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Ausgabe 2/99


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Flucht nach Palästina

Das Leben des Walter Grab

Walter Grab wird 1919 in Wien geboren. Sein Vater stammt aus Prag, die Mutter aus einem Schtetl in Galizien. Er wächst als Einzelkind auf, besucht das Realgymnasium im neunten Bezirk, offener Antisemitismus ist dort sogar unter den Mitgliedern der illegalen NSDAP verpönt. Der Vater ist, obwohl

Fabrikbesitzer, Sozialdemokrat und voll Bewunderung für die Arbeiter und deren Aufbauwerk, das „Rote Wien". Die Mutter „hat Wien geliebt, wie ich nie etwas in meinem Leben zu lieben in der Lage war, nicht meine Frau, nicht meine Kinder, nicht meine Arbeit".

Mit dieser Begeisterung für das kulturelle und politische Leben der Stadt wächst Walter Grab heran. Der Junge glänzt in Latein, Literatur und Geschichte. Als die Matura näher rückt, fragt ihn sein Onkel, der eine Anwaltskanzlei in Wien besitzt, was er denn studieren wolle. „Literaturwissenschaft" ist die prompte Antwort. „Du spinnst, dort sitzen lauter Antisemiten - dort wirst als Jud net viel werden", entgegnet der Onkel. Nach der Matura im Frühsommer 1937 wird beschlossen, daß Walter Jura studieren soll. Doch die Ereignisse überstürzen sich, am Abend des 11. März 1938 lauscht die Familie Schusch-niggs Abschiedsrede im Radio.

Während die Mutter die ganze Aufregung nicht überbewerten will, ist ihrem Sohn klar, daß es hier für ihn keine Zukunft gibt. Bereits am 13. März wird der Onkel von der Gestapo verhaftet und mißhandelt, er kehrt gebrochen aus der Haft zurück und stirbt eine Woche nach der sog. Reichskristallnacht.

Schließlich bekommt Walter Grab die Genehmigung, nach Palästina auszuwandern. Warum gerade dorthin? Er lacht bitter: „Man hat sich nicht gerade um uns gerissen." Alles ist besser als der judenjagende Wiener Mob. Bei sei­ner Ankunft in Palästina im Juli 1938 wurde Grab Zeuge arabischen Unruhen, auf der Fahrt von Tel Aviv nach Jerusalem wird der Wagen mit Steinen beworfen „und wie der Taxler mit der einen Hand das Steuer gehalten und mit der anderen mit einem Revolver herumgefuchtelt hat, habe ich mir nur gedacht: „Du meine Güte, was mach ich denn hier nur? Ein Konflikt mit dem ich nix zu tun haben will, eine Sprache die ich nicht versteh - mir war zum Heulen". Im Frühjahr 1939 kommen die Eltern nach. Die Familie zeiht nach Tel Aviv, man lebt vom Verkauf selbstfabrizierter Koffer und Taschen „nicht mehr recht und schlecht, sondern nur schlecht".

Das fremde Land, die Lebensbedingungen, unter denen er leidet, lassen Walter Grab die einzige Flucht ergreifen, die ihm bleibt: die Literatur. Tagsüber arbeitet, abends liest er - auf Geheiß des Vaters in der Küche, weil da nur eine 15-Watt Birne brennt.

„Meine vier Leben - Gedächtniskünstler, Emigrant, Jakobinerforscher, Demokrat", Verlag PapyRossa in Köln.

Als der Krieg schließlich zu Ende ist, wähnt Grab das Ende der Emigration nahe. Doch im widerentstandenen Österreich will man nichts wissen von den Vertriebenen. Der Mutter bricht es das Herz, sie stirbt 1947. Walter Grab bleibt Kaufmann in Tel Aviv, 1962 studiert er erneut, diesmal Geschichte. Er promoviert in Hamburg und gründet das Institut für deutsche Geschichte an der Universität Tel Aviv. In die einzige Heimat die er hat, in der er auch nach 62 Jahren noch jede Straße und jeden Platz kennt, kommt er nur noch als Fremder.

Florian Wenninger

Gedenkdienstleistender in Yad Vashem, Israel