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Ausgabe 4/99


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Dollfuß - ein auffrisierter Diktator

Eine Stunde südwestlich von Wien befindet sich das „Dr. Dollfuß Museum" in Texing, Niederösterreich. Es handelt sich, einer Broschüre folgend, um ein „Kulturdenkmal unseres großen Sohnes und Vordenkers" und befindet sich im Geburtshaus von Engelbert Dollfuß. Uns wurde es von einer betagten, sehr freundlichen Dame nach ihrer Rückkehr vom feiertäglichen Meßbesuch extra aufgesperrt, da es nur zwischen den beiden österreichischen Feiertagen I.Mai und 26. Oktober geöffnet hält.

Die vier Räume sind durch „Kindheit und Jugend", „Student, Soldat, Agrar-fachmann", „Der Bundeskanzler" und „Gedenken an Bundeskanzler Dr. Engelbert Dollfuß" überschrieben. Das von der Größe her auffälligste Exponat ist der Uniformrock der k. u. k. Armee aus dem Ersten Weltkrieg, das mit Abstand originellste eine Schatulle mit Erde von seinem Grab am Hietzinger Friedhof. Das amüsanteste Photo stammt aus der Schulzeit: Dollfuß mit bemerkenswert hochfrisierten Haaren zur Aufbesserung der Körpergröße. Der empörendste Teil ist die völlige Verharmlosung der gewaltsamen Vorgänge der Jahre 1933-34. Zwischen diesen Stücken ist das feingewobene Universum einer „österreichischen Biographie" gespannt, von der unehelichen Geburt bis zum märtyrerhaften Tod, Österreich als Religion mit bürokratischen Formeln als Gebeten.

Es gibt viele Spuren, denen man in dieser Ausstellung folgen könnte, aber Themen wie Beamtendisziplin, der allgegenwärtige Katholizismus sowie die Darstellung von Macht und Gewalt sind entscheidend. Diese Fäden sind schwerwiegender als die unzähligen zeithistorischen Auslassungen und Fehler, weil sie charakteristisch für heute

noch weitverbreitete Weltanschauungen sind. Die Beamtendisziplin, das Prinzip der Legitimität, dem sich auch Engelbert Dollfuß als eine Art erster Beamter unterordnete, taucht von der Geburt am 4. Oktober 1892 in Texing bis zum gewaltsamen Tod am 25. Juli 1934 in Folge eines nationalsozialistischen Attentates immer wieder auf: Die Bestätigung der Alimentationsverpflichtung zugunsten der Mutter Josefa Dollfuß eröffnet den Reigen amtlicher Dokumente und zeigt, wie selbst das Schicksal, unehelich geboren zu sein, in geordnete Bahnen gelenkt werden konnte. Die soldatischen Fähigkeiten werden in einer Art Führungszeugnis bestätigt, das dem freiwillig eingerückten Soldaten an der Südfront ausgestellt wurde. Dort begann auch die Liebe zur Uniform der Tiroler Kaiserjäger, die Engelbert Dollfuß später gerne trug. Dazu gibt es natürlich eine amtliche Erlaubnis einer militärischen Behörde an den bereits regierenden Diktator. Schließlich bestätigt ein Zertifikat die Echtheit der in der Schatulle befindlichen Erde von seinem Grab.

Die ordnungsstiftende Macht, die von Beginn seines Lebens bis über seinen Tod hinaus die Abläufe regulierte, ist der Katholizismus: Vom katholischen Knabenseminar in Hollabrunn über die Aktivität in katholischen Studentenverbindungen als Jusstudent bis zum Deuschen Katholikentag in Wien, die Unterzeichnung des Konkordates in Rom und die Grundsteinlegung der Engelbert-Kirche auf der Hohen Wand - die katholische Kirche ist allgegenwärtig. Er, der Diktator unter dem Kruckenkreuz, der Österreich wie ein Vater liebte, ist aufgehoben und geleitet von katholischer Seite. Das bestimmende Vatermotiv wird durch einige Familienaufnahmen des

Vaters Engelbert Dollfuß abgerundet. Engelbert Dollfuß ein liebender, aber

auch strenger Vater seines österreichischen Volkes: die Etablierung einer autoritären Diktatur, der Einsatz des Bundesheeres gegen linke Gruppen, das Lager Wöllersdorf, all das wird als zwangsläufig und folgerichtig, als hart aber notwendig dargestellt, um dem Nationalsozialismus entgegenzutreten, eigentlich aber um in Österreich in der Bekämpfung linker Kräfte erfolgreicher zu sein als der Nationalsozialismus und ein österreichisches autoritäres System zu errichten. Die Ausstellung versucht an keinem Punkt, die paternalistische Ideologie, die auch die austrofaschistische Selbstsicht war, zu brechen oder zu kritisieren. Alle verwendeten Dokumente hätten so auch in der Zeit des Austrofaschismus gezeigt werden können.

Konsequenterweise endet die Präsentation mit der Darstellung einer beginnenden Verehrung: Gedenkveranstaltungen, Totenmaske und Büsten, von „engagierten" Bürgern gerettete Darstellungen des Märtyrers für Österreich, auch einige Devotionalien, bekannt aus Wallfahrtsorten. Seine geringe Körpergröße, sein linkisches Auftreten, seine Mißerfolge werden zu liebenswerten Haltungen und schließlich zu persönlicher Tragik uminterpretiert; was bleiben soll ist eine Ikone.

Diese Ausstellung wurde übrigens von Dr. Karl Gutkas, Historiker und Universitätsprofessorin Wien, kuratiert, und vom niederösterreichischen Landeshauptmann Erwin Pröll 1998 eröffnet.

Sepp Teichmann

Gedenkdienstmitarbeiter, derzeit Zivildienstleistender bei ESRA in Wien