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Ausgabe 1/99


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Centre d'Etudes et de Documentation an der Fondation Auschwitz, Brüssel

Ein Bericht des Gedenkdienstleistenden Stephan Sturm

 

Im Brüsseler Arbeiterinnenbezirk Anderlecht, außerhalb Belgiens eher durch den dort ansässigen Fußballkub bekannt, steht am Place des Martyrs Juifs das Nationale Mahnmal für die jüdischen Märtyrer Belgiens. Neben Gedenktafeln für die in der Armee oder als Partisanen gefallenen belgischen Juden nimmt eine Liste von fast 24.000 Namen den Hauptteil der Gedenkstätte ein: An den Innenseiten des Denkmals in Form eines Sechsecks sind die Namen all jener belgischen Juden und Jüdinnen eingraviert, die über das belgische Durchgangangslager Mecheln nach Auschwitz deportiert worden waren.

 

Ein Beispiel der etwas anderen Art

 

Ein Beispiel etwas anderer Art ist das sogenannte „Suykerbuyk-Dekret": Der Vlaamse Raad, stark vereinfacht gesagt das flämische Provinzparlament, hat Anfang Juni ein Opferfürsorgegesetz beschlossen, das neben Opfern der „Kriegsumstände" auch solche der „Repression" berücksichtigt. Im Klartext heißt das, daß neben den Opfern der NS-Herrschaft auch rehabilitierte oder begnadigte (!) Kollaborateure zum Zug kommen. Obwohl das Gesetz scharfe Kritik vor allem seitens der Lagergemeinschaften hervorrief, wurde bis jetzt kein Schritt zu einer Abänderung unternommen. Ob man nun das zweite Beispiel „typischer" nennen könnte, ist schwer zu sagen. Sicher ist jedoch, daß die Kenntnisse über die Vernichtungspolitik des Nationalsozialismus, besonders unter den jüngeren Generationen, nicht allzu weitreichend sind.

Um die Öffentlichkeit und im besonderen die Jugend über die Shoah und den Nationalsozialismus zu informieren, hat die Amicale (Lagergemeinschaft) der Ex-Häftlinge von Auschwitz 1980 die Fondation Auschwitz als Studien und Dokumentationszentrum gegründet. Zur Information trägt eine Wanderausstellung über die nationalsozialistische Vernichtungspolitik im historischen Kontext genauso bei wie z. B. die Vermittlung von Zeitzeuginnen an Schulen oder die jährliche Organisation einer Studienreise für Lehrerinnen nach Auschwitz/Oswiecim. Eine eigene pädagogische vierteljährlich erscheinende Zeitschrift, die zusätzlich zum „Bulletin de la Fondation Auschwitz", dem Informationsorgan der Fondation, erscheint, ist für die Information von Lehrerinnen gedacht. Für Schülerinnen wurde ein eigenes pädagogisches Dossier für den ersten Kontakt mit dieser Thematik herausgebracht.

Weiters    besitzt    die    Fondation Auschwitz ein historisches Archiv und eine reichhaltige, öffentlich zugängliche

Fachbibliothek. Deren Bestände erstrecken sich vom zentralen Komplex der „NS-Vernichtungspolitik" • über Themen wie psychische Folgen der Shoa bei Überlebenden, Faschismus bis hin zu Themen wie Rechtsextremismus heute und Genozide im allgemeinen.

Seit 1992 zeichnet die Fondation als belgischer Arm des „Fortunoff Video Archive" der Universität Yale audiovisuelle Interviews mit Überlebenden der Shoah auf und gibt halbjährlich im Rahmen des „Bulletin trimesteriel" ein „International Journal on audio-visual testimony" heraus.

Weitere Aktivitäten der Fondation Auschwitz sind die Veranstaltung von Internationalen Kongressen (so z. B. „Die Erinnerung an Auschwitz in der zeitgenössischen Kunst" im Dezember 1997) und die Organisation von Aufsatzwettbewerben für Schülerinnen sowie Dissertationswettbewerbe.

 

GEDENKDIENST an der Fondation Auschwitz

 

Neben den großen Projekten soll hier nun über den (gar nicht so grauen) Alltag eines Gedenkdienstleistenden berichtet werden. Seit nun fast drei Jahren besteht die Möglichkeit, an der Fondation Auschwitz in Brüssel Gedenkdienst zu leisten. Während meine beiden Vorgänger hauptsächlich mit der Vorbereitung von Kongressen und der Korrespondenz beschäftigt waren, verbringe ich nun einen Großteil meiner Arbeitszeit in der Bibliothek.

Einen Großteil der Arbeit in einer Bibliothek nehmen natürlich rein, technische" Arbeiten ein: das Studieren von Verlagskatalogen und Zeitschriften, um dann Anfragen für Rezensionsexemplare zu schreiben oder die Werke in der Buchhandlung zu bestellen. Neu eingelangte Bücher müssen für den vollständig computerisierten Katalog inde-xiert und die Zeitschriften eingeordnet werden. Auch das Verfassen von Kurzrezensionen der deutschsprachigen Werke ist Teil meiner Aufgaben.

Interessante Bekanntschaften

 

Der interessanteste Teil der Arbeit ist jedoch sicherlich die Betreuung der Bibliotheksbesucherlnnen. Hier eine/n „durchschnittliche/n Besucher/in" der

Bibliothek vorzustellen, ist unmöglich, zu

vielfältig sind die Leute, die hier Informationen suchen. Natürlich sind unter den Besucherinnen viele Studierende, die verschiedensten Studienrichtungen nachgehen: Ge­schichte, aber ebenso Politikwissenschaft, Soziologie oder Literaturwissenschaft. Die ältere Dame, die einmal im Monat, kommt um vergriffene Bücher von Saul Friedländer zu lesen gehört genauso zum „Inventar" der Bibliothek wie der ruandische Student, der sich mit den psychischen Folgen bei Überlebenden von Genoziden beschäftigt. Auch viele Schülerinnen, die in der Schule ein Referat halten oder eine Arbeit schreiben müssen, wenden sich an die Fondation, um Basisinformationen zu erhalten; für viele ist unser pädagogisches Dossier eine geschätzte Einführung in diesen Themenkomplex.

Erlebnisreicher Alltag

Zu meinen weiteren Tätigkeiten zählen die Korrespondenz in englischer und deutscher Sprache sowie verschiedene Übersetzungen, so z. B. die der Zusammenfassungen der deutschsprachigen Artikel in unserem „International Journal". Auch manuelle Hilfsdienste wie das Anfertigen von Photokopien oder das Tragen der Kisten unserer Wanderausstellung müssen von jemanden gemacht werden. Und zur Zeit bin ich gerade damit beschäftigt, die gesamte Bibliothek in Kisten zu verpacken: Sie wird neu ausgemalt und eingerichtet. . .

Stephan Sturm

Gedenkdienstleistender in Brüssel