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Ausgabe 1/99


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Kommentar und Editorial

Kommentar

„Man darf nicht außer acht lassen, daß sich die Presse in jüdischen Händen befindet, vor allem in den USA." Christa Karas-Waldheim, 1933

Jörg Haider meinte letztes Jahr, daß an eine Ent­schädigung von österreichischen Juden und Jüdinnen solan­ge nicht zu denken sei, bis die Frage der vertriebenen Sudetendeutschen, derer sich ja nur seine Partei annehme, ebenso geklärt werde.

Diese sachlich falsche Verknüpfung zweier Fragen hat eine besondere sprachliche Komponente, wodurch die Kategorien, in denen hier gedacht wird, offen zu Tage treten: „Vertrieben" oder „emigriert"? - „Fürsorge" oder „Entschädi­gung"? „Österreicher jüdischer Abstammung" oder „öster­reichischer Jude" oder „jüdischer Österreicher"? Niemand würde von sudetendeutschen Emigranten und Emigrantinnen sprechen, es sind Heimatvertriebene. Niemand schürt geheimnisvoll die Verschwörungstheorie, daß es in vielen Bereichen der Öffentlichkeit Kinder von Sudetendeutschen oder gar sie selbst gibt. Hier hört und spricht man höchstens davon, daß sie schon immer als besonders fleißig gegolten haben. Niemand versteift sich schließlich auf die sprachliche Akrobatik von österreichischen Sudetendeutschen oder Österreichern sudetendeutscher Abstammung.

Insofern entlarven die Begriffe und die Diskursregeln einen Teil der Geschichte der Zweiten Republik: Emigration war ja freiwillig und klingt auch nach persönlichem Erfolg in der neuen Welt. Fürsorge benötigen jene, denen aufgrund unvor-

hersehbarer Umstände soviel widerfahren ist, daß sich die fürsorgliche Gesellschaft um sie kümmert, es aber eigentlich nicht müßte. Immer wieder tauchen Verschwörungstheorien auf, von der „jüdischen Presse", den „gewissen Kreisen an der Ostküste", vom „Weltjudentum". Jude erscheint als so starke Eigenschaft eines Menschen, daß es notwendig ist, diese zu erwähnen und österreichisch hinzuzufügen.

Der österreichische Diskurs ist insofern bemerkenswert, als diese Sprachregelungen aus der unmittelbaren Nach­kriegszeit von allen politischen Gruppierungen übernommen wurden. Bis heute haben in diesem Bereich keine aufkläreri­schen Ansätze gegriffen, was nicht weiter verwundert, wenn schon das Nachdenken über diese Vergangenheit als Vergangenheitsbewältigung bezeichnet wird. Gegen diese Schlußstrichauffassungen wehren sich übrigens auch Freiheitliche und CSU-ler, wenn es um die Rechte der soge­nannten „Volksdeutschen" geht.

Josef Teichmann

Mathematiker, zukünftiger Gedenkdienst-leistender bei ESRA, Wien

Editorial

Liebe Leserinnen,

Vor wenigen Wochen war Walter Kohn, Nobelpreisträger der Chemie, zu Besuch in Wien. 1939 als Jugendlicher aus Österreich vertrieben, wurde er nun mit zahlreichen Ehrungen bedacht, die ihm auch Gelegenheit gaben, sein zwiespältiges Verhältnis zu Österreich zu erklären. Ein Satz ist mir dabei in besonderer Erinnerung geblieben: „Ich hasse den Begriff Vergangenheitsbewältigung - Österreich soll zu seiner nationalsozialistischen Vergangenheit stehen und dafür Verantwortung über­nehmen. "

Wenn wir in dieser Ausgabe nun Arisierung und Restitution thematisie­ren, schlagen wir damit ein zentrales Kapitel der österreichischen „Vergangenheitsbewältigung" auf: Den Beraubten und Enteigneten verweiger­te der Rechtsstaat Österreich die Rückgabe ihrer Güter und die Profiteure wurden von staatlichen Stellen protegiert oder kurzerhand zu „Opfern" des Systems erklärt. Ein Unrechtsbewußtsein konnte unter die­sen Voraussetzungen nie entstehen, die Grenzen zwischen gut und böse wurden absichtlich verwischt.

Es ist Skepsis angebracht, ob die von der Regierung eingesetzte Historikerkomission frei von politischer Einflußnahme dieses Kapitel öster­reichischer Zeitgeschichte aufklären kann oder darf. Wird es wirklich gelin­gen, nach 50 Jahren herauszufinden, was welchen Personen gestohlen wurde? Welche Konsequenzen werden aus diesem wissenschaftlichen Bericht gezogen? Oder wird nur ein weiteres Kapitel der Unrechtsgeschichte aufge­schlagen, die schon 1948 mit dem damaligen Innenminister Helmer einen prominenten Fürsprecher hatte: „Ich bin dafür, die Sache in die Länge zu ziehen." Die Republik wird daran gemessen werden, ob sie 51 Jahre nach dieser Aussage Abschied von dieser Art der „ Vergangenheitsbewäl­tigung" genommen hat.

Sascha Kellner

Obmann Verein GEDENKDIENST