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Ausgabe 3/99


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Kriegerdenkmäler und Holocaust-Mahnmale

Zeichen eines von Kriegen dominierten Jahrhunderts

 

Kurt Tucholsky hatte davon geträumt, ein Denkmal für den „unbekannten Pazi­fisten" zu errichten. Als Inschrift schlug er vor „Hier lebte ein Mann, der sich gewei­gert hat, auf seine Mitmenschen zu schießen. Ehre seinem Andenken".

Mit den vorherrschenden Denk­malstypen im 20. Jh. - dem Krieger­denkmal und dem (Holocaust)-Mahnmal - beschäftigt sich Biljana Menkovic in ihrem Buch „Politische Gedenkkultur". Menkovic fragt nach der jeweiligen ge­sellschaftlichen Funktion der Denkmäler.

Das Kriegerdenkmal ist Ausdruck von Nationalstolz, Heldentum, Glorifizierung des Krieges, Mystifizierung des Solda­tentodes und damit von „Ästhetisierung des Massenmordes und des Mas­sensterbens". Es wurde noch dem Ende des 2. Weltkriegs abgelöst von den Mahnmalen, den „Anti-Denkmäler", die alle­samt eine durch die Erfahrung der bei­den Weltkriege pazifistische Grundhal­tung voraussetzen. Denkmäler sagen viel über die Zeit, in der sie errichtet wer­den. Die Kriegerdenkmäler am Anfang unseres Jahrhunderts kritisierten den Krieg nicht als ein bestialisches Verbre­chen an die Menschheit. Vielmehr wur­den die „Opfer" (d. h. die gefallenen Sol­daten) des Krieges heroisiert und zu Volkshelden stilisiert. Die nationalsozialistische Propagan­da setzte die Kriegerdenkmäler des 1. Weltkriegs bei Mahnwachen und ok­kulten Totenfeiern ein, um das kriegeri­sche Element des Deutschen Reiches zu glorifizieren und damit den Weg in

den 2. Weltkrieg vorzubereiten. Der An­schluß Österreichs an das Deutsche Reich wurde in den meisten österreichi­schen Ortschaften bei einem mit Haken­kreuzfahnen geschmückten Krieger­denkmal des I.Weltkriegs feierlich be­gangen. (1935 wurde in Deutschland die Entfernung der Namen von jüdischen Gefallenen von den Kriegerdenkmälern verordnet.) Die Denkmäler nach dem 2.Weltkrieg standen in einem ganz an­deren politischen Kontext. Zwar feierten sich die Alliierten in ihren Denkmälern als Befreier Europas vom Faschismus, doch stand hinter allen Denkmälern die Devi­se „Nie wieder Krieg", die vor allem in den Inschriften zum Ausdruck kam.

 

Politisches Reizthema Denkmal

 

In Österreich wurde der Gefallenen des 2.Weltkriegs meist dadurch gedacht, indem ihre Namen auf den schon vor­handenen Kriegerdenkmälern des I.Weltkriegs hinzugefügt wurden. Gleichzeitig entstanden Denkmäler und Gedenkstätten für die Opfer des NS-Re-gimes. Ehemalige Konzentrationslager wurden in Gedenkstätten und Museen mit oftmals großen „Denkmalparks" um­gewandelt. Erst in jüngster Zeit werden auch auf öffentlichen Plätzen in Öster­reich und Deutschland Holocaust-Mahn­male errichtet. Die interessantesten Aspekte eines Denkmals sind heute oft die politischen Diskussionen über ihre

Errichtung bzw. ihren Sturz. Lokale Bei­spiele dafür sind Rachel Whiteheads Ho­locaustmahnmal am Wiener Judenplatz oder, im Gegensatz dazu, der Sieg­friedskopf in der Eingangshalle der Wie­ner Universität.

Biljana Menkovic hat sich in ihrem Buch hauptsächlich auf die Denkmalkul­tur im Österreich und Deutschland des 20. Jh.s konzentriert. Sie stellt in wissen­schaftlicher Weise die Frage, ob das Denkmal noch eine zeitgemäße Form der Erinnerung ist und deutet die in jüng­ster Zeit auftretende Meinung vom „Ende des Denkmals" an. (Was nicht Ende des Gedenkens und Erinnerns heißen soll). Sie zeigt uns, für welche politischen Zwecke Denkmäler instrumentalisiert werden. Ein weiteres Thema sind künst­lerische Ausdrucksformen und Stilele­mente von Denkmälern.

An Denkmälern kann man vorbeige­hen, man kann sie ignorieren, man kann dort nationale politische Feiern abhalten, man kann bei ihnen Fahnen hochziehen oder Kränze niederlegen, man kann sich über ihre künstlerische Gestaltung aufre­gen ... ganz sicher kann man sich nicht ihrer gesellschaftspolitischen Intention entziehen.

 

Biljana Menkovics, Politische Gedenkkultur.

Denkmäler - Die Visualisierung politischer Macht im

öffentlichen Raum (Hg. A. Pelinka/H. Reintaler),

Verlag Braumüller, 182 Seiten.

 

Gerhard Moßhammer

Anmerkung des GD-Büros: Gegenüber dem Printext wurde entsprechend eines Leserbriefs des Autors in der Ausgabe 4/99 eine geringfügige Textänderung in einem Satz vorgenommen. (JE)