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Ausgabe 1/00


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Einfach Beethoven über das KZ legen?

Mythos „Völker verbindende Musik“ – kein Beitrag zu ehrlicher Auseinandersetzung

 

Leon Zelman ist ein Mann mit Gespür für große symbolische Gesten. Er regte die Errichtung eines „Hauses der Zeitgeschichte“ im Palais Epstein in Wien an (siehe GD 3/99). Zelman ist auch der Motor hinter dem Event „Mauthausen 2000“, das am 7. Mai über die Bühne gehen wird. „Die Wiener Philharmoniker und der Wiener Singverein unter der Leitung von Sir Simon Rattle zur Jahrtausendwende im Steinbruch der Gedenkstätte Mauthausen“ ist der Titel des acht-seitigen Konzepts dieser Gedenkfeier auf der Homepage des Innenministeriums

(www.mauthausen-memorial.gv.at/aktuell/mh2000.htm).

 Man erfährt, wie der Steinbruch durch „gestalterische und elektro-akustische Hilfsmittel in einen erfahrbaren virtuellen Klangraum“ verwandelt werden soll. Ziel der Veranstaltung sei „die Überwindung von Grausamkeit und Verbrechen, der Abschied von einem Europa der Kriege in der Hoffnung auf eine friedlichere Zukunft – Beethovens IX. Symphonie, die aus tiefster Dunkelheit zum strahlenden Licht führt.“

 

 

„Beethoven – das haben auch die Nazis spielen lassen“

 

Aber gerade die Wahl der Wiener Philharmoniker und Beethovens IX. mit Schillers „Ode an die Freude“ im Steinbruch aufzuführen , wo der „Boden dieser riesigen Zwingburg mit dem Blut zehntausender unschuldiger Menschen getränkt (ist)“ (Zitat BMI-Homepage) stößt auf wachsenden Widerstand. Joe Zawinul, der 1998 in Mauthausen seine kürzlich auf CD erschienene Komposition „Vom Großen Sterben hören“ aufführte, bringt das Unbehagen auf den Punkt: „Ich fände es besser, wenn die Philharmoniker etwas Neues spielen würden und nicht Beethoven. Das haben auch die Nazis spielen lassen.“ Der Historiker Bertrand Perz pflichtet bei: „Zawinul hat sich musikalisch intensiv mit Mauthausen auseinandergesetzt, die Philharmoniker hingegen wollen einfach Beethoven über das KZ legen.“ (Falter 11/00)

In der Tat bleibt die Frage offen, warum die Wahl gerade auf Beethoven fiel und nicht auf ein Werk eines im Holocaust ermordeten Komponisten oder überhaupt ein Werk eines zeitgenössischen Komponisten, das sich mit dem Holocaust auseinandersetzt? Clemens Hellsberg, Präsident der Philharmoniker, ging bei der Programmwahl von folgender Fragestellung aus: „Was können wir als Orchester dazu beitragen, die Welt menschlicher zu machen, die Furcht vor der Zukunft, wie sie der Beginn eines neuen Jahrtausends wohl auch mit sich bringt, zu mindern und durch Zuversicht und Hoffnung zu ersetzen?“ Die Antwort fand er bei der traditionellen kulturpolitischen Sendung Österreichs: „Mit jenem Aufbruch in eine menschenwürdige Zukunft, der auf diesem Bekenntnis zur Vergangenheit basiert und durch das Konzert in Mauthausen symbolisiert wird, wollen wir einen positiven Beitrag zum Bild unseres Heimatlandes leisten, dessen Bewohner in der Vergangenheit zwar viel Leid erfahren, aber auch viel Schuld auf sich geladen haben, das jedoch gerade auf dem Gebiet der Musik dieser Welt soviel geschenkt hat.“

 

 

Neue Sprechweisen gefordert – auch von Kulturschaffenden

 

Geoffrey Hartmann fordert in seinem Buch „Der längste Schatten“ die Kulturschaffenden auf, neue künstlerische Sprechweisen zu entwickeln, um das Gedenken an den Holocaust auch in Zukunft ohne die Zeugenschaft der Überlebenden sicherzustellen. Von dieser neuen Zeugenschaft sind die Philharmoniker meilenweit entfernt. Statt dessen machen sie das, was sie immer gemacht haben: Sie verbinden ihre traditionell perfekte Interpretation Beethovens mit überkommenen Österreich-

Klischees und präsentieren dieses Bild als zukunftsweisend für das 21. Jahrhundert. Österreich, das Land der Völker verbindenden Musik, dem kriegerische Brutalität wesensfremd ist – ein Mythos, der wenig zur Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus leisten kann, viel aber für seine Verdrängung und/oder seine Verharmlosung.

Für Michael Zink, Leiter des Gedenkstättenbeirats im Innenministerium, stand von Anfang an der Symbolcharakter des Engagements der Philharmoniker im Vordergrund. Er hofft, dass Mauthausen in das Bewußtsein breiterer Bevölkerungsschichten treten würde. Zink streicht den Willen der Philharmoniker hervor, auf ihre ganz spezifische Art und Weise Stellung zur Thematik zu beziehen. Das Engagement der Philharmoniker ist sicherlich gut gemeint, doch hat der Mythos des Jahrtausendwechsels den klaren Blick auf die Symbolik des Ortes verstellt. Es ist daher auch nicht zu erwarten, dass österreichische FernsehzuschauerInnen am 7. Mai durch die Übertragung des Konzerts für Verfolgung und Ermordung von Menschen im Österreich der Zeit des Nationalsozialismus sensibilisiert werden.

 

 

Die Vergangenheit hat unsere Gesellschaft wieder eingeholt

 

Hätte es keinen Regierungswechsel zu Schwarz/Blau gegeben, hätte dies wohl kaum jemanden sonderlich gestört. Der Event-Charakter und die Teilnahme der internationalen Prominenz von

Romano Prodi bis Elie Wiesel wäre im Vordergrund gestanden. Doch die Vergangenheit hat die österreichische Gesellschaft wieder einmal eingeholt. Die neue schwarz/blaue Regierung und die damit verbundenen Absagen und Ausladungen haben deutlich vor Augen geführt, wie substanzlos der Ansatz der Philharmoniker ist. Martha Halpert von der Anti-Defamation-League hat sich als eine der schärfsten Kritikerinnen des ästhetischen Konzepts der Veranstaltung zu Wort gemeldet. Aber auch Organisationen wie Mauthausen Aktiv Österreich und die Österreichische Lagergemeinschaft, die ursprünglich das Konzept voll unterstützten, treten nun als Kritiker auf. Bei ihrer Kritik geht es dabei nicht so sehr um das Konzept der Philharmoniker sondern um die Teilnahme des offiziellen Österreichs. Sie drohten, zum Boykott des Konzerts aufzurufen, falls ein Regierungsmitglied der Koalition kommen sollte. Die ganze Veranstaltung schien kurz vor der Absage. Ex-Justizminister Krüger (FPÖ) kündigte im Februar schon seinen Besuch an, was zu einem Aufschrei der Empörung führte. Hatte er doch 1995 die Diktion seines damaligen Parteichefs Haider „Konzentrationslager = Straflager“ im Parlament lautstark verteidigt. Der Rücktritt Krügers löste dieses Problem von selbst.

Innenminister Strasser sah sich mit der Situation konfrontiert, eine Veranstaltung organisieren und finanzieren zu müssen, bei der seine Anwesenheit von allen OrganisatorInnen – mit Ausnahme Leon Zelmans – nicht erwünscht war. Um dieser peinlichen Situation zu entkommen, beauftragte Strasser eine private Event-Agentur, die offiziell als Veranstalter des Konzerts gilt. Dies war plötzlich auch dadurch notwendig geworden, da sich das Bundesheeraußerstande sah, das notwendige Material zum Aufbau der Bühne zur Verfügung zu stellen. Dieses Gerät, so hieß es dazu vom Militärkommando Oberösterreich in einer mehr als fragwürdigen Begründung, sei unabkömmlich, da man Anfang Mai mit Überschwemmungen in Oberösterreich rechne. Dass die Beauftragung der Event-Agentur durch das Innenministerium und die Absage des Bundesheers durch das Verteidigungsministerium akkordiert waren ist naheliegend – befreien sich doch beide Minister aus der misslichen Situation, eigentlich zur Feier kommen zu müssen, aber nicht zu können.

 

 

Lernorte für Jugendliche sind notwendig

 

Laut Info-Illustrierter NEWS kosten sämtliche Befreiungsfeiern in Österreich dieses Jahr (siehe Kasten), trotz des Gagenverzichts der Philharmoniker, rund 30 Millionen Schilling. Ein Betrag, der angesichts der Verantwortung der Republik für die Gedenkstätten mehr als gerechtfertigt ist. Doch sollte man sich im zuständigen Ministerium überlegen, wie, abseits der jährlichen Gedenkfeiern, KZ-Gedenkstätten in Österreich zu Lernorten für die Jugend gemacht werden können. Laut dem Historiker Bertrand Perz liegen wissenschaftliche und pädagogische Konzepte zur Reform der Holocaust-Gedenkstätten schon lange in der Schublade des Innenministeriums. Angesichts des traurigen Zustands der Gedenkstätte Mauthausen ist dringend Geld für den Aufbau eines ordentlichen Archivs und einer Bibliothek notwendig. Insbesondere die Errichtung einer internationalen Jugendbegegnungsstätte nach dem Vorbild der Begegnungsstätten in Auschwitz und Theresienstadt ist mehr als überfällig.

Erst letztes Jahr wurde ein Beirat im Ministerium eingesetzt, der diese erwähnten Konzepte durchsetzen soll. Dafür werden wohl mehr als die erwähnten 30 Millionen Schilling notwendig sein, und das nicht nur vom Innenministerium. Durch Kürzungen im Unterrichtsbudget fuhr letztes Jahr z. B. keine einzige (!) österreichische Schulgruppe zur Jugendbegegnungsstätte Theresienstadt. Mit den kolportierten 30 Millionen Schilling könnte Gedenkdienst 500 siebentägige Studienfahrten mit begleitenden pädagogischen Programmen zu den Jugendbegegnungsstätten Theresienstadt oder Auschwitz für 10.000 österreichische SchülerInnen pro Jahr organisieren …

 

Christian Klösch, Historiker, ehem. Gedenkdienstleistender am Leo Baeck Institute, New York