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Ausgabe 2/99


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Wohin und niemals zurück

Vertreibung und Flucht von Juden/Jüdinnen und RegimegegnerInnen um jeden Preis

 

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme in Österreich nach dem 12. März 1938 setzte eine in der österreichischen Geschichte beispiellose Verfolgung von politischen Gegnern, sogenannten „Nicht-Ariern" und der „Nicht-Deutschen" Volksgruppen ein. An diesen Verfolgungen hatten österreichische Nationalsozialisten und Österreicher, die in den 30er Jahren nach Deutschland flüchteten und damals

zurückkehrten, maßgeblich Anteil. 1938 lebten in Österreich an die 200.000 Österreicherinnen jüdischer Herkunft Die unter dem Linzer Adolf Eichmann gegründete und geleitete „Zentralstelle für jüdische Auswanderung" in Wien verfolgte das Ziel, die Ostmark so schnell wie möglich von Juden zu „säubern". Bei der Erreichung dieses Ziels konnte die „Zentralstelle" auf die spontane Unterstützung von vielen

Österreicherinnen zählen. Viele ergriffen die Gelegenheit, sich am Besitz der Juden zu bereichern. In den Monaten nach dem Anschluß mit dem Höhepunkt in der Reichspogromnacht am 9. November 1938 wurde ein Klima des Terrors in Österreich errichtet, das Juden und Regimegegnerinnen zur Flucht aus Österreich um jeden Preis zwang.

Vertreibung und Flucht von Juden/Jüdinnen und Regimegegnerinnen um jeden Preis

Die Vertreibung fand in Etappen statt. Zunächst Terror, der Verlust aller Bürgerrechte, dann Raub des persönlichen Vermögens und schließlich unter der Androhung der Deportation in ein Konzentrationslager - die Vertreibung.

Insgesamt wurden an die 130.000 Österreicherinnen (unter ihnen 95 % jüdischer Herkunft) in den Jahren 1938 bis 1941 aus Österreich vertrieben. Dies entspricht der heutigen Einwohnerzahl der Stadt Salzburg. Die österreichischen Nationalsozialisten hatten ganze Arbeit geleistet: Eichmann und seine Truppe hatten dem Staat nicht nur ein Vermögen verschafft, die Arbeitsweise seines Teams diente als Vorbild für die bis dahin im Vergleich unkoordinierten Vertreibungen aus dem Altreich, schließlich ab 1941/42 für die Deportationen von Millionen europäischer Juden in die Konzentrationslager. Nachdem die Ausreise für Juden aus dem Deutschen Reich im November 1941 untersagt wurde, lebten noch ungefähr 45.000 Juden in Österreich. Von ihnen konnten nur an die 5.000 in Verstecken als sogenannte „U-Boote" oder als Partner von „Mischehen" den Terror überleben.

 

Unerwünschte Flüchtlinge

 

Die Konsulate der westlichen Länder wurden nach dem 12. März 1938 von Ausreisewilligen nahezu gestürmt. Stundenlanges Anstellen war an der Tages­ordnung, immer jedoch mit der Angst verbunden, von vorbeikommenden SA-Leuten geschlagen, verhaftet oder mißhandelt zu werden. Die Asylländer waren von der Vehemenz der Verfolgung und der darauf anschließenden anschließenden Fluchtbewegung aus Österreich überascht und nicht in der Lage, ihre Asyl-und Einwanderungspolitik der Situation entsprechend anzupassen. Im Juli 1938 trafen sich in Evian am Genfersee Vertreter aus 35 Staaten um die bis Mitte November 1941 gelang rund 31.000 österreichischen Juden die Flucht. Die Nachrichten von den Ereignissen der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 schreckte auch die Öffentlichkeit in Großbritannien auf. Zwischen Dezember 1938 und August 1939 wurden in 23 Transporten 2.262 Situation zu besprechen. Ziel war es, die chaotische Fluchtbewegung der österreichischen und deutschen Juden in einen geordneten Auswanderungsprozeß zu verwandeln. Doch die Teilnahmeländer konnten sich auf keine Regelung zur Aufteilung des Flüchtlingsstroms einigen, die Aufforderung an das Deutsche Reich, den Vertriebenen wenigstens einen Teil ihres Besitzes zu belassen, um ihnen so den Beginn im Exilland zu erleichtern, wurde ignoriert. Da viele Nachbarländer über Nacht ihre Grenzen zu Österreich schlössen, blieb vielen nur der illegale Grenzübertritt. Gelingen oder Scheitern entschied oft über Leben und Tod. Der Schriftsteller Jura Soyfer versuchte im März 1938 mit Skiern von Vorarlberg aus in die Schweiz zu flüchten. Die Flucht mißlang, er wurde wieder über die Grenze zurückgeschickt, von den Nazis in Konzentrationslager verschleppt und schließlich im Februar 1939 ermordet.

Mehr Glück hatten die aus dem burgenländischen Rechnitz vertriebenen Juden und Jüdinnen: Tagelang irrten sie im Niemandsland zwischen der ungarischen und österreichischen Grenze umher, bis sie schließlich von den jugoslawischen Behörden aufgenommen wurden. Insgesamt flüchteten etwa 25.000 Österreicherinnen in andere europäische Länder. Nach Kriegsbeginn im September 1939 wurden die Flüchtlinge in den europäischen Staaten oft als „feindliche Ausländer" interniert. Dabei machte man kaum einen Unterschied zwischen Hitlerflüchtlingen und Staatsbürgerinnen des Dritten Reiches. Später jedoch wurden viele „politisch Unverdächtige" wieder freigelassen.

Viele österreichische Flüchtlinge wurden durch die Kriegsereignisse gezwungen, weiter zu flüchten. 17.000 österreichische Flüchtlinge wurden jedoch auf ihrer Flucht von den Deutschen Truppen gefangen, in Konzentrationslager deportiert und ermordet.

Großbritannien

Großbritannien war im internationalen Vergleich recht großzügig bei der Aufnahme österreichischer Flüchtlinge. Zwar führte Großbritannien im April 1938 die Visumspflicht für Österreicherinnen ein, Visa bekamen ab diesen Zeitpunkt nur mehr Personen, die von den Behörden als „wertvoll" für das Land eingestuft wurden. Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft hatten daher kaum Probleme, ein Visum zu bekommen. Von Mitte 1938 bis Mitte November 1941 gelang rund 31.000 österreichischen Juden die Flucht. Die Nachrichten von den Ereignissen der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 schreckte die Öffentlichkeit in Großbritannien auf. Zwischen Dezember 1938 und August 1939 wurden in 23 Transporten 2.262 Kinder aus Österreich gerettet. Die Kinder kamen zu Gastfamilien und wurden von kirchlichen und privaten Organisationen unterstützt. Nur wenige von ihnen sahen ihre Eltern wieder.

 

Palästina

 

Die Einwanderung nach Palästina regelte ein kompliziertes Zertifikatssystem der damaligen britischen Besatzung. Auf Grund arabischen Drucks versuchten die Briten die Zuwanderung zu beschränken. In Wien organisierten daher zionistische Vereinigungen illegale Schiffstransporte nach Palästina. Die Transporte wurden meist über die Donau geführt. 9.000 Personen konnten legal und illegal aus Österreich nach Palästina flüchten. Doch die Flucht war gefährlich. Traurige Berühmtheit erlangte der Kladovo-Transport. 1.000 österreichische Juden und Jüdinnen wurden auf der Fahrt nach Palästina im jugoslawischen Donauhafen Kladovo festgehalten und 1940 von NS-deutschen Truppen in Jugoslawien aufgespürt, deportiert und ermordet. Doch wer es mit dem Schiff nach Palästina schaffte, hatte noch keine Garantie an Land gehen zu können: Ende 1940 wurden drei Flüchtlingsschiffe von den Briten aufgebracht und zur Pazifikinsel Mauritius umgeleitet, wo die Flüchtlinge bis Kriegsende interniert wurden.

 

USA

 

Von März 1938 bis November 1941 emigrierten an die 28.000 Österreicherinnen in die USA. Die USA hatten seit Beginn der 20er Jahre ein ausgeklügeltes Quotensystem, das die Einwanderung regelte. Aus Österreich und Deutschland durften 30.000 Personen pro Jahr einwandern. Doch es reichte nicht, einen Platz auf der Warteliste zu bekommen; darüberhinaus mußte man auch ausreichende finanzielle Mittel nachweisen können. Da dies auf Grund des Raubes der Nazis nahezu unmöglich war, mußte man Bürgschaften (Affidavits)              US-amerikanischer

Staatsbürgerinnen bringen, in denen sich diese verpflichteten, im Notfall für die Einwandernden persönlich zu sorgen. Die Beschaffung dieser Affidavits war nicht einfach, wenn man nicht bereits Verwandte in den USA hatte. In ihrer Verzweiflung suchten viele in US-amerikanischen Telefonbüchern nach Personen gleichen Familiennamens, um sie schriftlich um Affidavits zu bitten. Vielen österreichischen Juden war aber eine Flucht in die USA überhaupt unmöglich. Sie waren in Polen, der Tschechoslowakei oder Ungarn geboren, so daß sie in die viel niedrigeren Quoten jener Länder fielen, die auf Jahre hinaus ausgebucht waren.

Lateinamerika und Shanghai

Vielen blieb daher nur mehr der Ausweg, sich vergleichsweise exotische Asylländer zu suchen. Mit Ausnahme Mexikos stellten alle Aufnahmeländer Vorbedingungen für die Einreise. Dazu gehörten neben ausreichendem Eigenkapital oder bereits im Land lebende Verwandte die Zugehörigkeit zu einer bevorzugten Berufsgruppe oder die Verpflichtung zu einer landwirtschaftlichen Tätigkeit. Je dringender die Rettung wurde, um so höher wurden auch die Summen für Visa, Aufenthaltsbewilligungen oder Bestechungsgelder, die an Behörden gezahlt werden mußten. Insgesamt flüchteten über 11.000 Österreicherinnen nach Südamerika.

Eine Ausnahme stellte jedoch Shan-ghai dar: Seit Mitte des 19. Jahrhunderts besaßen westliche Mächte sogenannte Konzessionen in der Stadt: Dort konnte sich jeder, der sich die Überfahrt nach Shanghai leisten konnte, ohne Visum oder Aufenthaltsgenehmigung niederlassen. 18.000 deutschsprachige Emigrantinnen, davon nahezu 6.000 aus Österreich, flüchteten nach Shanghai. Als die Kommunisten 1948 die Macht in China übernahmen, mußten viele erneut flüchten. Als in Wochenschauen über die Rückkehr von Wiener Juden berichtet wurde, kam es spontan zu antisemitischen Kundgebungen im Publikum. Das Österreich der Zweiten Republik war an der Rückkehr der Vertriebenen von 1938 nicht interessiert. Auch nicht daran, daß etwa 10.000 von ihnen in alliierten Armeen für die Befreiung Österreichs vom Nationalsozialismus gekämpft hatten.

Viele Emigrantinnen empfanden die ablehnende Haltung der Österreicherinnen nach 1945 als „zweite Vertreibung". Für viele war die erste Rückkehr in ihre Heimat mit traumatischen antisemitischen Erlebnissen verbunden. Die österreichische Staatsbürgerschaft wiederzubekommen, wurde den Vertriebenen erst vor ein paar Jahren wieder gewährt. So ist es kein Wunder, daß nur etwa 5 % der Vertriebenen nach 1945 wieder in ihre Heimat zurückgekehrt

 

Christian Klösch

Historiker, ehemaliger Gedenkdienstleistender am Leo Baeck Institute New York