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Ausgabe 4/99


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Zeichen einer Identitätskrise

Suche des „Ständestaates" nach sichtbaren Symbolen eines selbständigen Österreichs

 

Die Frage, was denn nun „österreichisch" sei, wurde im „Ständestaat" zum existentiellen Problem. Die Suche nach einer Eigendefinition als Staat, aber auch nach einer austrofaschistischen Ideologie fand ihren Niederschlag in nationalen Symbolen und in der Kunst. Sie bildeten die Transportmedien einer Selbstdarstellung gleichermaßen nach innen wie auch nach außen.

Bedrängt vom anschlußwilligen Nationalsozialimus, im Kampf gegen die Sozialdemokratie und auf der Suche nach einer Legitimation für die Demontage der jungen Demokratie suchten die Machthaber des „Ständestaates" nach einer Definition für Österreich, für das „Österreichische" an sich. Nichts Neues - forderte doch schon nach dem Zerfall der k. u. k. Monarchie die Etablierung der neuen Republik, aus damaliger Sicht, Berechtigungsnachweise. Neu war aber, mit welcher Vehemenz der „Ständestaat" nach Antworten suchte, die er auch mit den Möglichkeiten eines autoritären Regimes dem Volk zu vermittelten suchte. Bemüht wurden - in unterschiedlichem Maße - nationale Staatssymbole, Literatur und Kunst, um die Botschaft zu transportieren.

 

Symbole

 

Die beiden Hauptsymbole waren der Doppeladler und das Kruckenkreuz. Er-sterer schon in der Monarchie in Verwendung, letzteres als nationales Emblem für Österreich neu. Entschlüsselt

Man sie, so eröffnet sich der Blick auf ein Gedankengut, das primär von der Utopie der Revitalisierung teilweise längst vergangener Strukturen zehrte. Der Doppeladler als Zeichen    des Habsburgerreiches stammt   eigentlich aus dem Symbolrepertoire des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation", das 1806 zu bestehen aufgehört hatte. Im Austrofaschismus wurde immer betont, daß die Republik sowohl österreichisch als auch deutsch sei. Gerade hier schieden sich aber auch innerhalb der Partei die Geister, wie deutsch man sei und ob dies Anschluß an Deutschland bedeute oder nicht. Das ehemalige „Deutsche Reich" bot die Möglichkeit der Interpretation eines föderalistischen Deutschlands. Man war deutsch, aber mit eigenem „Stammesbewußtsein". Einige Ideologen verstiegen sich sogar zur These, daß Österreich als altes Bollwerk gegen die Osmanen Kultur-bringer zu den Slawen (Tschechen, Slowenen usw.) und als Hort der Gegenreformation das bessere Deutschland sei. Hier wurden nun zwei besondere Elemente angesprochen. Die kulturelle Größe ersetzte nun die verlorene politische Größe der Monarchie. Man stilisierte Österreich zur „Kulturnation" - ein Begriff, der heute noch gerne verwendet wird. Dies hat nicht verhindert, daß eine kulturelle Verarmung, bedingt durch die Bevorzugung einer offiziell genehmen Kunstszene, die „Kulturnation" prägte.

Die zweite Komponente war der Aspekt des Christlichen, dem mehr als allem anderen bedeutung beigemessen wurde. So erhielt Österreich in bewusster Abkehr von demokratischen Gepflogenheiten eine Verfassung „Im Namen Gottes, des Allmächtigen, von dem alles Recht ausgeht“ Die Führer des Ständstaates strebten eine Wiederverchristlichung an, die in alle Bereiche des Lebens eingriff. So bedeutete Österreicher zu sein katholisch zu sein - nicht einfach nur christlich. Daß es in Deutschland mehrere christliche Kirchen gab, wurde in radikaleren Kreisen als weiterer Beweis der österreichischen Überlegenheit gewertet. Dementsprechend wurden dem Mittelalter und dem Barock als Triumph der Gegenreformation besondere Ehre zuteil.

Religiösen Ursprungs ist auch das Kruckenkreuz, Dieses steht allerdings im Spannungsfeld: nationales Symbol -christliches Zeichen - Nachahmung des Hakenkreuzes. Als Emblem der Kirche war es Teil der mitteralterlichen Kreuzzüge, demgemäß Feldzeichen agressi-ver Vernichtung des Heidentums. Nun galt der Kampf dem Bolschewismus und dem Nationalsozialismus. Antisemitische Strömungen erhielten weiteren Aufschwung und wurden auch zur Gewinnung von Wählerstimmen, die man an die Nationalsozialisten verloren hatte, benutzt. Der Kirche wurde wieder politische Einflußnahme zugebilligt. Die Lücke, die durch das Verbot und der Behinderung sozialdemokratischer Einrichtungen, wie zum Beispiel in der Erwachsenenbildung, entstand, sollten Kirche und Staat gemeinsam füllen.

Nationales Symbolgut wurde in dieser Zeit auch ein Detail des Doppeladlers, der rot-weiß-rote Bindenschild. Dieser stellt einen Rückgriff auf die Ba-benberger dar, die sich in mehrfacher Hinsicht für die staatliche Ideologie anboten. Zum einen wurde auf eine lange österreichische Staatsentwicklung verwiesen, zum anderen auf die Bollwerkfunktion der Ostmark gegen alles Unchristliche und Undeutsche. Praktischerweise konnte man auch noch auf eine erste kulturelle Blüte verweisen und dem Herrschergeschlecht eine besonders christliche Gesinnung, wie am Beispiel Leopolds III., den Heiligen, bescheinigen.

Manche Vorstellungen des „Ständestaates" deckten sich mit jenen der Nationalsozialisten - so die romantisierende Hinwendung zu einer Agrargesellschaft, wie sie seit Beginn der Industriellen Revolution nicht mehr bestand und die es bei realistischer Einschätzung der tatsächlichen Lebensbedingungen nie gegeben hatte.

 

Kunst

 

Eine Ideologie wie die zuvor skizzierte war nicht willens, eine freie Kunst zuzulassen. Durch gezielte Förderung eines „offiziellen" Kunstgeschmacks wurde das Bild der Ausstellungen und Kunstzeitschriften bestimmt. Dies im Sinne der „gesunden Gefühlsregungen des Volkes". Zwar vermieden hohe Stellen ein allzu aggressives Vokabular, doch Kulturorganisationen im Rahmen der Vaterländischen Front verzichteten keineswegs darauf, vom „Kulturbolschewismus", von „Entartung" oder anderen Feindbildern zu sprechen - eine Terminologie, die frappant der des Nationalsozialismus ähnelte.

Die Künstler, die sich nicht anpassen wollten, gingen ins Exil oder wählten die innere Emigration in eine „künstlerische Idylle". Eine Auseinandersetzung mit den Zuständen in der Republik wurde vermieden, man wich auf unpolitische Themen aus. Eine Haltung, die auch nach dem Anschluß eingenommen wurde. Österreichs Künstler brachten wenig Kritikfähigkeit auf, zogen die Anpassung dem Widerstand vor.

Der Geschmack und das Gedankengut des „Ständestaates" forderte von der Malerei Patriotisches und Rustikales, wobei besonders österreichisches Lokalkolorit erwünscht war. In der Architektur wurde vor allem der Kirchenbau gefördert, unter anderem im Zuge der Dollfuß-Verehrung die Seipel-Dollfuß-Ge-dächtniskirche, aber auch in Hinblick auf den Fremdenverkehr und das internationale Prestige der Straßenbau, so die Großglockner-Hochalpenstraße. In der Skulptur wandte man sich ebenfalls dem Religiösen zu, da die neuen Kirchen ausgestaltet werden mußten Ein Auf trag auch an das Kunstgewerbe, dessen Schulen nun spezielle Kurse anboten.

Noch heute ein künstlerisches Zeichen jener zeit ist das Heldendenkmal in Wien. umgestaltet wurde das Burgtor vom Architekten Rudolf Wondracek. Oberhalb der Durchfahrt entstand, über zwei seitliche Monumentaltreppen zu erreichen, eine nach oben offene Ehrenhalle. An der Stirnseite wurde ein riesiger Lorbeerkranz aus Kupfer angebracht, gegenüber der alte kaiserliche Doppeladler und an den anderen Wänden 24 Soldatentypen in Steinschnitttechnik von Herbert Dimel und Leopold Schmid gestaltet. eingeweiht wurde dieses Denkmal „weihevoller Erinnerung an den Ruhm der alten österreichischen Waffen über soviele Jahrhunderte hinaus" am 9. September 1934. Die Zweite Republik wandelte den linken Flügel in einen „Weiheraum für die Opfer im Kampfe um Österreichs Freiheit" um, auf diese Weise Austrofaschismus und Widerstand gegen Faschismus und Diktatur vereinend. Vielleicht auch ein Symbol, wie leicht es sich mit beiden gemeinsam leben läßt.

Markus Helmut Lenhart

studiert Kunstgeschichte und Geschichte, Gedenkdienstmitarbeiter in Graz

 

Literatur

 

Friedrich Heer, Der Kampf um die österreichische Identität, Wien (2)1996. Norbert Leser/Manfred Wagner (Hg.), Österreichs politische Symbole. Historisch, ästhetisch und ideologiekritisch beleuchtet, Wien 1994 (= Schriftenreihe des Ludwig-Boltzmann-Instituts für Neuere Österreichische Geistesgeschichte, Bd. 6). Irene Reithner, Das Religiöse in der Kärntner Malerei und Grafik der Zwischenkriegszeit, masch. phil. Diss., Graz 1995. Werner Suppanz, Österreichische Geschichtsbilder. Historische Legitimationen in Ständestaat und Zweiter Republik, Wien 1998 (Bohlaus zeitgeschichtliche Bibliothek, Bd. 34). Jan Tabor (Hg.), Kunst und Diktatur. Architektur, Bildhauerei und Malerei in Österreich, Deutschland, Italien und der Sowjetunion 1922-1956, 2 Bde., Ausstellung Wien 1994, Katalog Baden 1994.

Emmerich Talos/Wolfgang Neugebauer (Hg.), „Austrofaschismus". Beiträge über Politik, Ökonomie und Kultur 1934-1938, Wien (4)1988 (Österreichische Texte zur Gesellschaftskritik, Bd. 18). Erika Weinzierl/Kurt Skalnik (Hg.), Österreich 1918-1938. Geschichte der Ersten Republik, 2 Bde. Graz 1983.