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Ausgabe 4/99


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Die österreichische Historikerkommission beginnt endlich mit ihrer Arbeit

28 Projekte versuchen, NS-Raub und Restitution nach 1945 zu erfassen

 

Am 1. Oktober 1998 wurde von der österreichischen Bundesregierung eine Kommission unter der Leitung des Präsidenten des Verwaltungsgerichtshofes, Clemens Jabloner, eingesetzt, um den gesamten Komplex der Beraubung durch Nationalsozialisten in Österreich sowie den Umfang der Rückstellungen nach 1945 zu erfassen. Damit reagierte die österreichische Regierung auf den internationalen Druck, der infolge der Einigung von Vertretern von Holocaust-Überlebenden mit den Schweizer Banken und der Einsetzung einer Schweizer Historikerkommission entstanden war.

Die österreichische Kommission wird neben dem schon erwähnten Clemens Jabloner von den Historikerinnen Roman Sandgruber (Universität Linz), Brigitte Bailer-Galanda (Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands, Wien) und Bertrand Perz (Universität Wien), dem Generaldirektor des Österreichischen Staatsarchivs, Lorenz Mikoletzky, und dem britischen Historiker Robert Knight geleitet.

 

Themenbereiche der Projekte

 

Anfang 1999 hat die Kommission Forschungsprojekte aus folgenden zehn Themenbereichen ausgeschrieben:

- „Arisierung" jüdischen Besitzes mit den Teilbereichen Immobilien, Unternehmungen, Wohnungen

- Vereine, Organisationen, Verbände (NS-Dienststelle „Stillhaltekommissar")

-  Zwangsarbeiterinnen in Industrie und Landwirtschaft

- Nationale Minderheiten ( Sloweninnen, Tschechinnen, Kroatinnen, Ungarinnen)

- Roma und Sinti

-  Politisch Verfolgte sowie Verfolgte auf Grund ihrer sexuellen Orientierung

- Katholische Kirche

-  Entstehungsgeschichte der Rück-stellungs- und Entschädigungsgesetzgebung nach 1945

-Analyse der praktischen Vollziehung des Sozialrechts sowie des Rückstellungsrechts nach 1945

-  Juristische und politische Analyse der völkerrechtlichen Aspekte der Rück-stellungs- und Entschädigungsgesetzgebung in Österreich und im Vergleich zu anderen Ländern

 

 

Aufhebung von Archivsperren

 

Über 200 Wissenschaftlerinnen aus sieben Ländern haben sich bis Ende Juni 1999 mit Projekten aus diesen Bereichen bei der Kommission beworben. Die Kommission hat aus allen Bewerbungen nun insgesamt 28 Forschungsprojekte ausgewählt und 35 Millionen Schilling für die Forschung zu Verfügung gestellt. 69 Wissenschaftlerinnen, darunter auch die ehemaligen Gedenkdienstleistenden Dieter Mühl, Niko Wahl und Christian Klösch, werden in den nächsten beiden Jahren diesen Themenkomplex untersuchen. Den Wissenschaftlerinnen werden dabei erstmalig die öffentlichen Archive - unter Aufhebung der unterschiedlich geregelten Archivsperren -zugänglich gemacht werden, darüber-hinaus erwartet die Kommission auch die Öffnung von Parteiarchiven, Einrichtungen der Interessensvertretungen und von privaten Institutionen wie Firmen oder Banken.

In Ergänzung mit der Erforschung internationaler Archivbestände in Moskau, Jerusalem oder Washington sind nun -spät aber doch - von Seiten der Republik die Rahmenbedingungen geschaffen worden, ein möglichst umfassendes Gesamtbild bezüglich des NS-Raubs in Österreich und der Restitution nach 1945 zu erlangen.

 

 

Empfehlungen an Regierung

 

Nach Abschluß der Forschungen Ende 2001 wird die Leitung der Kommission einen Abschlußbericht mit „Empfehlungen" an die österreichische Bundesregierung verfassen.

Es wird dann an der zukünftigen Bundesregierung liegen, Schritte zu setzen, um den Ansprüchen der immer geringer werdenden Zahl von überlebenden Opfern von institutionalisierter Beraubung nach über 60 Jahren Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

 

Christian Klösch

Historiker, ehem. Gedenkdienstleistender am Leo Baeck Institute, New York