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Ausgabe 3/99


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In Westerbork wurde nicht geschlagen, gemordet

„Polizeiliches Judendurchgangslager" als Zwischenstation zum „Arbeitseinsatz im Osten"

 

Als am 15. Juli 1942 das im Nord­osten der Niederlande gelegene „Poli­zeiliche Judendurchgangslager Wester­bork" seinen Betrieb aufnahm, ahnte niemand der etwa 1.500 deutsch-jüdi­schen Insassen, daß innerhalb der nächsten beiden Jahre rund 100.000 Menschen, vor allem niederländische Juden, in die NS-Vernichtungslager So-bibor und Auschwitz sowie einige weni­ge in die KZs Theresienstadt und Ber-gen-Belsen geschickt und bis auf 5.000 alle ermordet werden würden. Schließ­lich kam mensch offiziell ja zum „polizei­lichen Arbeitseinsatz in den Osten" und deswegen mußte Westerbork auch als Zwischenstation reibungslos funktionie­ren. Daß es das tat und insgesamt drei­viertel der niederländischen Juden „im Osten" ermordet wurden - der höchste Prozentsatz in allen vom NS besetzten westlichen Staaten - lag u. a. auch am gut funktionierenden Ablauf der Trans­portmaschinerie, deren wesentlicher Be­standteil die erzwungene Mitarbeit jüdi­scher Flüchtlinge bei der Registrierung, der Lageradministration, der Erstellung der Transportlisten und im Lageralltag war. Außerdem spielte der kulturelle Ge­gensatz zwischen den deutschen und österreichischen Juden, die die Lagere­lite stellten, und den niederländischen Juden, die als Lagerproletariat ohne Sperrstempel sogenanntes „Transport­material" waren, den Nazis in die Hände.

 

Ein Ort der Gegensätze

 

In Westerbork wurde nicht geschla­gen und gemordet, die Leute starben nicht an Hunger oder schwerer Arbeit. Es waren nur wenige SS-Leute anwesend, die sich kaum im Lager sehen ließen. Die Lagerbewachung übernahmen nie­derländische Gendarmen. Das Durch­gangslager war ein Ort der Gegensätze, es war die größte „jüdische Stadt" mit bis zu 17.000 Einwohnern, einem hervorra­genden Krankenhaus mit 120 Ärzten, über 1000 Pflegerinnen und 1700 Bet­ten, ausgezeichneten Kabarett- und Re­vuevorstellungen der Berliner Künstler Max Ehrlich und Willi Rosen, dem jüdi­schen Lagerfotografen Breslauer, der 1944 einen Film über den Lageralltag gemacht hatte, um die Arbeitsbedeutung des Lagers zu demonstrieren, einer Schule, einem Waisenhaus, einem re­gen religiösen Leben, es wurde geheira­tet und Kinder wurden geboren, es wur­de viel gestohlen - in der Lagersprache ,organisiert' - und an fehlender Privats­phäre gelitten. Es gab Zwangsarbeit im Lager für die deutsche Rüstungsindu­strie, die aus Flugzeug- und Metallver­wertung bestand.

Für den Lageralltag bestimmend war aber der fast jeden Dienstag aus dem Lager weggehende Zug mit seinen Viehwaggons. Mensch versuchte bis knapp vor dem Transport Freistellungen zu be­kommen aufgrund kriegswichtiger Ar­beit, Beziehungen oder der Zugehörig­keit zu einer bestimmten Gruppe wie et­wa der der getauften Juden. Allerdings „platzten" letztendlich alle Listen und dann mußten auch diese Personen auf Transport. Als Westerbork am 12. April 1945 von kanadischen Soldaten befreit wurde, waren nur noch 876 größtenteils niederländische Juden im Lager.

Die Geschichte des Lagers Wester­bork geht nach 1945 noch weiter. Zunächst war es für drei Jahre ein Inter-nierungslager für niederländische Nazis, NSBer, danach ein Auffanglager für Sol­daten der niederländischen Armee und deren Familien aus der seit 1949 unabhängigen Kolonie Indonesien, nach 1951 wurden indonesische Flüchtlinge dort untergebracht. Die Baracken blie­ben dann auch bis zum Abbruch des La­gers 1971 in Verwendung.

1970 wurde am Lagergelände das „Nationale Monument", zum Himmel ge­richtete Eisenbahnschienen, vom Ex-In­sassen und Künstler Ralph Prins ge­baut. 1983 wurde dann mit Regierungs­geld in der Nähe des Geländes das He-rinneringscentrum Kamp Westerbork (HCKW) als Museum errichtet. Im Lauf der Jahre wurde es weiter ausgebaut und bekam pädagogische Aufgaben da­zu. In den 90ern wurden am Lager­gelände mit kleinen Erdhaufen einige Baracken angedeutet, Stacheldrahtzaun nachgebaut und schließlich ein zweites Monument errichtet: 102.000 rote Steine unterschiedlicher Höhe auf einer Land­karte der Niederlande. Jeder Stein sym­bolisiert eine/n aus aus den Niederlan­den deportierte/n und ermordete/n Jü­din/Juden.

Heute ist das HCKW in einem neuen Gebäude (April 1999 eröffnet) unterge­bracht und beschäftigt ca. 15 bezahlte Mitarbeiterinnen und 35 Freiwillige aller Altersstufen. Eine wesentliche Aufgabe des HCKWs ist es, Anlaufstelle für An­fragen bezüglich Angehöriger ermorde­ter Juden zu sein und mit den Überle­benden im Kontakt zu bleiben. Außer­dem werden öffentliche Lesungen von Überlebenden organisiert und Intervie­ws gemacht. Gruppen und Schulklassen können Führungen am Lagergelände und im Museum bekommen.

Am 15. Juli 1999 habe ich im HCKW meinen Gedenkdienst begonnen und seitdem ein ASF (Aktion Sühnezeichen und Friedensdienst)-Sommerlager mit­gemacht (Renovierungsarbeiten an den

Monumenten), Interviews ins Deutsche übersetzt, mich in die Materie eingele­sen, an der Rezeption gestanden, die deutschsprachige Korrespondenz erle­digt, und demnächst werde ich ein er­stes Interview mit einem Überlebenden führen. In Zukunft kommen Kontaktauf­nahme mit überlebenden österreichi­schen Juden, Führungen und kleinere historische Forschungsprojekte dazu.

Als erster Gedenkdienstleistender hier habe ich im HCKW viele Möglich­keiten, Ideen einzubringen und Projekte zu initiieren. Abgesehen davon ist im übrigen mein Wohnort Groningen, das Global Village des Nordens, bestimmt nicht die langweiligste Stadt, eh, rein wissenschaftlich gesehen, natürlich!

 

Thomas Mayer