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Ausgabe 2/99


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Kommentar und Editorial

Kommentar

Emigrantinnen - ein Aderlaß für die österreichische Kultur?

 

Der Aderlaß, eine mittlerweile veraltete Praxis der Medizin zur Aktivierung des Kreislaufes und zur Erhöhung der Abwehrkräfte, erhielt im allgemeinen Sprachgebrauch die Bedeutung von Verlust, wenn auch mit gesundmachender Wikung. Kultureller Aderlaß war über Jahre hinweg Synonym für die Tatsache, daß einige Vertriebene in ihrer neuen Existenz zu erheblicher Berühmtheit gelangten oder es schon vor 1938 waren. „. . . kurze Zeit nachher hatte sich unser Vaterland verengt und die Nation wollte nichts mehr von uns wissen", schreibt Sigmund Freud über diesen gewaltigen Prozeß der absoluten Entrechtung hunderttausender Menschen.

Mit dem Ende der NS-Zeit waren Vertreibung und Vernichtung in nüchterner Perfektion beinahe abgeschlossen. Die vertriebene jüdische Bevölkerung war nur insofern ein politisches Thema der jungen Zweiten Republik als man trachtete, die Rückkehr zu verunmöglichen: Universitäts­professoren, Apotheker, Ärzte und viele andere hatten Angst, ihre erst kürzlich erworbenen Rechte wieder zurückgeben zu müssen. Von offizieller Seite wurde man erstmals auf die Vertreibungen aufmerksam, als die Wiener Moderne Ende der 60-er Jahre in den Kanon der österreichischen Kultur aufgenommen wurde und man über ihre touristische Vermarktung nachzudenken begann. Die trügerische Schiene der Kultur und des Geistes, in deren Namen Jahre zuvor Menschen entrechtet, vertrieben und vernichtet wurden, wurde nun zur Möglichkeit über den Holocaust zu sprechen: Der Verlust mancher Personen wurde beklagt und man instrumentalisierte zur Berühmtheit gelangte Vertriebene im nachhinein als Botschafter der hohen österreichischen Kultur in Tourismusbroschüren und Stadtführern, über "Schneider und Schuster" (Albert Sternfeld) wurde natürlich nicht nachgedacht. Der Sprachgebrauch von Künstlerinnen und Wissenschaftlerinnen österreichischer Herkunft etablierte sich, um eine Brücke zwischen der international anerkannten Wiener Moderne und dem Österreich der zweiten Republik zu bauen, über die unselige NS-Zeit hinweg. Schließlich begann man, vom kulturellen oder geistigen Aderlaß zu sprechen, vergaß aber dabei, wie sehr dieses Wort von der wirklichen Geschichte erzählt: "Erholt vom Aderlaß hat sich die Psychoanalyse nach dem Krieg nur langsam." oder "In Wirklichkeit war der Aderlaß durch die erzwungene Emigration jüdischer Mediziner so eklatant wie in keinem anderen Wissenschaftszweig." sind zwei Beispiele der letzten Monate. Die todbringende Verquickung von Medizin, Biologie und Gesellschaftsvorgängen schimmert zwischen den Worten durch. Seriöse Artikel über Wissenschaftsgeschichte streift der lange Schatten der Sprache aus einer Zeit, die langsam eine andere wird.

Josef Teichmann

Gedenkdienstleistender bei ESRA, Wien

Editorial

Liebe Leserin! Lieber Leser! Seit der Gründung von Gedenkdienst vor sieben Jahren ist die Beschäftigung mit der Geschichte der durch den Nationalsozialismus vertriebenen Osterreicherinnen ein zentrales Anliegen unserer Organisation. In der vorliegenden Ausgabe möchten wir einen Überblick über Projekte im Bereich Emigration geben, die in Kooperation mit unseren Partnerorganisationen im Ausland von unseren Mitarbeitern durchgeführt werden. Neben der Sammlung von Lebensgeschichten und der damit verbundenen wissenschaftlichen Auswertung versuchen die Freiwilligen auch einen persönlichen Kontakt zu den Emigrantinnen aufzubauen. So haben sich in den letzten Jahren zahlreiche Freundschaften zwischen den Vertriebenen und Gedenk-dienstleistenden entwickelt. Dieser persönliche Kontakt bringt die verlorene Heimat vielleicht wieder ein Stück näher und ist mit der Hoffnung verbunden, daß in Österreich eine junge Generation heranwächst, die solche Verbrechen nicht mehr zulassen wird.

Vorstellen möchten wir Ihnen auch die 21 Gedenkdienstleistenden, die diesen Sommer ihren Dienst begonnen haben (S. 6). Neben den bereits bestehenden Projekten haben wir 1999 die Zusammenarbeit mit zwei neuen Institutionen begonnen: dem ehemaligen Sammel- und Deportationslager Westerbork in den Niederlanden sowie dem Anne Frank Zentrum Berlin in Deutschland. Einen ersten Erfahrungsbericht und eine ausführliche Vorstellung der neuen Projektpartner werden Sie in unserer nächsten Ausgabe finden.

Herzlichst

Sascha Kellner

Obmann Verein GEDENKDIENST