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Ausgabe 4/99


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Kommentar und Editorial

Kommentar

Entweder man ist Österreicher, oder man wird es so schnell nicht!

In den letzten Wochen und Monaten feierte das Österrei-chertum eine erneute Blütezeit. Von „echten Österreichern" war die Rede, Menschen, die schon längere Zeit die österreichische Staatsbürgerschaft besitzen, wurden hingegen als Ausländer bezeichnet. Augenfällig war, wie wenig diesem Blut-und-Boden-Nationskonzept entgegengehalten werden konnte: Seit im Austrofaschismus der Deutschnationalismus mit katholischen und autoritären Elementen zu einer Art Identität verschmolzen wurde, die man nicht erwerben kann, die aber gleichzeitig den Österreicher als Staatsangehörigen definiert, wurde kein wirkliches Gegenkonzept entwickelt.

Entweder man ist Österreicher, Angehöriger dieser „Kulturnation", wie man heute sagt, oder man wird es nicht so schnell. Da nützt auch keine Sprachkenntnis, Deutsche benötigen ja manchmal sogar länger, und ein Nigerianer kann nie Österreicher werden. Wieviele sich durch diese Identität angesprochen fühlen, zeigen auch die letzten Wah­len. Wie stark die Kontinuitäten sind, macht folgende Losung

deutlich, die Dollfuß formulierte: „Es gilt Österreichs braves und tüchtiges Volk aus Entbehrungen und höchsten Gefahren zu retten. Folgt uns.", so der von seinen Verehrern als „Erneuerer Österreichs" bezeichnete Diktator. Die Analogien zu Jörg Haiders „Anständigen und Fleißigen" sind offensichtlich. Selbst die „Demokratische Offensive", als profilierte Gegenbewegung zu diesen Tendenzen hatte in manchen Diskussionen Schwierigkeiten, sich von Fragen nach den „echten Österreichern" zu distanzieren; schließlich war ihr erster Aufruf auch mit „Wir sind Österreich" unterzeichnet -und um das „Wir" wurde gefeilscht.

Josef Teichmann

Mathematiker, Mitarbeiter von Gedenkdienst Wien, derzeit Zivildienstleistender bei ESRA.

Editorial

Liebe Leserin! Lieber Leser!

Jahreswechsel sind Anlaß, Bilanz zu ziehen. Gedenkdienst kann auf ein gelungenes Jahr 1999 zurückblicken: Die institutionellen Kontakte wurden auf allen Ebenen ausgebaut, der Service sowohl für die Gedenkdienstleistenden als auch für Interessentinnen verbessert. Nicht zuletzt die zahlreichen Einladungen zu Tagungen, internationalen Veranstaltungen und Ausstellungen sind ein Indiz dafür, daß Gedenkdienst die Früchte für konsequente und seriöse Arbeit nun erntet.

Die erfreuliche Resonanz auf das Engagement von Gedenkdienst insgesamt darf jedoch nicht über die bedenkliche innenpolitische Situation hinwegtäuschen, in der sich Österreich nicht erst seit der letzten Wahl befindet. Eine Partei, die mit einer bewußt diffusen Geschichtsauffassung über ein Viertel der österreichischen Wählerinnen hinter sich versammeln kann, spiegelt auch die breite gesellschaftliche Ablehnung wider, die wir mit unserer Art der politischen Betätigung auslösen. Unser Versuch, auf das komplexe Thema Nationalsozialismus fundierte Antworten zu finden, stößt natürlich gerade bei den Politikerlnnnen auf Widerstand, die fast selbstverständlich die Wahrheit verkürzen und verdrehen.

Gezielte und vor allem langfristige Aktionen gegen den latenten Antisemitismus in unserer Gesellschaft sind mehr denn je notwendig. Solange aber keine entscheidende politische Weichenstellung für eine massive Unterstützung von Projekten wie Gedenkdienst erfolgt, solange wird unser En­gagement nur ein Tropfen auf dem heißen Stein bleiben. Die nächsten Jahre werden zeigen, ob die Politik den Mut besitzt, dieses Potential aufzugreifen, oder ob es wie bisher nur bei der akuten Brandbekämpfung bleibt.

Herzlichst

Sascha Kellner

Obmann Verein GEDENKDIENST