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Ausgabe 4/99


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Gedenkdienst am United States Holocaust Memorial Museum in Washington

Das Museum ist die nationale Einrichtung der USA zur Dokumentation, für das Studium und das Begreifen des Holocaust. Sie dient als Gedenkstätte für die während des Holocaust ermordeten Millionen Menschen. Seit der Eröffnung des beeindruckenden Gebäudes im April 1993 haben 13 Millionen Menschen das Museum besucht.

Meine Arbeit am Museum läßt sich derzeit ganz allgemein in sieben große Bereiche einteilen.

 

Mitarbeit bei wissenschaftlichen Projekten

 

Seit nunmehr zwei Jahren wird ein wissenschaftliches Projekt unter Zusammenarbeit der gesamten historischen Abteilung des Museums verwirklicht. Es handelt sich dabei um die Erstellung eines „Thesaurus of Concentration Camps, Ghettos, Labor Camps, Detention Camps and Prisons in Europe Du-ring the Holocaust". Die „Division of Senior Historian" im „Center for Advanced Holocaust Studies" (CAHS), in der der Arbeitsplatz der Gedenkdienstleisten-den angesiedelt ist, führt dieses Forschungs- und Publikationsprojekt durch. Als im Moment wichtigste Tätigkeit ist die elektronische Erfassung sämtlicher Nebenlager der Konzentrationslager zu erwähnen. Am Ende soll der Öffentlichkeit eine vollständige und mit Kommentaren versehene Liste bzw. Beschreibung von Orten zur Verfügung stehen, wo Juden und andere Opfer des Naziregimes gefangengehalten wurden. Darüber hinaus veröffentlicht das CAHS immer wieder sehr umfangreiche Bibliographien über Spezialangebote des Holocaust. Das jüngste Beispiel ist das Werk über den jüdischen Widerstand im Dritten Reich und in den von den Nationalsozialisten besetzten Gebieten (Jewish Resistance - A Working Bibliography). Eine der Aufgaben des Gedenkdienst-leistenden besteht darin, neue Werke auszuwählen, sie vorzustellen und die bibliographischen Angaben auf deren Richtigkeit hin zu überprüfen. Oft können nur umfangreiche und zeitintensive Recherchen in der „Library of Congress" die richtigen Angaben zu Tage fördern, wie es z. B. bei der Bibliographie zum Holocaust in Griechenland der Fall war.

 

Beantwortung von Anfragen (telefonisch und schriftlich)

 

Eine der Haupttätigkeiten im Museum besteht in der Beantwortung von Anfragen, die die Abteilung „Division of Senior Historian" erhält. Die Anfragen kommen von anderen Abteilungen des Museums, von Privatpersonen und von privaten oder öffentlichen Institutionen außerhalb des Museums. Viele dieser Anfragen werden von den Senior Historians sofort beantwortet, wie zum Beispiel von Dr. Peter Black, Supervisor der Division of Senior Historian, und der direkte „Vorgesetzte" der Gedenkdienst-leistenden. Manche Anfragen erfordern jedoch eine längere Recherche. Die Forschungsaufträge werden dann entweder von Dr. Black oder von Anna Roe, Junior Historian, den Mitarbeitern, somit auch Gedenkdienstleistenden, zugewiesen. Diese Tätigkeit umfaßt das Aufsuchen bzw. Studium von geeigneter Literatur in der Bibliothek des Museums, Sammeln von Unterlagen und mündet danach in schriftlichen Zusammenfassungen. Folgende kurze Liste soll einen beispielhaften Überblick geben: Nachforschung und Erstellung eines Kurzberichtes über Rapportführer Oswald Kaduk im Konzentrationslager Auschwitz; Erstellung eines detaillierten Berichtes über die Junkers Flugzeug- und Motorenwerke AG (IFM), über deren Tochterfirmen und über deren weiteren wirtschaftlichen Verlauf und die wechselnden Besitzverhältnisse nach 1945; Quellensuche zu dem Deportationstransport Nummer 17. vom 11. Juli 1942 von Hamburg nach Auschwitz; Beschreibung der Bevölkerungs- und der damit verbundenen Steuerpolitik der Nationalsozialisten nach Hitlers Aufstieg im Jahr 1933; Ausfindigmachen von potentiellen Vortragenden zum Themenkreis Verfolgung von Homosexuellen im Dritten Reich;

Mitarbeit bei der Organisation von Ausstellungen

Das CAHS arbeitet derzeit, da dieser Artikel entsteht, fieberhaft an der Umsetzung einer lange geplanten Einweihungskonferenz. Einweihung deshalb, weil das CAHS im Rahmen einer Umstrukturierung innerhalb des Museums neu gegründet worden ist. Unter dem Titel „Holocaust Research and Holocaust Studies in the 21 st Century" werden vom 13. bis 15. Dezember 1999 über 100 Holocaust Forscher am Museum in Washington erwartet. Da diese Konferenz kein fester Bestandteil des Arbeitsplatzes der Gedenkdienstleistenden ist, kann ich in diesem Zusammenhang nur von meinen persönlichen Aufgaben sprechen. Diese bestanden unter anderem darin, potentielle Besucher und Ehrengäste zu kontaktieren, die Präsentation und Werbung für die Konferenz abzustimmen und in Zusammenarbeit mit dem Publications Department umzusetzen, Anfragen detaillierte Informationen die Konferenz betreffend zu versenden und die Anmeldung und den logistischen Ablauf der Betreuung mitzukoordinieren.

 

Führungen für Besucher

 

In den letzten Jahren hat die österreichische Botschaft laufend österreichischen Politikern über die Gedenkdienstleistenden Führungen am Museum vermittelt. Ich kann hierbei noch nicht aus eigener Erfahrung sprechen, da zum einen die Sommermonate aus Tradition eine Jahreszeit sind, in der sehr wenige (österreichische) Politiker die Gelegenheit nutzen zu reisen und da zum anderen die Nationalratswahl die Aufmerksamkeit auf die Ereignisse in Österreich gelenkt hat.

 

Übersetzungsarbeiten

 

Fremdsprachliche Aufträge gehören schon zu den täglichen Aufgaben. Im Rahmen von Anfragen aus dem Ausland und der damit oft verbundenen Materialrecherche ergibt sich immer wieder die Notwendigkeit von unterschiedlichen Fremdsprachenkenntnissen.

 

Besuche bei Emigranten

 

Neben den offiziellen 40 Stunden im Museum, die prinzipiell immer überschritten werden, besteht eine äußerst wichtige Aufgabe der Gedenkdienstleistenden, regen Kontakt zu den österreichischen Emigranten zu pflegen. Oft finden sie in Form von Hausbesuchen an den Wochenenden oder bei gemeinsamen Treffen bei Veranstaltungen, die gleiche Themenkreise berühren (Holocaust-Seminare, Botschaftsempfänge etc.) statt.

 

Sonstige Aktivitäten

 

Zusätzlich zur Konferenz, den wissenschaftlichen Arbeiten und den Anfragen wird im Anschluß an die Konferenz ein Datenbank Projekt gestartet. Die Aufgabe besteht derzeit darin, eine Datenbank zu konzipieren und sie mit Hilfe der Assistenten des CAHS aus den elektronisch vorhanden Informationen zu er-stellen. Aus der gebotenen Kürze ist es mir leider nicht möglich, auf alle wichtigen Details einzugehen. Vor allem die Emigranten mit ihren schillernden persönlichkeiten und ihren so erfahrungsreichen Leben beeindrucken mich immer wieder zutiefst. Sie würde ich hier gerne näher schildern, denn es ist immer wieder faszinierend, ihren Berichten zuzuhören, von ihnen zu lernen oder eine intensive Diskussionen mit ihnen zu beginnen.

Roman Kopetzky

Wirtschafts- und Sozialwissenschafter, Gedenkdienstleistender am USHMM Washington