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Ausgabe 2/99


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Rettung am Rio Plata

Einwanderungspolitik Argentiniens

Ungehinderte Einwanderung nach Argentinien erlaubte ein Gesetz aus dem Jahre 1876, das 1929 aufgrund der großen Depression geändert wurde: ab diesem Zeitpunkt mußten potentielle Einwanderer nachweisen, daß sie einen Beruf oder einen Arbeitsplatz hatten und ihr Unterhalt gesichert war. Die Konsequenz war eine „Politik der selektiven Einwanderung", die in den folgenden Jahren verschärft wurde. 1936 beispielsweise verbot eine Verordnung eine „Immigration aus ideologischen Gründen, um die Einwanderung von Kommunisten und Anarchisten zu verhindern". Argentinien verhinderte auf der 8. Panamerikanischen Konferenz in Lima (Dezember 1938) eine „verpflichtende Resolution zur Einwanderung". Nur eine „Immigration aus freiem Willen" sollte als Einwanderungsgrund akzeptiert werden. 1939 koordinierten Argentinien, Brasilien, Uruguay und Paraguay ihre Politik: Dies führte z. Bp. dazu, daß Jüdischen Flüchtlingen auf 35 Schiffen, die in den Jahren von 1938 bis 1942 in Buenos Aires ankamen, die Einreise verweigert wurde, die meisten von ihnen wurden nach Europa zurückgeschickt." Insgesamt gelangten dennoch etwa 39 400 Juden nach Argentinien, 26 500 davon legal.

Aus: Gutman, Enzyklopädie des Holocaust (br)

Rettung am Rio de la Plata

Opfer und Täterinnen im argentinischen Exil

 

Argentinien war vor 1940 Zufluchtsort von gut 35.000 reichsdeutschen Juden und Jüdinnen, unter ihnen etwa 5.000 Österreicherinnen. Die Einwanderinnen kamen in einer Zeit, als auch in Argentinien eine Diktatur herrschte. Man war aber trotzdem froh, dem NS-Staat entflohen zu sein, denn Antisemitismus gab es damals am Rio de la Plata kaum, außer in der reichsdeutschen Gemeinde, die über etwa 170 deutsche Schulen verfügte. Bis auf zwei begann in allen Schulen zwischen 1933 und 1937 der Unterricht mit Hitlergruß und Horst Wessel Lied. Es gab auch einen Ableger der NSDAP, die Deutsch-Österreichische Hitlerbewegung und einige seiner 1.500 Mitglieder gingen vor 1939 „zurück ins Reich", um jüdisches Eigentum zu arisieren.

Während des Krieges war Argentinien neutral. Erst im April 1945, erklärte es auf Druck der Alliierten den Achsenmächten den Krieg.

 

Überlebende reisten illegal ein, Kriegsverbrecher offiziell

 

Ab 1946 erließ der prodeutsche Präsident Juan Perön eigene Gesetze um die jüdische Immigration zu beschränken. Von 1945 bis 1949 kamen 600.000 Menschen von Europa nach Argentinien, unter ihnen auch etwa 4.800 Juden und Jüdinnen, von denen nur 1.100 legal einreisten. Während sich die Überlebenden der Shoah bei Nacht und Nebel über die Grenze mühten, kamen etwa 35.000 Deutsche und Österreicherinnen ins Land, unter ihnen zumindest 150 Kriegsverbrecher.

Erich Priebke und Josef Mengele kamen 1949 im selben Schiff nach Argentinien. Andere bekannte NS-Schergen waren Martin Bormann, der Ustasha-Führer Ante Pavelic, Josef Schwammberger sowie Adolf Eichmann. Pavelic wurde sogar persönlicher Berater von Perön und auch nach dessen Sturz nicht nach Jugoslawien ausgeliefert. Im Jahr 1960 entführte der Mossad Adolf Eichmann nach Israel. Der Österreicher war 1950 nach Buenos Aires gekommen und arbeitete bei Mercedes-Benz. In Jerusalem wurde er vor Gericht gestellt und zum Tode verurteilt. Die österreichische Regierung entzog Eichmann noch vorher die Staatsbürgerschaft. So kam es, daß „fünf Jahre nach der Erlangung der Souveränität die Zweite Republik Österreich die innovative Bedeutung seines Nationsbegriff demonstrierte: nämlich eine Staatsnation zu sein, die ihren Bürgern historische Unschuld garantiert" [Peter Menasse in Jüdisches Echo, Okt. 1993]. Erst nach dem Ende der Militärdiktatur im Jahr 1983 begann Argentinien, Naziverbrecherinnen auszuliefern. Der erste war Josef Schwammberger, der 1989 ausgeliefert und 1992 in Deutschland zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Im Jahr 1995 wurde Erich Prieb-ke nach Italien ausgeliefert, wo er verurteilt wurde und heute unter Hausarrest steht. Die vorerst letzten Auslieferungen war jene von Dinko und Nada Sakic. Während Nada Sakic wieder aus der Haft entlassen wurde, wird dem kroatischen Kommandanten des ehemaligen KZ Jasenovac in Zagreb der Prozeß gemacht.

 

Der Terror endete nicht mit dem Verschwinden des Sohnes

 

In den 70er Jahren begann das argentinische Militär mit der Verfolgung aller Bürger, die unter Verdacht standen, mit linken Ideen zu symphatisieren. Etwa 30.000 Menschen wurden ermordet. Die heute 75-jährige Wiener Emigrantin Titi Hochstimm hat das hautnah miterlebt. Im Jahr 1939 kam sie als Kind nach Brasilen, lebte anschließend einige Jahre in Bolivien und kam schließlich 1951 verheiratet und mit zwei Söhnen nach Buenos Aires. Der ältere, Thomas war Zeichenlehrer an einer Volksschule. „Man hat die Schule als linksgerichtet eingestuft und deswegen haben sie Tommy im Jahr 1978 entführt. Ich habe ihn nie wieder gesehen".

Aber der Terror endete nicht mit dem Verschwinden ihres Sohnes. Sie erhielt Drohanrufe und -briefe: „Ich wurde als Jüdin beschimpft und man riet mir wegzugehen, falls ich nicht dasselbe Schicksal wie mein Sohn erleiden wollte". Titi Hochstimm flüchtete 1980 zurück nach Wien, wo sie illegal beschäftigt war. „Mir hat ohnehin niemand geglaubt, daß ich Argentinierin bin, bei meinem Wiener Akzent". Nach dem Fall der Diktatur kehrte sie nach Buenos Aires zurück, wo ihr Vater noch lebte.

 

 

Der internationalen Diplomatie fehlte es an Mut

 

Ein prominenter Emigrant wurde selbst Opfer der Militärs. Der Wiener Heinrich Raab war als Kind 1939 nach Argentinien geflüchtet, wo er als Journalist und Kinokritiker Karriere machte. Er war homosexuell, politisch links eingestellt und Jude. Eindeutig zuviel für die faschistischen Machthaber Argentiniens. Er wurde im Jahr 1977 verschleppt und später betäubt aus einem Flugzeug ins Meer geworfen.

Der internationalen Diplomatie fehlte es an Mut, sich für ihre jeweiligen Staatsbürgerinnen einzusetzen. So verwundert es nicht, daß die österreichische Botschaft in Buenos Aires den den Eltern des ehemaligen Österreichers nur lakonisch mitteilte, dass man für ihren Sohn nichts tun könne.

 

Markus Broer, Jordi Kuhs

Ehemalige gedenkdienstleistende an der Fundación Memoria del Holoausto, Buenos Aires