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Ausgabe 3/99


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Gedenkdienst am Anne Frank Zentrum in Berlin

Gedenkdienst hat sein Netzwerk um eine bedeutende Stelle erweitert - das Anne Frank Zentrum in Berlin. Ich habe die Ehre, hier als Erster meinen Dienst abzuleisten - und empfinde dieses schon sehr falsch ausgedrückt, denn es ist für mich kein „Ab-leisten", sondern in­teressante und bereichernde Arbeit.

 

Brücken bauen vom Leben Anne Franks bis heute

 

Zuerst möchte ich das Zentrum, sei­ne Arbeit und seine Ziele beschreiben: Berlin ist nach London und New York die dritte Partnerorganisation des Anne Frank Hauses in Amsterdam und be­steht nun seit ca. einem Jahr, ist also ei­ne sehr junge Organisation. Das Aufga­benfeld umfaßt neben der bundesweiten Koordination und Organisation der inter­nationalen Wanderausstellung „Anne Frank - eine Geschichte für heute" vor allem pädagogische Arbeit hier im Zen­trum Jugendliche begleiten Jugendliche - unter diesem Motto steht die Arbeit mit Schulklassen in unseren bescheidenen Räumlichkeiten - auf ca. 80 qm befin­den sich Kleinausstellung, Videozimmer mit Bibliothek und ein Gesprächsraum. Ca. 30 junge ehrenamtliche Ausstel­lungsbegleiterinnen betreuen die Besu­cherinnen und Schulklassen nicht nur im Sinne einer konventionellen Führung. Vielfältige Methoden wie Rollen- und Thesenspiel oder kreatives Schreiben ermöglichen Zugang und Austausch in der Gruppe. Ziel ist, eine persönliche Kommunikation zwischen Begleitung und Gruppe zu schaffen, die Brücken baut von der Geschichte Anne Franks bis zum heutigen Leben.

In Berlin betreut das Anne Frank Zentrum außerdem das Projekt „Blindes Vertrauen - Versteckt am Hackeschen Markt". In den original erhaltenen Räu­men der Blindenwerkstatt von Otto Weidt wird in einer Ausstellung gezeigt, wie jüdischen Mitmenschen Schutz und Hilfe gegeben wurde.

Im Zentrum arbeiten vier Mitarbei­terinnen, es ist ein kleines eingeschwo­renes Team. Die Arbeit hier ist sehr viel­fältig und erfordert eine Menge Sponta­neität und Engagement. Eine meiner Aufgaben ist es, die Wanderausstellung in den neuen Bundesländern zum Ein­satz zu bringen. Das bedeutet Kontakte herstellen, Briefe schreiben, telefonie­ren, bis es zu einem Ausstellungsvertrag kommt. Weiters bin ich für die technische Betreuung der Ausstellung, die Schulung der Ausstellungsbetreuerin­nen am Ausstellungsort und für die Eröffnungsveranstaltung verantwortlich. Das Interessante daran, man lernt Deutschland und seine verschiedenen Mentalitäten kennen.

Weiters betreue ich im Zentrum un­sere neue Homepage und die Biblio­thek. In Zukunft soll es hier auch „Mitt­wochstreffen" geben, ganz im Sinne des Gedenkdienstes in Wien, um auch den Ehrenamtlichen Zeit und Raum für eine Auseinandersetzung rund um Anne Frank zu ermöglichen. In all diesen Vor­haben genieße ich volles Vertrauen und Unterstützung der Mitarbeiterinnen, im besonderen von Thomas Heppener, dem Geschäftsführer des Zentrums.

Ich hatte Ende September die Möglichkeit, bei der Eröffnung des neuen An­ne Frank Hauses in Amsterdam anwe­send zu sein. Dort konnte ich sehen, mit welcher Professionalität dieses Haus ar­beitet - dennoch wirft es die Frage auf, wie man mit dem Mythos „Anne Frank" umgehen kann oder soll ohne sich dabei in die Gefahr eines kommerziellen Ge­schäftes zu bringen. Dem Anne Frank Zentrum in Berlin wird das nicht so schnell passieren, denn hier ist die fi­nanzielle Situation eher schwierig. So sind wir finanziell von der „Vermietung" unserer Ausstellung abhängig und er­halten bis heute keinerlei regelmäßige Finanzierung. Für verschiedene Projek­te gibt es Zuschüsse aus Stiftungen, die diese überhaupt erst ermöglichen. Je­doch stellt uns das oft vor die Tatsache, für viele andere Ideen kein geld zu haben. Es ist sehr belastend, stets den fi­nanziellen Aspekt im Hinterkopf haben zu müssen.

Diese „Haltlosigkeit" ist vielleicht ein schöner Übergang, um auf die Stadt Berlin einzugehen. Eine Stadt mit allen Möglichkeiten und allen Unmöglichkei­ten. Berlin zu beschreiben fällt mir ziem­lich schwer. Eines ist jedoch sicher: Die Stadt ist riesig, und genau das würde ich sagen, macht sie so atemlos. Berlin zu kennen ist keine Angelegenheit von 14 Monaten und so sage ich „Kiek ma mal".

 

Zwei Vergangenheiten der Stadt und ihrer Menschen

 

Was mich sehr fasziniert, dessen war ich mir bisher nie so bewußt, ist der Ge­gensatz zwischen dem ehemaligen Osten und dem ehemaligen Westen. Weniger die bauliche infrastrukturelle Unterscheidung als die in den Köpfen. Der Unterschied, die andere Vergan­genheit läßt sich nicht durch das Nieder­reißen einer Mauer und der damit ver­bundenen Wiederbebauung sozusagen verbauen, sondern ist da und beinahe fast täglich Thema. Berlin zu beschrei­ben ist schwierig, ich denke man muß es erleben, denn es lebt vom Leben.

Zuletzt möchte ich dem Verein Ge­denkdienst danken, denn ohne das En­gagement ihrer Mitarbeiterinnen wäre diese wichtige Arbeit hier nicht möglich. Und möchte Euch ermutigen, weiterhin eine kritische Stimme in diesem Öster­reich zu sein.

 

Anne Frank Zentrum Berlin

Oranienburgerstraße 26

D-10 117 Berlin

tel +49/30/30 87 29 88

kerschischnik(at)annefrankde

 

Ingo Kerschischnik