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Ausgabe 1/00


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Die Wiener Philharmoniker im NS-Staat

Ein glänzendes Beispiel österreichischen Vergessens

 

Anlässlich der heuer stattfindenden Gedenkfeiern in Mauthausen werden auch die Wiener Philharmoniker auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers auftreten. Wie bei vielen Institutionen stellt sich auch bei Österreichs Paradeorchester die Frage nach seiner Rolle im Dritten Reich.

 

Das Jahr 1938 stellte kulturell keinen wirklichen „Umsturz“ dar, ebensowenig wie das Jahr 1945 die vielbeschworene „Stunde Null“. Einzelheiten dieser Epoche österreichischer Musikgeschichte sind noch nicht aufgearbeitet. So fehlen genaue Untersuchungen zu persönlichen und materiellen Verflechtungen mit dem nationalsozialistischen Regime. Auch der Umfang der Arisierung jüdischen Eigentums ist noch nicht geklärt.

Einzig die unleugbare Tatsache, dass durch Emigration, Deportation und Ermordung jüdischer und politisch missliebiger Musiker ein menschlich und künstlerisch nicht wieder gutzumachender Aderlass stattfand, ist in Einzelstudien wissenschaftlich untersucht worden. Bedauerlicherweise ist festzustellen, dass die meisten Migrationsstudien aus dem englischsprachigen Raum stammen.

Auch die Wiener Philharmoniker haben es bis heute verabsäumt, sich ihrer Vergangenheit ernsthaft zu stellen. Wie alle Kulturinstitutionen, denen es erlaubt war weiter existieren zu dürfen, wurden die Philharmoniker Teil der nationalsozialistischen Propagandamaschinerie. Von einer erzwungenen Eingliederung in diese kann aber keine Rede sein. Im Gegenteil, schon am 14. oder 15. März 1938 drängte der neu ernannte Vorstand unter Leitung Wilhelm Jergers darauf, vor dem Führer spielen zu dürfen. Am 22./23. April fand schließlich in Berlin ein Konzert vor den Spitzen der Partei statt.

Das gute Einvernehmen mit den Nationalsozialisten kam nicht von ungefähr. Viele Musiker waren oder wurden Mitglieder der Partei. Wilhelm Jerger (1902-1978) war schon seit 1932 Mitglied der NSDAP und wurde später Ratsherr der Stadt Wien, SS-Untersturmführer und Kreisleiter. In Verbindung mit dem Anschluß waren 14 Mitglieder des Orchesters der Partei beigetreten, zu denen 25 weitere Kollegen kamen, welche diesen Schritt schon vor 1938 vollzogen und nach dem Verbotsgesetz des Jahres 1933 teilweise sogar illegal der NSDAP angehört hatten. Der anfangs schon hohe Anteil von 36 Prozent an Parteimitgliedern stieg bis 1945 auf rund 42 Prozent an. Wieviele der Künstler tatsächlich aus politischer Überzeugung und welche nur aus beruflichen Gründen Mitglieder wurden, läßt sich nicht mehr ermitteln, da nach Ende des Regimes keine Untersuchungen zur Rolle der einzelnen Musiker durchgeführt wurden.

 

Auf der anderen Seite mussten aus rassischen und politischen Gründen zwölf aktive Mitglieder das Orchester verlassen. Bekannt ist allerdings ein konkreter Fall, in dem der Verein seine Verbindungen nutzte um einen Philharmoniker zu retten. Der Primgeiger Josef Geringer wurde am 9. November 1938 verhaftet und in das Konzentrationslager Dachau verschleppt. Auf Intervention Jergers wurde Geringer freigelassen. Dieser humane Akt ist aber singulär und sicherlich durch die persönliche Freundschaft mit dem Kollegen zu erklären. Einen wie immer gearteten Widerstand gegen das Regime gab es innerhalb der Philharmoniker nicht.

Bedroht waren aber auch neun weitere Musiker, die als „Mischlinge“ oder „Versippte“ um ihren Beruf oder um das Leben ihrer Angehörigen bangen mussten. Der drohende weitere Aderlass an Künstlern hätte eine empfindliche Einschränkung der Spielfähigkeit des Orchesters dargestellt. So wurden, wieder mit Hilfe politischer Verbindungen, Sondergenehmigungen erwirkt, die es den neun gefährdeten Mitgliedern erlaubten, bis zum Ende des Dritten Reiches beruflich tätig zu bleiben. Inwieweit dies einen humanitären Akt darstellte, ist stark anzuzweifeln. Wahrscheinlicher ist, dass man bemüht war, das künstlerische Niveau zu halten und so weiterhin der Rolle als kulturell und propagandistisch bedeutsame Institution gerecht zu werden.

 

Bedeutsam für das Orchester war die Wahrung seines Vereinsstatus. Am 7. Dezember 1938 langte ein Bescheid des „Stillhaltekommissars für Vereine, Organisationen und Verbände ein“, demzufolge der Verein „gelöscht und das Vermögen eingewiesen wird in die Staatstheater und Bühnenakademie, Wien“. Dieser Bescheid wurde jedoch wenig später zurückgezogen. Der Verein erstellte eine Reihe neuer Statuten, die mit den Vorstellungen der Machthaber konform gingen. Das Ensemble wurde „in die Sonderklasse der Vergütungsordnung der Tarifordnung für die deutschen Kulturorchester“ eingereiht. Dieser Vorgang mag für die Betroffenen sehr dramatisch gewirkt haben, doch war nur von einer „Löschung“ im Sinne einer folgenden Verstaatlichung, nicht von einer Auflösung der Philharmoniker die Rede. Im Gegensatz zu so vielen jüdischen und politischen Vereinen waren die Wiener Philharmoniker nie in ihrer Existenz gefährdet.

Wenn die Wiener Philharmoniker heuer in Mauthausen auftreten, wäre es wünschenswert, dass man sich tatsächlich erinnert und bereit ist, sich offen und ehrlich mit der Geschichte des Orchesters zu beschäftigen. Die gefährliche und unglückliche Verbindung von totalitärer Politik und Kunst soll und muss als Mahnung gerade heute allen vor Augen geführt werden.

 

Markus H. Lenhart, studiert Kunstgeschichte und Geschichte, Gedenkdienstmitarbeiter in Graz

 

Literatur:

Clemens Hellsberg, Demokratie der Könige.

Die Geschichte der Wiener Philharmoniker, Mainz/Zürich/Wien 1992.

Michael H. Kater, Die missbrauchte Muse. Musiker im Dritten Reich, München/Wien 1998.

Gottfried Kraus (Hg.), Musik in Österreich. Eine Chronik in Daten, Dokumenten, Essays und Bildern, Wiener Neustadt 1989.