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Ausgabe 3/99


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Tatjana und Pjotr Melentshuk -Vergessene „Gerechte der Völker"

Menschen, die Leben retteten und 50 Jahre nicht darüber sprechen durften

 

Seit einem Beschluß der Knesset 1953 wurden hunderte „Gerechte der Völker" wurden mit diesem Ehrentitel Is­raels ausgezeichnet. Damit wurdet ein Denkmal für die künftigen Generationen gesetzt. Ziel ist, jene Menschen zu eh­ren, die während des Krieges ihr Leben einsetzten, um Juden zu retten. In der ehemaligen Sowjetunion waren bis zu Beginn der 90er Jahre nur sehr wenige bekannt. Die von Yad Vashem erstellten Statistiken geben eine Vorstellung wie schwierig es war, während der politi­schen Eiszeit zwischen Israel und der Sowjetunion diese Menschen ausfindig zu machen. Auf dem Gesamtterritorium der ehemaligen UdSSR sind bis 1997 1166 Gerechte zu verzeichnen. Nicht nur die politischen Umstände machten diese Suche unmöglich, oft wollten sich diese Menschen nicht dazu öffentlich äußern. Viele fürchteten sich immer noch vor den Folgen des Bekanntwerdens im Umfeld ihrer Nachbarn. Nicht selten war es vor­gekommen, daß Juden gegen viel Geld „versteckt" und dann - nachdem man es erhalten hatte - der Polizei ausgeliefert wurden. Mit solchen Nachbarn mußte man oftmals auch nach dem Krieg zu­sammenleben. Andererseits spielt der Zeitfaktor eine große Rolle. Viele ver­steckte jüdische Kinder, die es nach dem Krieg schafften, nach Israel auszuwan­dern, können sich heute oft nicht mehr daran erinnern, wem sie ihr Überleben zu verdanken haben, während ihre Ret­ter vielleicht schon gestorben sind und ihr Geheimnis für sich behalten haben. Auf den von den Nationalsozialisten

 

 

besetzten Territorien der damaligen So­wjetunion sind Schätzungen zufolge 27 Mil., manche gehen bis zu 40 Mill., Men­schen ums Leben gekommen. Mehr als 900 Siedlungen, Dörfer und kleine Städ­te wurden ausgelöscht. Auf diesem Ter­ritorium sind auch mehr als ein Drittel al­ler Opfer des Holocaust - in Rußland als „Katastropha" bezeichnet-zu beklagen. Hier gab es keine Gaskammern und .kei­ne Vernichtungslager. Kinder, Frauen, Männer, Alte, Gebrechliche, Kranke-sie wurden erschossen, erschlagen, leben­dig begraben oder mit Gaswagen er­stickt und verscharrt. In den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion gibt es hun­derte Stätten mit Massengräbern - kaum ein Denkmal erinnert an sie. Viele Ein­wohner kollaborierten mit der neuen Macht. Gleichzeitig riskierten aber nicht wenige ihr Leben und das ihrer Familie, indem sie verfolgte Juden zu sich nahman, ihnen eine neue Identität verschafften oder sie als ihre Kinder ausga­ben.

Pjotr und Tatjana Melentshuk zählen zu diesen spät entdeckten Gerechten der Völker. Am 3. November 1997 verlieh ihnen Yad Vashem posthum diese Aner­kennung, mehr als zehn Jahre nach ihrem Ableben. Die Familie Melentshuk lebte mit ihren sechs Kindern während des Krieges in einem Dorf in der Ukraine, der älteste Sohn diente in der Armee, der jüngste war gerade drei Jahre alt als der Krieg über sie hereinbrach. Evdokija (19), Iwan (15) und Anatolij (13) halfen auf der elterlichen Wirtschaft aus, während ihre Eltern auf der nahegelege­nen Kolchose den ganzen Tag über zu tun hatten. Trotz dieser enormen Bela­stung entschieden sich Pjotr und Tatjana, einer gut bekannten jüdischen Familie aus dem Ghetto zur Flucht zu verhelfen und sie zu verstecken. Die älteren Kinder der Familie Melentshuk halfen den Flüchtlingen so gut sie konnten. Iwan nähte den Kindern Gala (3) und Lida (11) einen Schafspelz für den Winter, er reparierte ihnen ihr Schuhwerk. Anatolij sammelte Kohlen für sie, damit sie sich im Winter in bißchen wärmen konnten. Während eines,Umzuges' der Versteck­ten verbrachten beide Brüder mehrere Nächte damit, die Freunde bei Ver­wandten unterzubringen. Tatjana bemühte sich, Kleider zu nähen und Pjotr besorgte geheim Lebensmittel für die zusätzlichen Esser, die natürlich nicht auffallen durften. Trotz der enor­men psychischen und physischen Bela­stung - die Nachbarfamilie wurde mit ihren Kindern von Nazi-Schergen er­schossen, als man bei ihnen einen ver­steckten Juden fand - konnten sie ihre Freunde mehr als eineinhalb Jahre vor dem sicheren Tod bewahren, danach wurden die Kinder von anderen Leuten aufgenommen und als die ihren ausge­geben. Lida und Gala konnten nach dem Krieg nach Israel auswandern und waren wesentlich daran beteiligt, für ihre Retter den Status eines Gerechten zu erreichen, für die älteren Kinder läuft die­ser Prozeß noch.

Iwan Melentshuk, der Sohn von Pjotr und Tatjana erlag am 2. Dezember 1998 einem Herzanfall. Seine Frau Evgenija Ivanowna lebt mit ihrer Tochter von einer Pension von umgerechnet weniger als 200 Schilling. Sie kann es sich bis heute nicht leisten, letzte Grußworte und den Namen ihres Mannes auf den Grabstein am Friedhof schreiben zu lassen ...

 

Literatur: Leonid Smilotsky: Righteous Gentiles, the Partisans, and Jewish Survival in Belorussia, 1941-1944; in: Holocaust and Genocide Studies, Vol. 11, Nr. 3, 1997, pp 301-329.

 

Kurt Scharr

ehemaliger Gedenkdienstleistender am

Wissenschaftl. Zentrum Holocaust, Moskau