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Ausgabe 2/99


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Arbeit hat nicht immer etwas mit Emanzipation zu tun

Frauenrollen in der Emigration in New York

 

Nachdem ich gerade meinen Gedenkdienst im Rahmen der „Austrian Heritage Collection" am Leo Baeck Institute in New York ableiste, wurde ich gefragt, ob ich über Frauen in der Emigration schreiben könnte. Wir arbeiten hier zu zweit an einem Oral History Projekt mit österreichisch-jüdischen Emigranten.

Welche war die Stellung der Frau in Österreich und Deutschland vor dem zweiten Weltkrieg? Erste Überlegungen zum Thema Geschlecht und soziale Ungleichheit führten immer wieder dazu, daß eine Gleichstellung der Geschlechter eine Gleichstellung der Frau gegenüber dem Mann bedeutet. Jahrhundertelang rechtfertigten unter anderem biologische Unterschiede zwischen Männern und Frauen eben diese geschlechterspezifische Ungleichbehandlung.

Die Geschichte der Frauenbewegung beginnt um 1848. Der erste internationale Frauentag fand am 19. März 1911 in Dänemark, Deutschland, Österreich, der Schweiz und den USA statt. Millionen von Frauen beteiligten sich daran. Mit dem Frauenwahlrecht 1918 kam der große Durchbruch. Frauen konnten wählen und sich als Kandidatinnen aufstellen lassen. In der Weimarer Republik saßen zeitweise mehr Frauen im Parlament als heute im Deutschen Bundestag. Sie erkämpften einige wichtige Gesetze.

 

Frauen im Nationalsozialismus

 

Der Nationalsozialismus verdrängte Frauen aus dem öffentlichen Leben und legte zunächst die Frauenrolle auf Hausfrau und Mutter fest. Frauen verlo­ren das passive Wahlrecht, die Zulassung zur Habilitation, zum Richterinnenamt und als Rechtsanwältinnen. Der Frauenanteil bei den Studierenden durfte maximal 10 % betragen. Frauenorganisationen der demokratischen Parteien und Gewerkschaften wurden im Jahre 1933 verboten, andere Frauenorganisationen wurden aufgelöst. In den NS-Frauenorganisationen ging es um Hauswirtschaft, Kinderpflege und Ernährung. Die Arbeitsplätze wurden den Männern freigehalten.

1939, mit Kriegsbeginn, waren weibliche Arbeitskräfte wieder gefragt. Während des Faschismus wurden Frauen jüdischer Herkunft, Sinti und Roma-Frauen, Regimegegnerinnen und ihre Familien verfolgt, vertrieben und vernichtet. Die Zeit des Nationalsozialismus warf die Emanzipationsbe-strebungen zurück.

Nach dem 2. Weltkrieg rückten die Frauen kurze Zeit ins Zentrum, bedingt durch die vielen gefallenen Männer und die Notwendigkeit des Wiederaufbaus. In dieser Phase war die Arbeit der Frauen - auch schwere körperliche Arbeit- eine Selbstverständlichkeit. Wenig später nahm die Geschichte der Frauenemanzipation zwei sehr unterschiedliche Wege, den einen in der DDR, den anderen in der BRD.

Aus meiner Erfahrung mit unserem Projekt würde ich sagen, man kann die Frauen, die in die Emigration gingen, in zwei Gruppen einteilen: Jene, die vor dem Ersten Weltkrieg geboren sind und diejenigen, die in der Zwischenkriegs-zeit zur Welt kamen.

 

Die „jungen Alten"

 

Jene, die vor dem Ersten Weltkrieg geboren wurden, waren daher älter als 34 als Österreich dem Deutschen Reich angeschlossen wurde und standen voll im Berufsieben. Die meisten waren verheiratet, manche hatten Kinder. Sie hatten den ersten Weltkrieg miterlebt und waren vielleicht sogar stolze Mitglieder der k.u.k. Armee gewesen. Wenn nicht sie selbst, dann der Vater oder der Bruder.

Frauenarbeit war in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg vor allem eine Klassenfrage - weniger Begüterte mußten arbeiten um leben zu können. Die bürgerlichen Schichten hatten einen Ernährer, den Vater. Nur bei bürgerlichen Sozialdemokraten war es für Frauen üblich, zu arbeiten, diese Arbeiten waren dann aber meist nicht körperlicher Natur.

Berücksichtigen muß man, daß vor allem reichere Schichten auswandern konnten. Die meisten Menschen, die wir hier antreffen, waren also aus „besserem Hause". Trotzdem besaßen bei der Ankunft in den USA viele unter ihnen nur fünf Dollar - das war die erlaubte Menge Geld. Die erste Wohnstätte war oft ein Flüchtlingsheim oder bei Verwandten. Der nächste Schritt war der Versuch, eine Arbeitsstelle zu finden. Ärzte und Anwälte z.B. konnten allerdings nicht einfach weiterarbeiten. Sie mußten Prüfungen bestehen, um ihren Ausbildungsgrad nostrifizieren zu lassen. In den meisten Fällen mußten jetzt auch die Frauen arbeiten, als Krankenschwester, Deutschlehrerin oder in der Fabrik ... manche von ihnen erhielten die Familie oder trugen in einem wesentlichen Ausmaß dazu bei, dem Mann die Möglichkeit zu geben, z. B. für die Arztprüfung zu lernen. Nachdem der Mann dann wieder eine Stelle in einem bürgerlichen Beruf angenommen hatte, zogen sich viele Frauen wieder aus dem Berufsleben zurück oder wurden in den Haushalt zurückgedrängt. Eine gewisse Unabhängigkeit und Eigenständigkeit haben sie dadurch trotzdem gewonnen.

 

Die „Jungen"

 

Waren die Emigrantinnen noch älter bei ihrer Ankunft in den USA, so kam es oft vor, daß die „Kinder" - eben jene Generation, die nach dem Ersten Weltkrieg geboren war - ihre Familie erhielt. Sie lernten schneller Englisch und waren körperlich belastbarer als Fünfzigjährige.

Diese heute 80-jährigen, die nach der Einführung des allgemeinen Wahlrechts geboren worden waren und noch keine Ausbildung abgeschlossen hatten, als sie Österreich verließen, stiegen erst in New York in das Erwachsenenleben ein. Sie nahmen Arbeit an, Männer wie Frauen. Viele von ihnen waren unverheiratet bei ihrer Ankunft in den USA.

Sind die Umstände des Weltkrieges also als Emanzipationschance für die Frauen interpretierbar?

Auch in den USA mußte die Rüstungsindustrie angekurbelt werden, auch hier wurden zusätzliche Arbeitskräfte gebraucht und es wurden viele Arbeitsplätze frei, da die Männer an die Front gingen. Die „Homefront", wurde für viele zur ersten Möglichkeit, sich den eigenen Lebensunterhalt zu verdienen. Viele dieser ersten Jobs waren unqualifizierte und schlechtbezahlte Hilfsar-beiten. Diese jungen Emigrantinnen haben neben ihrer Arbeit versucht zu studieren und Englisch gelernt. Erstaunlich ist die hohe Akademikerrate bei der in den Staaten geborenen Generation.

Fazit: Noch immer sind fast alle hohen Stellen, fast alle leitenden Positionen von Männern besetzt. Die Gruppe österreichisch-jüdischer Emigrantinnen kann weitgehend als repräsentativ für die Gesellschaft angesehen werden in Bezug auf die Emanzipation der Frauen und ihre Rolle innnerhalb der Familie. Nur in der Generation der der heute 80-jährigen Frauen und Männer unterscheiden sich diese von ihren jeweiligen Altersgenossen.

 

 

Gregor Weiss

Gedenkdienstleistender am Leo Baeck Institute in New York