AuslandseinsatzHolocaust-EducationStudienfahrtenVereinLinks
Ausgabe 4/98


2016
2015
2014
2013
2012
2011
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
2000
1999
1998

Wissenschaftliches Zentrum „Holocaust" Moskau

Ein Bericht von Kurt Scharr, dem ersten Gedenkdienstleistenden in Rußland

 

Im Februar 1948 „wurde die unge­setzliche   Operation   der   physischen Liquidierung von Michoels durchgeführt“ (Schreiben L. P. Berijas, Präsidium des ZK der KP der UdSSR vom 2. 4. 1953). Die Ermordung des bei uns unbekann­ten, in Rußland aber geliebten Schau­spielers Salomon Michailowitsch Michoels 1948 in Minsk steht am Ende einer Phase der UdSSR. Die eindeutig von einem staatlichen Antisemitismus getragenen öffentlichen Schauprozesse gegen die jüdische Bevölkerung fanden zwar mit dem Tod Stalins 1953 ein Ende, die Einstellung zu jüdischen Mitbürgerinnen und zur Geschichte des Holocaust von staatlicher Seite her änderte sich aber nicht. Mit dem Verbot des Antifaschistischen Kommittees 1948 wurden alle Versuche unterdrückt, die auf ein Aufzeigen der zweiten Seite des ,Krieges im Osten' mit dem Ziel der Vernichtung und Ausrottung abzielten.

Das vom Antifaschistischen Komitee verbreitete "Schwarzbuch", über die Ermordung hunderttausender Juden und Jüdinnen in den von den National­sozialisten besetzten Ost-Gebieten erfolgte erst 1993.

 

Zwei Geschichten aufzuarbeiten

 

Heute, mehr als 50 Jahre nach die­sem Geschehen, ist in Rußland und den GUS-Staaten der Bedarf an Wissen über den Holocaust groß. Da von staat­licher Seite Antisemitismus stets in Abrede gestellt wurde, konnten auch keine wirksamen Abwehrmechanismen gegen Rassismus und Antisemitismus entwickelt werden. So ist es heute nicht verwunderlich, daß man sich in Moskau allerorten - völlig legal - mit antisemiti­schem, oder offen rassistischem Mate­rial versorgen kann, aber kaum Wissen über die „Vernichtung der europäischen Juden" während des 2. Weltkrieges da ist. Auch unter Lehrerinnen herrscht weitverbreitete Unwissenheit darüber.

1991 wurde letztendlich auf private Initiative mehrerer Persönlichkeiten, darunter der Philosoph und Dissident J. Gefter (1918-1995), das Zentrum „Holocaust" in Moskau gegründet. Seit 1997 besteht unter der gleichen Organisation auch eine Stiftung, die sich um die Errichtung eines Holocaust Museums bemüht. Die bisherigen Arbeiten der Organisation spiegeln glei-chermassen ihre Zielsetzungen wieder: So wurden neben der Zusammen­stellung von Unterrichtsmaterialien und der Veröffentlichung von verschiedenen Büchern und Aufsätzen auch zahlreiche Wanderausstellungen erstellt sowie Konferenzen, Tagungen und Fortbil­dung für Lehrerinnen organisiert.

Mein Dienstantritt im August 1998 fiel in eine interessante Phase. Nicht nur, daß die politischen und ökonomischen Schwierigkeiten Rußlands im alltäglichen Leben zu bewältigen waren, ich konnte auch an für das Zentrum wichti gen Entwicklungen lebhaften Anteil neh­men. So wurde etwa im September eine neue Synagoge auf dem Gelände des Museums für den „Großen Vater­ländischen Krieg" eingeweiht, in deren Untergeschoß eine von unserem Zentrum konzipierte Ausstellung gezeigt wird. Wenige Tage darauf wurde unser Zentrum nach längerem Umbau offiziell im Beisein des deutschen, israelischen und österreichischen Botschafters eröff­net. Es sind aber vielleicht weniger die Formalitäten und Feierlichkeiten, die beeindrucken, als vielmehr die eigentli­che Arbeit, die trotz allen momentanen Schwierigkeiten (seit Anfang Oktober weigerten sich die Banken, Geld an Kontoinhaber auszuzahlen) hier geschieht. Anfang Oktober 1998 fand in Moskau die 1. Internationale Konferenz „Teaching about the Holocaust in the XXI Century" statt. Meine Aufgaben in den ersten Monaten bestanden vor allem in der Koordination der Konferenz, der elektronischen Erfassung und Ordnung der fremdsprachigen Literatur unserer kleinen Bibliothek und in der Kontaktaufnahme mit deutschen sowie österreichischen Forschungsstellen. Und erstmals hatte ich Gelegenheit, in einem der bis vor kurzem geschlosse­nen Moskauer Archive zu arbeiten.

Somit hoffen wir alle, die wir hier arbeiten, viele davon unentgeltlich, daß wir den Worten J. Gefters, gerecht wer­den können: „Das Zentrum Holocaust ist aus der Überzeugung heraus gegründet worden, daß ein Genozid nicht gegen Jemanden', sondern immer gegen Jeden' gerichtet ist."

 

Kurt Scharr

Gedenkdienstleistender in Moskau