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Ausgabe 1/99


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Auschwitz Stiftung auf ungarisch

Oder: Wenn der Kauf von Kopierpapier zum Problem wird

 

Die ungarische Auschwitz Stiftung (MAA) wurde 1990 von einer Bürgerinneninitiative gegründet, um eine umfassende wissenschaftliche Erforschung der Stationen des ungarischen Holocaust durch das ihr unterstehende Holocaust Dokumentationszentrum (HDK) zu verwirklichen. Seit 1996 ist auch Gedenkdienst mit einem Freiwilligen an den Arbeiten beteiligt.

Die hehren Ziele, die in der Gründungsurkunde der ungarischen Auschwitz Stiftung festgelegt wurden, sind im noch immer politisch und gesellschaftlich aufgewühlten Ungarn kaum zu verwirklichen. Im neokommunistischen Ungarn ist die Unterstützung von nicht im mainstream liegenden bzw. nicht mit der neoliberalen Regierung paktierenden Institutio-nen nicht angebracht. Fast alle, von den Sozialistinnen eingesetzten Repräsentantinnen, seien es nun Botschafterinnen oder beispielsweise der Leiter des Wiener Collegium Hungaricum wurden ausgetauscht. Die neue liberale Regierung entzog Archiven, Forschungszentren und Institutionen, die „linke" Forschung betreiben, jedliche Unterstützung. Ohne die Soros-Stiftung wäre das künstlerische und wissenschaftliche Leben in Ungarn schon lange völlig zum Stillstand gekommen. Hier in Ungarn wie dort in Österreich existiert die Mär, daß die Beschäftigung mit der Shoah im politisch linken Eck angesiedelt ist.

 

 

Politische Versprechungen und gesellschaftliche Dissonanzen

 

Auf der Anfang Dezember in Washington veranstalteten Raubkunstkonferenz erklärte der stellvertretende Staatssekretär Zsolt Visy, daß in Ungarn schon ein Holocaust-Forschungszentrum existiere - damit war wohl die ungarische Auschwitz Stiftung gemeint - und die Regierung dessen Arbeit mit aller Kraft unterstütze und diese ins Budget miteinbeziehen würde. Aus den fernen Vereinigten Staaten heimgekehrt, hatte er die eigenen Worte vergessen. Seitdem ist nichts geschehen, und wenn sich die Stiftung danach erkundigt, wird sie mit leeren Phrasen abgespeist.

Das Holocaust Dokumentationszentrum hat sich neben der Dokumentation des ungarischen Holocaust auch dessen pädagogischer Aufbereitung und den geistigen Kampf gegen Intoleranz und Neonazismus zur Aufgabe gemacht. Und in dieser Beziehung ist in Ungarn wirklich einiges nachzuholen. In einem Land, in dem ich, weil ich eine schwarzen Hut und Bart trage, in der U-Bahn als „Jude" beschimpft werde, in einem Land, in dem zur „Lösung der Zigeunerfrage" im geheimen zwischen Ghettoisierung und „an die Wand stellen" hin- und herüberlegt wird und die Neonazis ungestört in der Burg der gefallen SS-Soldaten gedenken dürfen, täte ein bißchen Aufklärung wirklich not.

 

Effizientes Arbeiten auch in Zukunft ungewiss

Doch der Platmangel und die Geldnot in unserem Institut sind unerträglich. Neue Bücher finden in den Regalen keinen Platz. Die ungarische Auschwitzstiftung hat Probleme, Kopierpapier zu kaufen und von einem Internetanschluß wagt man nicht einmal zu träumen! Effiziente Arbeit ist somit schwer möglich. Das Finden von Geldgeberinnen und von geeigneten Räum­lichkeiten ist von besonderer Priorität. Bezüglich Umzug und Umwandlung der Auschwitz-Stiftung in eine öffentliche Stiftung - zwei Tatsachen, die, würden sie eintreten, unsere Notlage schlagartig lindern würden - ist es seitens der ungarischen Regierung bisher zu keinen konkreten Initiativen gekommen.

So   hängt   die   Erweiterung   des Holocaust-Dokumentationszentrum und damit einhergehend die Einrichtung einer Holocaust-Sammlung, eines Informations- und Pädagogikzentrums von einer bevorstehenden Regierungsentscheidung ab. Wird positiv entschie­den, könnte im kommenden Jahr zum 1000-jährigen Jubiläum der ungarischen Staatsgründung, für dessen Feier abermilliarden Forint in Projekte gesteckt werden, die Eröffnung dieser Einrichtung erfolgen. Wir werden sehen.

Clemens Prinz

Gedenkdienstleistender in Budapest