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Ausgabe 4/99


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„Das wollen wir nicht!"

Interview mit Ariel Muzicant, Präsident der IKG Wien

 

Dr. Ariel Muzicant ist in Haifa, Israel geboren. 1956 übersiedelte Dr. Muzicant nach Wien und studierte hier Medizin. Beruflich ist er seit 23 Jahren als Immobilienmakler tätig. Seit 1970 hatte Dr. Muzicant verschiedene Funktionen in der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG) inne, seit 1981 war er deren Vizepräsident. Seit 1998 ist Dr. Muzi­cant Präsident der IKG Wien. Das telefonische Interview vom 14. 12. 1999 führte Josef Teichmann, Gedenkdienstmitarbeiter in Wien.

 

GEDENKDIENST: Wie beurteilen Sie die Auswirkungen der Demonstration am 12. November 1999 „Keine Koalition mit dem Rassismus" in der österreichischen politischen Landschaft?

 

Muzicant: Ich glaube, es war ein wichtiges Signal und eine deutliche Demonstration von Menschen aus den verschiedenen Schichten der Bevölkerung, die eben aufgestanden sind und gesagt haben: „Das wollen wir nicht!"

 

GEDENKDIENST: Sie haben vor der Demonstration die Linie vertreten, daß man im Vorfeld niemanden von der Demonstration ausschließen sollte, auch diejenigen nicht, die bisher eine Politik vertreten haben, die nicht mit den Zielen vereinbar ist. Hatten Sie keine Angst vor Vereinnahmungen?

 

Muzicant: Vereinnahmung gehört im üblichen politischen Spiel dazu, die Gefahr besteht immer. Ich habe aber laut und deutlich gesagt, daß ich kein Problem habe, wenn Sozialdemokratinnen oder der Herr Schlögl dorthin gehen. Ich habe auch demonstrativ mit vielen im Vorfeld gesprochen, ob das mit der Frau Ederer war oder mit anderen. Ich glaube, jeder der dorthin gegangen ist, hat das als eine ehrliche Geste gesetzt und ich hoffe, daß das so gesehen wird. Ich halte nichts von Spaltereien in dieser Situation, die Lage ist viel zu ernst.

 

GEDENKDIENST: Nun gibt es aber in Österreich eine Tradition der Umarmungen, die eine Bewegung schließlich erdrücken und aufsaugen, wie es zum Beispiel beim Lichtermeer durch die SPÖ passiert ist.

 

Muzicant: Ja, das ist ein Negativbeispiel, man kann aber aus Fehlern lernen.

 

GEDENKDIENST: Sind Sie desillusioniert über die Entwicklungen in Österreich in den letzten Jahren oder sehen Sie die gesellschaftliche Polarisierung als ersten Schritt zu einer profunden Bekämpfung der xenophoben Tendenzen?

 

Muzicant: Ich bin weder desillusioniert noch bin ich besonders glücklich. Ich bin Realist genug um zu wissen, daß das ein langer, schwieriger Prozeß ist, um die Sache zum Besten zu bringen.

 

GEDENKDIENST: Österreich hat sich selbst über Jahrzehnte hinweg als Land dargestellt, wo xenophobe Haltungen offiziell abgelehnt werden, obwohl diese Haltungen von Politikerinnen wie vom Großteil der Bevölkerung vertreten worden sind. Jetzt sind diese Haltungen Gegenstand von Wahlkämpfen.

 

Muzicant: Diese Haltungen waren eigentlich immer an der politischen Oberfläche, aber ich bin trotzdem Optimist, daß wir den schwierigen Weg werden gehen können.

 

GEDENKDIENST: Wo sehen Sie die Ursachen für diese Haltungen in der österreichischen Bevölkerung und wie könnte man dagegen vorgehen?

 

Muzicant: Ein ganz wesentlicher Faktor ist die kurze Demokratisierungsphase, nämlich erst seit 1955.

Es fehlt uns also an demokratischer Praxis, die Festigung ist nicht vergleichbar mit anderen Ländern, wo es eine viel weiter zurückreichende Tradition gibt. Ein weiterer Faktor ist das Ende der Donaumonarchie, wodurch ein bis heute wirksamer Minderwertigkeitskomplex entstanden ist.

 

GEDENKDIENST: Ein wesentlicher Teil der österreichischen Selbstsicht ist auch, daß man sehr schwer Österreicher werden kann. Nach Ansicht eines Großteils der Bevölkerung wird ein Afrikaner auch durch die Staatsbürgerschaft nicht Österreicher.

 

Muzicant: Das hat die jüdische Bevölkerung vor hundert Jahren auch betroffen. Ich glaube aber, daß sich in den letzten 20 Jahren diesbezüglich einiges zum Besseren verändert hat. Wenn ich manchmal den Minderwertigkeitskomplex von Österreicherinnen im Ausland beobachte, so gibt es hier doch auch einiges was besser ist, als man glaubt.

 

GEDENKDIENST: Wir danken für das Gespräch.