AuslandseinsatzHolocaust-EducationStudienfahrtenVereinLinks
Ausgabe 2/99


2016
2015
2014
2013
2012
2011
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
2000
1999
1998

Ein Ort inmitten der Gesellschaft...

Bericht über die Studienfahrt ins ehemalige KZ Auschwitz vom 27. März bis 2. April 1999

 

An dieser vom Verein Gedenkdienst veranstalteten Studienfahrt ins polnische Oswiecim (deutsch Auschwitz) nahmen 38 Personen aus allen Bundeländern teil. Bereits vor der Abreise gab es in Wien ein Zeitzeugengespräch mit dem Rom Karl Stoijka. Der Künstler berichtete von seiner Gefangenschaft in Auschwitz-Birkenau, dem Vernichtungslager, in dem er als Kind im sogenannten „Zigeunerlager" interniert war. Er verlor dort einen Bruder und Teile seiner Familie. Ungefähr 1,5 Millionen Menschen wurden von der SS in Birkenau und im KZ Auschwitz l ermordet.

Nach der gemeinsamen Zugfahrt nach Oswiecim wurden wir in der Jugendbegegnungsstätte MDSM, unweit des heutigen Museums Auschwitz, vormals KZ Auschwitz l, untergebracht. Das mit deutschem Geld errichtete MDSM ist ein großzügig angelegter neuer Gebäudekomplex - leider für polnische Jugendliche zu teuer. Begeg­nungen finden also hauptsächlich zwischen deutschen Schulgruppen und den spärlichen österreichischen Besucherinnen statt.

Das schöne Wetter irritiert. Zeitig am sonntäglichen Morgen besichtigten wir das KZ Auschwitz l. Der ehemalige Direktor der Gedenkstätte, der selbst dort interniert war, führte uns durch das Lager. Wir sahen gemauerte einstöckige Häuser - „Arbeiterhäuser aus dem 19. Jahrhundert", wie eine Kollegin treffend bemerkte. Das schöne Wetter, das Vogelgezwitscher, es „paßt" nicht in meine Vorstellungen von einem KZ, es irritiert. In einigen der rund 30 Barackenhäuser sind Exponate ausgestellt, die bekannten Berge von Schuhen und Koffer und Frauenhaar, ergraut, zerfallen, sie werden alt. Am nächsten Tag wird am Reflexionsabend von einigen Kollegen an dieser Darstellungsweise Kritik laut, da nur die Masse, nicht aber die Schicksale des/r Einzelnen gezeigt würden. Die Opfer würden auf diese Weise ein zweites Mal entpersonalisiert. Wir sahen weiters Fotos von ankommenden Transporten, den Selektionen beim Aussteigen, Bilder aus der ersten Zeit nach der Befreiung durch die rote Armee, die Baracke, in der medizinische Experimente an Häftlingen vorgenommen wurden, die Strafbaracke und seine winzigen Gefängniszellen und schließlich gingen wir an Stacheldraht vorbei zur ehemaligen Gaskammer und zum Krematorium. Der Nachmittag und Abend standen zur freien Verfügung. Man konnte die Bibliothek unserer Herberge einsehen und Videos z. B. zum Frankfurter Auschwitzprozeß aus den 60-er Jahren ansehen.

Am nächsten Tag  besichtigten wir das nur 2 km vom KZ Auschwitz l entfernte Vernichtungslager Birkenau. Das Areal ist ca. 2 x 2 km groß und war in mehrere Sublager unterteilt. Durch das große Haupttor mit Wachturm fuhren die Züge und wenige hundert Meter später entschied vor allem die Arbeitsfähigkeit eine Menschen über sein/ihr, oft nur vorläufiges, Überleben. Es gibt auch hier einige wenige gemauerte Baracken, vor allem noch aus Anfangszeit des lagers. Der Großteil bestand aus Holzbaracken, die allerdings entweder niedergebrannt oder von der polnischen Bevölkerung nach Kriegsende als Heizmaterial wiederverwertet wurden. Erst hier realisierte ich, daß Auschwitz in einem räumlichen und gesellschaftlichen Zusammenhang steht und nicht per se das abgehobene, von seiner Umgebung isolierte Symbol des absoluten Bösen ist. Einige Einwohner der Stadt Oswiecim reagierten auch sehr gereizt auf unseren Besuch, wir, die wir durch unsere bloße Anwesenheit den Ort immer wieder auf diese schreckliche Vergangenheit hinweisen.

 

... weil ich weiß, was passierte

 

Die Besichtigung des Lagers Bir-kenau geriet beinah spiegelverkehrt zu jener vom Vortag. Waren wir anfangs noch in einer Gruppe unterwegs, zerfiel diese nach und nach in kleinere Gruppen oder in einzelne Personen, die schweigend über das großflächige Areal zogen. War im KZ Auschwitz l noch zumindest äußerlich das ganze Lager erhalten, so sind hier bald nach dem Krieg zwar einige Holzbaracken wiedererrichtet worden, doch vom Rest sind nur die Stacheldrahtzäune und die Schornsteine der einzelnen Baracken erhalten. Die vier Gaskammern und Krematorien in Birkenau wurden entweder noch von Häftlingen des Sonderkommandos oder von der abziehenden SS gesprengt, sodaß heute nur Trümmer herumliegen.

Mir wurde klar, daß das zur Schau stellen von zur Gänze erhaltenen Krematorien keineswegs eindrucksvoller sein muß als die verbogenen Schienen des Krematoriums II in Birkenau. Mich beeindruckte das grüne saftige Gras, die von der Sonne beschienen Birken, die kleinen Teiche in Birkenau ... weil ich weiß, daß auf dem Gras bei Appellen Leute zu Tode gequält, auf die Rinde der Birken Nachrichten geschrieben worden sind und in den Teichen die Asche der verbrannten Leichen lagert. Die Frage nach dem Umgang mit Auschwitz und seine Besprechbarkeit wird auf die Wahrnehmung der Natur von Auschwitz verschoben und dadurch, wenn auch nur symbolisch, besprechbar.

 

Begleitprogramm

 

Nach den Besichtigungen der Lager konnte man sich am Dienstag in verschiedenen Arbeitsgruppen zu speziellen Themen informieren und diskutieren. Videos, Vorträge und Texte standen zu folgenden Themen zur Verfügung: „Roma und Sinti", „IG Farben - das Nebenlager Monowitz", „Architektur in der NS-Zeit" und „Kunst in Auschwitz". Jeweils Vormittags und Nachmittags konnte man sich einer Arbeitsgruppe anschließen. Zum Teil wurde bis zum Mittag- bzw. Abendessen heftig diskutiert. Abends kam Dr. Opoczynski, ein Auschwitzüberlebender, und berichtete von seinen Eindrücken.

Mittwoch stand zunächst eine Stadtführung durch Oswiecim auf dem Programm, anschließend gab es noch Gelegenheit, im KZ Auschwitz l die Länderausstellungen zu besichtigen, wobei die verschiedenen Zugänge interessant waren. Bei der österreichischen Selbst-war kritisch zu bemerken,

daß diese nur auf die Opferrolle beschränkt blieb, für Täterinnen blieb offensichtlich kein Platz.

 

Ein Tag in Krakow

 

Abgeschlossen wurde diese Studienfahrt mit einer Stadtführung in Krakow am Donnerstag. Zuerst bekamen wir einiges vom mittelalterlichen Stadtkern zu sehen, um danach in das jüdische Viertel einzutauchen. Der Nachmittag stand wieder zur freien Verfügung und wurde zu einem ausgedehnten Stadtbummel genutzt. Nach einem abschlies-senden Abendessen in einem ukrainischen Restaurant reisten wir mit dem Zug nach Wien zurück.

Die Stimmung in der Gruppe war sehr angenehm und für das gegenseitige Kennenlernen sehr wichtig, da doch einige der Teilnehmer mit 15. Juli 1999 ihren Gedenkdienst im Ausland begannen und die Kontakte untereinander für den Informationsaustausch im nächsten Jahr hilfreich sein werden. Der Ort der Jugendbegnungsstätte ließ uns viel Raum für Freizeitaktivitäten und auch Ablenkung vom schwierigen Thema Holocaust. Wichtig war diese Reise aber sicher gerade wegen der oft spontanen Gespräche und Diskussionen über den Holocaust, die zwischen den Teilnehmerinnen entstanden sind. An dieser Stelle sei auch den Organisatorinnen Sina Zwettler und Thomas Strasser für ihr Engagement und den reibungslosen Ablauf dieser Reise gedankt!

 

Thomas Mayer

 

Gedenkdienstleistender im Herinneringscentrum Kamp Westerbork, Niederlande