu errichten, im Juni 1940 wurde dies auch verwirklicht. Erst im November 1941 kam der erste Transport von Prager Juden und Jüdin­nen in die „Große Festung" von There­sienstadt, wo nicht zuletzt wegen der Nachbarschaft des Polizeigefäng­nisses in der „Kleinen Festung" das berüchtigte Judenghetto eingerichtet wurde.

Die ersten Häftlinge des Polizei­gefängnisses in Theresienstadt waren Mitglieder des tschechischen demokra­tischen und kommunistischen Wider­stands. Hohe Offiziere der tschechoslo­wakischen Armee, die sich in der Bewegung „Verteidigung der Nation" (ON) formiert hatten, Mitglieder des bürgerlich demokratischen Widerstan­des der Gruppierungen PÜ; ÜVOD und PWZ „und Vertreterinnen aller vier ille­galen Zentralen der „Kommunistischen Partei" wurden in der Kleinen Festung inhaftiert. Von 1940-45 wurden insge­samt 32.000 Menschen in das Gefängnis Theresienstadt eingeliefert.

Die Ausschaltung der führenden Köpfe aller politischen Gegnerinnen, die in organisierten Strukturen gegen das Regime hätten kämpfen können, war eine jener wichtigen Grundbedin­gungen für die Aufrechterhaltung der Naziherrschaft.

 

Gerhard Moßhammer

Slawist, arbeitet als Journalist in Wien