AuslandseinsatzHolocaust-EducationStudienfahrtenVereinLinks
Ausgabe 3/99


2016
2015
2014
2013
2012
2011
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
2000
1999
1998

Abschied vom Minimalkonsens

Waisers Mythos der „Schande" an zentraler Stelle eines nationalen Bewußtseins

„Mit Aufarbeitung der Vergangenheit ist in jenem Sprachgebrauch nicht gemeint, daß man das Vergangene im Ernst verarbeite, seinen Bann breche durch helles Bewußtsein. Sondern man will einen Schlußstrich darunter ziehen und womöglich es selbst aus der Erin­nerung wegwischen." (Theodor W. Adorno, 1959)

„Wenn wir Auschwitz bewältigen könnten, könnten wir uns wieder nationalen Aufgaben zuwenden" (Martin Waiser, 1978, 1998)

Paradigmenwechsel im Erinnerungsdiskurs

Mit der Debatte um die von Ignatz Bubis als „geistige Brandstiftung" scharf kritisierte Friedenspreisrede Martin Waisers scheint sich ein Paradigmenwechsel im deutschen Erinnerungsdiskurs um die Verbrechen des Nationalsozialismus im allgemeinen, im besonderen des Holocaust, manifestiert zu haben. Im Zuge der quer durch alle Feuilletons geführten Debatte, deren Inhalte eine wesentlich größere Breitenwirkung hatten als die des Historikerstreits, kam es offen wie noch nie zuvor zu impliziten und expliziten Ablehnun­gen des Gedenkens an den Holocaust.

Martin Waiser hatte sich in einer aggressiv formulierten Rede gegen eine öffentliche und mit politischem Anspruch geführte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit gewandt indem er sie als unzulässigen Eingriff in das persönliche Gewissen darstellte. Das veranlaßte Ignatz Bubis, den damaligen Vorsitzenden des Zentralrates der Juden in Deutschland, zu seiner Kritik. Er konstatierte, daß Waiser damit jenen das Wort geredet habe, die einen Schlußstrich unter die Auseinandersetzung mit der (nationalsozialistischen) Vergangenheit fordern würden. Die Gefährlichkeit liege darin, daß diese von der extremen Rechten laufend vorgebrachte Ansicht nun auch von anerkannten Größen der Republik formuliert würde.

 

Waisers Vorstoß für eine Privatisierung des Gedenkens

 

Den Ausgangspunkt seiner Überlegungen zur deutschen Gedenkkultur in Waisers Rede bildet die Feststellung, daß er angesichts der ständigen Präsenz dieses Abschnitts der Vergangenheit in der Öffentlichkeit gelernt habe, wegzuschauen. Waiser meint weiter: „An der Disqualifizierung des Gedenkens kann ich mich nicht beteiligen."

Dieses „Verdrängen" glaubt Waiser in mehrerlei Hinsicht rechtfertigen zu können: Der Schriftsteller knüpft in seiner Zurückweisung der Erinnerung an den political correctness Diskurs der Rechten an. So wie dort das Auftreten gegen (sprachlich manifestierten) Rassismus, Sexismus, Antisemitismus als Eingriff in die Meinungsfreiheit abgetan wird, so versucht Waiser, den Begriff Gedenken mit einer bestimmen Vorstellung zu belegen und über diese Belegung zu dele­gitimieren. Der von ihm verwendete Ausdruck „Moralkeule Auschwitz" erinnert an das Schlagwort „Auschwitzkeule", das aus dem Wortschatz dieses rechten Diskurses stammt. Für ihn stellt Gedenken einen von „Meinungssolda­ten" auferlegten Zwang dar. Er unter­stellt diesen noch dazu unlautere Motive, wenn er von der „Instrumentalisie­rung unserer Schande zu gegenwärti­gen Zwecken" spricht, (was angesichts der parallel zur Debatte laufenden Dis­kussion um die Entschädigung von Zwangsarbeiterinnen bedenklich ist.)

In Ausblendung der Frage nach den Ursachen, ersetzt Waiser die „Schuld" am Holocaust durch die „Schande", die für das sich als Nachfolgestaat des Drit­ten Reiches verstehende Deutschland daraus hervorgeht. Über den Mythos der „Schande" an zentraler Stelle des natio­nalen Bewußtseins wird eine neue Stif­tung nationaler Identität betrieben, die die Träger eines opferzentrierten Ge­schichtsbildes, bzw. die Nachfahren der Opfer, die damit an dieser „Schande" nicht teilhaben, ausschließt. Hier mag ei­ner der Unterschiede zwischen der Ge­denkkultur in Deutschland und in Öster­reich liegen. Das Schuldeingeständnis, das in Deutschland nun nur noch über den Rekurs auf die Schande angespro­chen wird, fehlte in Österreich durch die Legende vom „ersten Opfer der hitler-schen Aggression" lange Zeit völlig. So wurde die Waiser-Debatte in Österreich auch hauptsächlich als eine deutsche Debatte rezipiert, in der versucht wurde eine Normalität zu erlangen, die in Österreich schon lange erreicht sei -was jedoch Thomas Chorherr nicht dar­an hinderte, ein Ende der „Moralkeule" auch hierzulande zu fordern.

 

Gedenken in einem falschen Bewußtsein

 

Gleichzeitig verlangt Waiser eine Privatisierung des Gedenkens, indem er es zu einer Gewissensfrage erklärt. Wei­ters: „Diese durchgängige „Zurückgezo­genheit in sich selbst" (das Gewissen, der Verf,) ist nicht repräsentierbar. Sie muß also innerliche Einsamkeit bleiben." Waiser sagt so, daß sich Gedenken nicht in die Öffentlichkeit übertragen läßt. Somit unterbindet er jeden aufklä­rerischen Anspruch des Gedenkens. Die Geschichtsbilder in der Nachfolge der Tätergesellschaft dürfen, wenn es nach Waiser geht, nicht von außen beeinflußt werden.

In Adornos Verständnis von Aufarbei­tung der Vergangenheit, das man heute treffender als „Vergangenheitsbewälti­gung" bezeichnet, wird die Verdrängung hinter einer Konstruktion des Geden­kens versteckt, die dessen Zielsetzung in einer nationalen Sühneleistung sieht. Dadurch wird die Möglichkeit eines Schlußstrichs impliziert, dessen Zeit­punkt mehr oder weniger beliebig er­scheint, wenn sich nur argumentieren läßt, daß die bisherige „Vergangenheits­bewältigung" für ein „Genug!" ausreicht.

Nach der Wiedervereinigung und dem Beginn der Berliner Republik mit ei­ner Regierung aus der Generation der 68er, die im Glauben, durch die Rebelli­on gegen die „Tätergeneration" die Ver­gangenheit „bewältigt" zu haben keine Berührungsängste mehr mit dem „Schlußstrich" hat, steht, so scheint es, dem Auftreten als „selbstbewußte Nati­on" nichts mehr im Weg. Die Inhalte die­ser Renaissance des Nationalen blei­ben dabei völlig unhinterfragt, was an­gesichts der Tatsache, daß die Teilnah­me an einem von der NATO geführten Kriege als eine der Manifestationen die­ser neuen Normalität artikuliert wurde, mehr als beunruhigt.

Waiser und seine Verteidiger nehmen auf den Holocaust nicht mehr als kon­krete Tatsache der Geschichte bezug, sondern bloß sekundär als Gegenstand eines Gedenkens, das in ihren Augen dazu benützt wird, Deutschland den Weg in eine „normale" Nationalität zu versperren. Auf diesem Weg lehnen sie den Erinnerungsdiskurs als Ganzes ab.

Damit gelingt es auch, die Geschich­te als Vorgeschichte der Gegenwart, die durch ihre Kontinuitäten das Wachhalten der Erinnerung erst erfordert, zu übergehen. In derselben Rede, der Adornos obiges Zitat entnommen ist, schließt er mit den Worten: „Aufgearbeitet wäre die Vergangenheit erst dann, wenn die Ur­sachen des Vergangenen beseitigt wären. Nur weil die Ursachen fortbeste­hen, ward sein Bann bis heute nicht ge­brochen."

Waisers Zitate sind seiner Rede entnommen, abgedruckt in: Martin Waiser, Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede, Frankfurt 1998.

 

Sebastian Markt

studiert Geschichte, Mitarbeiter von GEDENKDIENST, Wien