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Ausgabe 2/99


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„Ich kam als Kind" - Der „Kindertransport" 1938 bis 1939

Emigration jüdischer Kinder nach Großbritannien

 

Am 15. November 1938, einige Tage nach der Reichskristallnacht, bat eine Delegation der Juden Deutschlands den britischen Premierminister Neville Chamberlain inständig um Hilfe. Die britische Regierung erlaubte daraufhin einer Anzahl von jüdischen Kindern (bis zum Alter von 17 Jahren) nach Großbritannien zu kommen. Außerdem wurde vereinbart, daß jüdische Organisationen die Reise- und Umsiedlungskosten tragen sollen. Weiters sollten sie sicherstellen, daß die Kinder im Land verteilt werden und eine Ausbildung erhalten. Das „Refugee Child-

ren's Movement" koordinierte mit dem "Save The Children Fund" die Rettungstungsaktion. Es war ein Rennen gegen die Zeit, denn es sollten soviele Kinder wie möglich noch vor dem Ausbruch des Krieges in Sicherheit gebracht werden. Dieser Exodus von deutschen, österreichischen und tschechischen Kindern wurde international als „Kindertransport" bekannt. Zwischen Dezember 1938 und Ende August 1939 haben fast 10.000 jüdische Kinder in Großbritannien Zuflucht gefunden. Priorität hatten Waisen, Kinder mit nur einem Elternteil oder deren Eltern schon in Konzentrationslager deportiert worden waren. All diese Kinder reisten mit Blockvisas in Gruppen von einigen Hundert über die Niederlande nach England.

 

Suche nach Pflegefamilien

 

Das erste Schiff des Kindertransports legte am Parkeston Quay, Harwich am Freitag, dem 2. Dezember 1938 an. Die jungen Flüchtlinge wurden anfangs in billigen Gr0ppensionen, wie Dovercourt, Pakefield Haliday Camp in Lowestoft und Barham House in Broadstairs, untergebracht. Einige wenige Kinder aus Deutschland und Österreich hatten jedoch schon gesicherte Unterkünfte bei Freunden oder Verwandten der Eltern. Das jüdische Flüchtlingskomitee entschied, jüngere Kinder in Pflegefamilien unterzubringen, während Ältere meist für längere Zeit in Pensionen einquartiert wurden. Jeden Sonntag kamen potentielle Pflegeeltern zum Zentrum des Flüchtlingskomitees, um sich umzusehen, ob sich ein für die eigene Familie geeignetes Flüchtlingskind darunter befindet. Dies war für viele Kinder jedoch eine sehr demütigende Situation und viele fürchteten, daß sie sich von ihren Geschwistern trennen müssen oder unglücklich in der neuen Familie sein würden.

Als 1945 viele der geflüchteten Kinder die bittere Wahrheit über das Schicksal ihrer Verwandten erfuhren, entschlossen sich die meisten, in Großbritannien zu bleiben. Eine von ihnen war Martha Blend, die im Dezember 1998 bei einer Veranstaltung von Gedenkdienst ihre Autobiographie „Ich kam als Kind" vorstellte: Im Alter von neun Jahren wurde Martha mit einem Kindertransport aus Wien evakuiert. Nach dem Krieg mußte sie erfahren, daß all ihre Verwandten unter barbarischen Umständen umgebracht worden waren.

Als Erwachsene, Mutter zweier Kinder und Lehrerin, ist Martha Blend nach Wien zurückgekehrt, um einiges ihrer frühen Geschichte, die im Krieg beinahe verschüttet worden wäre, wieder zu entdecken. Sie ist mit dem Versuch, Bruchstücke zusammenzufügen, nach Buchenwald und Auschwitz gereist, wo ihre Eltern vermutlich umgebracht worden waren. In ihrem Buch „Ich kam als Kind" hat Martha mit großer Liebe zum Detail ihre Erinnerungen dokumentiert und gezeigt, wie die Kinder des Kindertransports das Trauma der Trennung, Schuld und Ungewißheit überwanden, um erfüllte, wenn nicht gar glückliche Leben zu führen.

 

Beppo Spieckermann, Manfred Wiesner

Gedenkdienstleistende am Spiro Institute, London

 

Literaturempfehlung

Martha Blend, Ich kam als Kind, Picus-Verlag 1998. Rebekka Goepfert, Ich kam allein, DTV 1997. (erzählt in etwa 150 individuellen Schicksalen die Geschichte des Kindertransports aus der Sicht der Betroffenen. Das englische Original „l came ahne" ist wesentlich umfangreicher, aber leider vergriffen)

Anmerkung des GD-Büros: Einem Leserbrief von Peter Kollisch - abgedruckt in der Ausgabe 4/99 - folgend wurde eine falsche Zahlenangabe die in der printausgabe dieses Artikels vorhanden war korrigiert. (JE)